Soziale Medien im US-Wahlkampf Dreck für alle!

Im Netz kursiert ein altes Nacktfoto von Donald Trumps Frau, Anmerkung: "Ihre nächste First Lady". Die sozialen Medien haben ihre neue Schlammschlacht.

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Donald und Melania Trump
REUTERS

Donald und Melania Trump


Da liegt sie. Klunker am Hals, Klunker an den Handgelenken. Ansonsten trägt die Frau auf dem Bild nichts. Der Pelz, auf dem sie liegt, verdeckt dürftig ihre Blöße, Handschellen fesseln sie an eine Tasche, ihr Schlafzimmerblick fokussiert den des Betrachters. "Treffen Sie Melania Trump", steht darüber. "Ihre nächste First Lady." Und darunter: "Oder Sie könnten am Dienstag Ted Cruz unterstützen."

Dieses Mem tauchte kurz vor den Vorwahlen in Utah in Facebook- und Instagram-Timelines mormonischer Wählerinnen des Staates auf. Die implizite Botschaft: Diese Frau ist unmoralisch und promiskuitiv.

Der sozialmediale Schlag gegen Trumps Frau Melania ist ein neuer Tiefpunkt eines an Tiefpunkten überreichen Wahlkampfs.

Gut, das Foto ist nicht gerade eine Sternstunde des Feminismus - aber sicher auch kein Grund, sich aufzuregen. Die 45-Jährige hat in den Neunzigerjahren als Model Karriere gemacht. Das Bild stammt aus einem Shooting für die britische "GQ" von 2000. Ein Foto von der Arbeit also. Bäckerinnen stehen bei ihrer Arbeit in der Backstube, Models posen vor Kameras, manchmal auch auf Pelzen und manchmal eben nackt. Ted Cruz' Frau Heidi sitzt bei ihrer Arbeit übrigens in einem Büro. Als Investment-Managerin bei Goldman-Sachs. Das kann man moralischer finden. Oder auch nicht.

Aber was hat der Job von Trumps Frau mit seinem Wahlkampf zu tun? Schwer zu sagen. Um sein Image zu schädigen, ist das Bild bei Weitem zu brav. Das kann Trump allein besser (siehe seine Haltung gegenüber Frauen, seine öffentlichen Ausraster oder sein Fabulieren über den Dritten Weltkrieg). Und für Utahs Mormonen hatte sich der fluchende (Fluchen ist für Mormonen eine Sünde), Einwanderer diskriminierende (sie selbst waren Opfer diskriminierender Einwanderungspolitik) Präsidentschaftskandidat sicher schon lange ganz ohne fremde Hilfe aus dem Rennen geworfen.

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Melanie Trump: Die Vielleicht-First-Lady
Bild und Spruch sind ein besonders durchsichtiger Fall von Slut Shaming, dem Angreifen von Frauen wegen ihrer Sexualität. Weil sie ihren Job machte, wird pseudo-moralisch Melania Trumps Eignung als First Lady infrage gestellt. Jeder, der des Denkens mächtig ist, erkennt, wie blöd das ist.

Doch die sozialen Medien haben unsere Debattenkultur und den Wahlkampf emotionalisiert. Mitunter wirken der fiese Witz, die undurchdachte Krittelei so stark, dass sie alle Tatsachen unter sich begraben. Das macht ein Phänomen wie Trump als ernsthaften Präsidentschaftskandidaten erst möglich. Denn seine Ausfälle scheinen einer Strategie zu folgen.

Auf die Netzkampagne gegen seine Frau reagierte er, wie wohl die meisten seiner potenziellen Wähler auf ihren Blogs, Facebook-Seiten und in Kommentarspalten auf einen Angriff reagieren würden: wütend, unüberlegt und voreilig. Auf Twitter geiferte er: "Der verlogene Ted Cruz hat gerade ein Foto von Melania bei einer G.Q.-Fotosession in seiner Werbung benutzt. Sei vorsichtig, Lügen-Ted, oder ich werde über deine Frau auspacken!"

"Ich weiß, dass du wirklich sauer bist"

Trumps ätzende Überreaktion bescherte dem Foto mehr Publicity, als die Macher sich je erhoffen durften. Aber es sind eben auch diese scheinbar spontanen Ausbrüche, die Trump seine Popularität beschert haben. In seiner unbeholfen wirkenden, kurzsichtigen Art, mit sozialen Medien umzugehen, erkennen sich sicher viele Menschen wieder - und halten ihn für einen aus dem Volk. Insofern könnte man sein Twitter-Gebaren auch als geschickte Masche werten.

Für geschickt halten sich jedenfalls die Initiatoren der Melania-Kampagne. Nicht mal eine Viertelstunde brauchte Liz Mair, der Kopf von "Make America Awesome", einer unabhängigen, von Republikanern geführten Anti-Trump-Kampagne, für ihre Antwort. "Hi Donald", schrieb sie auf Twitter, "ich weiß, dass du wirklich sauer über das Bild bist, aber es stammt von Make America Awesome, nicht von Ted Cruz."

Liz Mair ist so eine Art Social-Media-Rockstar der Republikaner und bekannt für ihre aggressiven Netzkampagnen. Etwa für John McCain und Sarah Palin. Auf ihrer Website streckt sie revoluzzerhaft die Zunge raus, ihr Name prangt in AC/DC-Typo auf der Seite.

So viel Dreck wie möglich

In diesem Fall, könnte man denken, hat die "New Media"-Strategin ein Eigentor geschossen. Viele Twitter-Nutzer schlugen sich auf Melania Trumps Seite und verurteilten die Kampagne.

Medien wie die "New York Times" und die "Washington Post" allerdings kritisierten Donald Trumps Twitter-Drohung - und rätselten zugleich, ob es sich bei dem Geheimnissen über Cruz' Frau um Details von 2005 handeln könnte. Von diesem Jahr spricht Ted Cruz als ihre "Zeit der Depression".

Hat Mair nun ein schlechtes Gewissen, dass sie mit ihrer Attacke auf Melania Trump den Fokus auf Cruz' Frau gelenkt hat? Nicht im Geringsten. Ihr scheint es einfach darum zu gehen, so viel Dreck wie möglich aufzuwirbeln. Das legt zumindest ihre Anwort auf eine Anfrage der US-Website "Slate" nahe: "Wenn ich gewusst hätte, was für einen Aufruhr dieses Bild auslösen würde, hätte ich bei zwei anderen Motiven nicht den Stecker gezogen, die noch viel kontroverser waren."

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Seite 1
Campioni 24.03.2016
1. ...die Geister, die er rief...
...wird er nun nicht mehr los...
darthmax 24.03.2016
2. Schlammschlacht
erstaunlicherweise zwischen den Rep Kandidaten, da braucht Hillary sich garnicht mehr anzustrengen mit weiteren Schlammwürfen. Hübsch ist aber Frau Trump doch anzusehen, auch wenn die Fotos schon ein bisschen alt sind.
olli118 24.03.2016
3. Kaum zu überbieten
Naja, verdient hat er es ja, der Donald, dass nun auch mal auf ihn scharf geschossen wird. Nackerte First Lady, das ist ja auch mal ein Novum. Aber wo da der Aufreger sein soll? Typisch Amerika: da führen nackte Brüste zu einem grösseren Aufschrei als nackte Gewalt.
upalatus 24.03.2016
4.
Das gibt erst mal mehr Wählerstimmen für Trump. Nicht wenige Männer werden anerkennend sagen: Wer so einen Hasen an Land zieht (egal wie) und halten kann (ebenfalls egal wie), machts richtig! Guter Mann! Das Reale dahinter interessiert keinen.
Tante_Frieda 24.03.2016
5. Scheinheilig
Für Trump muss man keine Sympathien haben.Deshalb muss man aber noch lange nicht die Scheinheiligkeit vieler US-Medien gutheißen,wenn es um Sexuelles geht (mittlerweile haben ja auch hiesige Medien diesen einträglichen Empörungsjournalismus übernommen).Das ist ja längst nicht auf die Politik beschränkt.Wenn etwa ein Schauspieler,eine Schauspielerin zu Hollywood-Berühmtheit und Millionengagen gelangt,gräbt garantiert irgendein Blättchen ein Nacktfoto aus alten,weniger glücklichen Tagen hervor,aus dem hervorgeht,dass der/die Prominente mal vor zehn Jahren in ein paar Pornos mitgespielt hat,um die Miete für das Apartment bezahlen zu können.
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