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"Dr. Death": Fanatischer Pionier der Sterbehilfe ist tot

Er wurde als "Dr. Tod" bekannt: Der Pathologe Jack Kevorkian setzte sich in den USA für Sterbehilfe ein und erlöste über hundert Menschen auf deren Wunsch von ihrem Leiden. Jetzt starb der 83-Jährige - eines natürlichen Todes.

Jack Kevorkian war einer der ersten und entschiedensten Befürworter von Sterbehilfe Zur Großansicht
dapd

Jack Kevorkian war einer der ersten und entschiedensten Befürworter von Sterbehilfe

New York - Anders als die Patienten, denen er in einem alten Campingbus, auf Zelt- und Parkplätzen, Sterbehilfe geboten hatte, wartete Dr. Jack Kevorkian die Stunde seines natürlichen Todes ab. Der umstrittene Verfechter der Sterbehilfe ist nach Angaben seiner Anwälte im Alter von 83 Jahren in einem Krankenhaus im US-Bundesstaat Michigan gestorben. Todesursache sei offenbar ein Blutgerinsel gewesen, das sich im Herz festgesetzt habe. Seinem Anwalt zufolge starb Kevorkian "friedlich", seine Nichte habe am Sterbebett gesessen.

Bereits vergangenen Monat war er wegen Nieren- und Herzproblemen in das Krankenhaus eingeliefert worden. "Dr. Death" oder "Dr. Tod", wie er in den Medien hieß, war seit Jahren krank. Er wurde schon 2007 wegen eines nicht näher bekannten Leidens begnadigt und vorzeitig aus der Haft entlassen. Nach eigenen Angaben hat Kevorkian 130 Menschen mit Gift-Injektionen und tödlichem Gas beim Selbstmord geholfen. In einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN sagte er im vergangenen Jahr, seine Taten "in keiner Weise" zu bereuen.

Kevorkian wuchs als Sohn armenischer Einwanderer in einfachen Verhältnissen in Pontiac im Bundesstaat Michigan auf. Er praktizierte als Pathologe, geriet aber schon vor seiner Kampagne für ärztliche Sterbehilfe ins Kreuzfeuer der Kritik. Damals setzte er sich dafür ein, zum Tode verurteilten Schwerverbrechern die Möglichkeit zu bieten, durch ein nicht-toxisches Mittel zu sterben und ihre Organe zur Transplantation zur Verfügung zu stellen.

Der "starrhalsige Advokat" saß acht Jahre im Hochsicherheitsgefängnis

Freunde charakterisierten Kevorkian als witzig und liebenswert, wie die "New York Times" schrieb. Aus seinem Arbeitsumfeld hieß es dagegen, er sei seltsam, leicht grimmig und aufbrausend gewesen. "Dr. Death" war nie verheiratet, leistete sich keinen Luxus und erwarb seine Kleidung hin und wieder aus zweiter Hand bei der Heilsarmee. Er ging in die Niederlande, um Techniken für die Sterbehilfe zu erlernen, die ihn nicht hinter Gitter bringen würde. Danach entwickelte er seine Todesmaschine, die lebensmüde Patienten mit Alzheimer oder anderen schlimmen Krankheiten per Knopfdruck das Ende ihres Leidens verschafften.

Erst als er 1999 das Sterben eines 52-Jährigen per Video aufzeichnete und dann im Fernsehen Millionen von Amerikanern vorführte, schlug die Justiz zu. Kevorkian hatte dem unheilbar Kranken eine tödliche Injektion gegeben. Er wurde von einer Jury in Michigan wegen Totschlags zu einer Haftstrafe von 10 bis 25 Jahren verurteilt. Nach acht Jahren in einem Hochsicherheitsgefängnis gelobte Kevorkian, nie wieder aktive Sterbehilfe zu leisten. Danach wurde es ruhig um den kämpferischen Aktivisten, bis ihn jetzt der eigene Tod ereilte.

US-Medien wie die "New York Times" würdigten ihn am Freitag, wenige Stunden nach seinem Tod, als "starrhalsigen Advokaten für das Recht von Sterbenskranken, den Zeitpunkt und die Art ihres Todes in die eigene Hand zu nehmen".

In den USA haben nur Oregon und Washington Gesetze zum medizinischen Beistand bei Selbstmord verabschiedet. In beiden Bundesstaaten machten bislang mehr als 650 Sterbewillige davon Gebrauch. Medizinische Sterbehilfe ist ein heftig umstrittenes Thema in den USA. Einer aktuellen Umfrage des Gallup-Instituts zufolge halten 45 Prozent der US-Bevölkerung Sterbehilfe für moralisch richtig, 48 Prozent lehnen diese ab.

lgr/dpa/AFP

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1. Titelverweigerer
Indigo76 03.06.2011
Zitat von sysopEr wurde als "Dr. Tod" bekannt: Der Pathologe Jack Kevorkian setzte sich in den USA für Sterbehilfe ein und erlöste über*hundert Menschen auf deren Wunsch von ihrem Leiden. Jetzt starb der 83-Jährige - eines natürlichen Todes. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,766554,00.html
Als Christ lehne ich für mich jede Form der Sterbehilfe ab. Aber ich kann nur für mich sprechen. Unverständnis kann ich allerhöchstens noch einem anderen Christen gegenüber aufbringen, der Sterbehilfe befürwortet. Aber wer bin ich, dass ich mir ein Urteil über einen Menschen bilde, der eine völlig andere Moralvorstellung hat als ich; und dem seine Moral ebenso schlüssig und richtig ist, wie mir meine? Christentum und Gesetze zur Sterbehilfe sind zwei Dinge, die sich nicht gegenseitig ausschließen. Solange kein Christ zur Sterbehilfe gezwungen wird (soweit wirds ja hoffentlich nicht kommen) ist doch alles in Ordnung.
2. ...
L0k3 03.06.2011
Wer sind wir das wir Menschen vorschreiben wann und wie sie aus dem Leben zu scheiden haben. Wenn jemand der bei klarem Verstand ist den Willen zum Ausdruck bringt er möchte nicht mehr leben dann soll man seinen Wunsch erfüllen. Alles andere ist weder Ethisch noch moralisch vertretbar. Nebenbei hätte es eventuell den effekt das die Deutsche Bahn etwas pünktlicher wär. Natürlich sollte nicht jeder Arzt Sterbehilfe leisten dürfen um Missbrauch auszuschließen aber anonsten sollte jeder selber entscheiden dürfen ob er leben will oder nicht. Allerdings füge ich noch hinzu wer Tot ist verliert alle Rechte an seinem Körper (Die Verwandten auch dieser Begräbniss Irrsinn hat eh seine Grenzen erreicht) so das die Organe des Toten der Medizin ohne einwilligung oder Genemigung zur Verfügung stehen. Wenn er unbedingt sterben will oder ggf. muss kann er ggf. anderen auch noch das Leben retten. Ich frage mich eh wieso es das in unserer sonst so moralisch verwahrlosten Welt noch nicht gibt.
3. Pionier
zeitmax 03.06.2011
Das Recht auf Selbstbestimmung sollte vor dem Freitod nicht haltmachen.
4. Sterbehilfe
My2Cents 04.06.2011
*@Indigo76:* Sehr gut gesagt. Meine Hochachtung. *@L0k3:* Ich stimme Ihnen voll zu, was das Recht auf den eigenen Tod anbetrifft. Nur, die Entscheidung, ob man Organe spenden will oder nicht, gehört ebenso zur freien Entscheidung eines Menschen über seinen Körper wie alles andere. Ich bin beispielsweise ein Gegner der Organspende. Die Erde platzt eh schon aus allen Nähten vor lauter Menschen, da muss man nicht der Natur mit allen Mitteln noch zusätzlich in die Hände pfuschen und den natürlichen Gang aller Dinge unnötig hinauszögern. Wenn die eigenen Organe nicht mehr das Leben erhalten können, dann muss das meiner Ansicht nach als "das Leben" akzeptiert werden können.
5. Rechte
lillykatze 04.06.2011
Euthanasie ist weltweit ein Schimpf- und Schandewort geworden, weil (Un)Menschen ihre Macht missbraucht haben um ihre Ideologie durch zu setzen. Darum werden wir auch in den nächsten 500 Jahren keinen gesunden Bezug zur Selbstbestimmung wieder finden. Immernoch gibt es skrupellose Menschen, die andere nur für eine Niere ausschlachten oder abschlachten. Also werden wir da aus Angst keine normale Lösung finden. Allerdings frage ich mich auch, wie Länder zwar Todesurteile fällen können aber selbstbestimmtes Sterben verurteilen.
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Arten der Sterbehilfe
Aktive Sterbehilfe
Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).
Passive Sterbehilfe
Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.
Indirekte aktive Sterbehilfe
Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.
Assistierte Selbsttötung
Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Allerdings haben mehrere Landesärztekammern die Formulierung abgewandelt oder gar nicht in ihre Berufsordnungen übernommen. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren wegen Sterbehilfe zum Entzug der Approbation gekommen wäre.
Patientenverfügung
In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a, Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material stellt das Justizministerium zur Verfügung.

Die Debatte
Brauchen wir die Diskussion über Sterbehilfe?
AP
Sollen Ärzte schwerkranken Patienten auf deren Wunsch hin beim Suizid helfen oder deren Leben aktiv beenden dürfen? Stets behaupteten Ärztefunktionäre, die deutsche Ärzteschaft lehne dies einhellig ab: "Wir brauchen diese Debatte nicht", erklärte Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, noch im November 2008 gegenüber dem SPIEGEL. Bald darauf sorgte ein SPIEGEL-Bericht für Unruhe in der Ärzteschaft: Er beschrieb, wie Mediziner in Deutschland sehr wohl im Verborgenen Sterbehilfe leisten. Eine repräsentative SPIEGEL-Umfrage unter Ärzten ergab, dass knapp 40 Prozent aller Mediziner bereit wären, Patienten beim Suizid zu helfen.
Die Beihilfe zum Suizid ist straffrei
Die Bundesärztekammer gab daraufhin ihrerseits beim Institut für Demoskopie Allensbach eine Ärztebefragung in Auftrag. Deren bislang unveröffentlichte Ergebnisse erzwingen nun doch die bislang tabuisierte Debatte. Die Bitte um Hilfe beim Suizid, so der Befund, wird häufiger als erwartet an Ärzte herangetragen. Mehr als jeder dritte Arzt gab an, damit schon konfrontiert worden zu sein, unter den Hausärzten sogar jeder zweite. Für 37 Prozent aller Ärzte käme es in Frage, einem Patienten zu helfen, sich das Leben zu nehmen - zum Beispiel indem er ihm ein tödliches Medikament zur Verfügung stellt, das der Kranke selbst einnimmt. Die Beihilfe zum Suizid ist straffrei. Standesrechtlich kann sie jedoch geahndet werden. 25 Prozent der Befragten können sich sogar vorstellen, aktive Sterbehilfe zu leisten, etwa indem sie einem Patienten ein tödliches Medikament spritzen. Als "Tötung auf Verlangen" steht dies unter Strafe.
Was der Patient bestimmen kann
Verlangt dagegen ein Patient vom Arzt, die Behandlung abzubrechen und sein natürliches Sterben zuzulassen, beispielsweise durch Abschaltung der Beatmungsmaschine, dann ist der Arzt an diesen Willen gebunden.

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