Von Gudrun Altrogge
Dschungelkönigin wird sie allen Prognosen zufolge werden, Quotenkönigin dürfte sie schon jetzt sein: Die bis zu 48 Prozent Marktanteil bei den werberelevanten TV-Zuschauern, die RTL mit dem Dschungelcamp bislang holt, verdankt der Sender zu einem nicht unerheblichem Teil Olivia Jones. Deutschlands bekanntester Drag-Queen ist über zwei Meter groß und nicht nur deshalb schwer zu übersehen. Sie bringt seit einer Woche Farbe ins hauptsächlich von Langeweilern und Nervtötern bevölkerte Format. Wer aber ist die Frau beziehungsweise Mann eigentlich?
Oliver Knöbel, so der richtige Name von Olivia Jones, wurde 1969 in Springe bei Hannover geboren. Oliver hatte schon früh den Hang, lieber Olivia zu sein. Als er fünfzehn Jahre alt ist, beginnt er damit, im Transen-Fummel zur Schule zu gehen. "Die Mitschüler fanden das klasse", erinnert er sich. "Nur die Eltern der anderen Schüler hatten damit ein Problem und beschwerten sich dann gern beim Direktor."
Mit einem Mix aus Herzlichkeit, Ironie, stoischer Gelassenheit und einer ordentlichen Portion Witz meistert Oliver alias Olivia das Dschungelcamp wie kein anderer Kandidat vor ihr. Die beiden ersten Tage kümmert sie sich einfühlsam um Helmut Berger: "Okay, du darfst ins Camp pinkeln, du bist schließlich Helmut Berger." Sie tadelt und adelt den einstmals schönsten Mann der Welt und das, was davon übrig blieb, in einem Satz.
Als Kandidat Joey sie so naiv wie dämlich fragt: "Hast Du eigentlich einen Penis?" wird der Castingshow-Dropout geduldig aufgeklärt: "Ich bin ein Transvestit, das ist ein Mann, der sich gern als Frau verkleidet. Transsexuelle Menschen empfinden sich als im falschen Körper geboren." Wahrscheinlich nur für Joey eine komplizierte Erklärung: " Das ist ja wie Mathe." Kurz, krass und präzise auch Olivias Bemerkung für das minutenlange Blankziehen von Klaus Baumgart: "Das ist wahrscheinlich unsere Dschungelprüfung!"
Pornos mit Dirk Bach
Im Dschungelcamp nennt sich Olivia gern "die Mutti" und motiviert sogar notorische Zicken wie Georgina ungestraft zum Vernaschen diverser Ekligkeiten aus der Dschungel-Speisekarte von RTL: "Los runterschlucken, du Luder!" Ohne Wimpernzucken futtert sie sich tapfer durch eine Riesenportion lebender Regenwürmer, Maden und Skorpione - in einer Art, die ahnen lässt, dass das Dschungelcamp mehr sein kann als bloßes Ekel-TV. Und eine Transe mit aufgespritzten Lippen, Perücke und greller Schminke eben auch ein ganzer Kerl ist.
Der Mann Oliver Knöbel, den jede Frau um seine endlos langen Beine beneiden dürfte, kam Anfang der neunziger Jahre nach Hamburg, um eine Ausbildung als Versicherungsangestellter zu machen. Doch sein Nebenjob wurde bald sowohl interessanter als auch lukrativer als die Ausbildung: Für eine Agentur arbeitete er als Travestiekünstler, verteilte etwa Werbezettel auf dem Jungfernstieg.
Der Durchbruch kam mit der wöchentlichen Show "Extrem" im Schmidt Theater an der Hamburger Reeperbahn. "Er kam wie eine schlanke Giraffe um die Ecke und fragte, ob er bei uns auftreten könnte", erinnert sich Lilo Wanders, damals die Theaterleiterin: "Das durfte er und hatte Erfolg mit seiner Playback-Show. Er hatte da schon einen ganz eigenen Witz."
In dieser Zeit lernt Olivia Jones auch den langjährigen Moderator des Dschungelcamps, den im vergangenen Herbst verstorbenen Dirk Bach, kennen. Gemeinsam treten sie in der auf Vox ausgestrahlten und von SPIEGEL TV produzierten Sendung "Wahre Liebe" auf. In einer Folge müssen sie spontan einen Porno synchronisieren und lachen sich dabei so schlapp, dass der Zuschauer sie kaum noch versteht, aber dennoch herzlich mitlachen muss.
Multifunktionstranse mit Striplokal
Von nun an geht es für Olivia Jones eigentlich nur noch bergauf. Stilsicher stöckelt sie sich auf den roten Teppichen der Republik zu überregionaler Prominenz und baut ihr Potential zur ganz eigenen Marke auf. Sie erhält immer öfter Fernseh-Engagements, moderiert etwa den Christopher Street Day für RTL, fungiert als Reporterin und moderiert Galas.
Preisverdächtig ist ihr Auftritt als Reporterin für die NDR-Satiresendung "Extra 3" auf einem NPD-Parteitag. Verkleidet als biederes deutsches Mädel mit geflochtenen Zöpfen entlarvt die Zwei-Meter-Transe gekonnt die Inhaltslosigkeit der Partei und fragt einen glatt gescheitelten Hitler-Schnurrbart-Träger nonchalant: "An irgendwen erinnern Sie mich? An wen denn nur?"
Der Name Olivia Jones ist Programm und dieses Programm ist längst ein gutes Geschäft geworden. Die sogenannten Kiez-Safaris, von Olivia geführte Touristen-Rundgänge durch St. Pauli, sind regelmäßig ausgebucht. Mittlerweile betreibt die "Multifunktionstranse", wie sie sich selbst bezeichnet, drei Bars in Hamburg. Die jüngste nennt sich "Olivias wilde Kerle", eine Men-Strip-Bar nur für Frauen. Das Konzept schließt eine Marktlücke. Im Interview mit SPIEGEL TV erklärt sie im vergangenen Sommer das Konzept: "Hier können Frauen mal so richtig feiern, weil sie unter sich sind. Zu Anfang haben mich alle belächelt, als ich den Laden aufgemacht habe. Jetzt wird hier mehr gefeiert als in den Strip-Lokalen für Männer."
In Hamburg versammeln sich allabendlich die größten Fans von Olivia Jones in ihrer künstlerischen Heimat, dem Schmidt Theater, zum kollektiven Fernsehen. Corny Littmann, Theaterbesitzer und langjähriger Freund von Olivia Jones, fasst zusammen, was vermutlich nicht nur hier alle denken: "Natürlich wird Olivia die Dschungelkönigin, gar keine Frage." Das bleibt natürlich noch abzuwarten, aber eines hat Olivia Jones jetzt schon im Dschungelcamp bewiesen: Diese Frau ist ein ganzer Kerl.
Sehen Sie das ganze Porträt über Olivia Jones am Sonntag bei SPIEGEL TV, 23.25 Uhr auf RTL.
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