Elisabeth von Thurn und Taxis Katholisch für Anfänger

Was hat der alter Herr nur an sich? Der Papst ist im Land, und Hunderttausende Katholiken kriegen weiche Knie - auch Elisabeth von Thurn und Taxis. Gehören Jet-Set und Zölibat zusammen? Und wie genau geht Katholischsein? Jochen Brenner hat sie gefragt.

Elisabeth von Thurn und Taxis: "Da habe ich noch kurz gebetet"
Ullsteinbuchverlage/ Todd Eberle

Elisabeth von Thurn und Taxis: "Da habe ich noch kurz gebetet"


Berliner müsste man sein! Die Stadt quillt über vor spannenden Terminen. 18 Uhr zum Beispiel, Donnerstag Abend: Papstgottesdienst im Olympiastadion. Ein Muss! Aber dann, ebenfalls 18 Uhr: Buchvorstellung im Restaurant Grill Royal. Es treten auf: Elisabeth von Thurn und Taxis als Autorin, ihre Mutter, Prälat Imkamp vor einer Wand mit nackten Frauen, und der schlechtgelaunte Moritz von Uslar als Lesepate. Am Ende dann also doch eine leichte Entscheidung - der Papst kommt sicher mal wieder nach Deutschland.

Elisabeth von Thurn und Taxis hat zwei Bücher geschrieben. "Fromm" heißt das eine, und "Tagebuch einer Prinzessin" das neue.

Sie ist 29, streng katholisch, lebt in London, arbeitet als Journalistin und sagt, sie fände doofe Fragen okay. Also gut!

"Wie geht Katholischsein?"

"Gestern, vor der Abreise, war ich total gestresst, da bin ich noch schnell in die Kirche gegangen, hab noch kurz am Altar gebetet. Das ist, wie in jeder Therapie oder Selbsthilfegruppe, ein Moment der Pause, Ruhe, der Conncection. Das kann nur die katholische Kirche, und das macht sie schon eine ganz schön lange Zeit."

"Katholischsein als Lebenshilfe?"

"Ja."

"Auch mehr als das?"

"Ja, schon."

"Was denn?"

"Der Sinn. Die Unendlichkeit, die ganz große Aufgabe."

"Gibt es ein Leben nach dem Tod?"

"Ja."

"Wie haben Sie sich das als Kind vorgestellt?"

"Genauso wie heute. Das Fegefeuer stelle ich mir auch wie ein Feuer vor. Dann sehe ich ein großes Tor, hinter dem der liebe Gott sitzt mit allen Verstorbenen. Dort sind endlose Wolken, auf denen man hüpfen kann."

Am Abend trägt Elisabeth ein kurzes grünes Kleid, sie hat sich die Augen sehr schwarz geschminkt und zieht, bevor es mit dem Lesen losgeht, noch an einer letzten Zigarette. Sie hat ihre Schwester Maria Theresia mitgebracht, den Bruder Albert und ein paar blonde Damen, die eine beeindruckende Geduld dabei zeigen, sich minutenlang in "Gala"-Position ablichten zu lassen: Lächeln, Hüfte raus, Duckface machen. Und das vor den Werbefähnchen des "Grill Royal". Die Fotografen juchzen, die Wortspielwahrscheinlichkeit hat jetzt 100 Prozent erreicht. Kaum mehr zu verhindern, dass jemand "Royale Leseratten" oder sowas schreibt. Fürs Foto versteckt Elisabeth aber die Zigarette.

"Kennen Sie Benedikt?"

"Ja, er ist eine bewegende Persönlichkeit, wir trafen ihn mal im kleinen Kreis zum Frühstück, als er noch Kardinal war. Vor zwei Jahren hatten wir eine Familienaudienz, ich habe seinen Ring geküsst, da hat er mich sehr liebevoll angeschaut, das war ein extrem berührender Moment, man hat gespürt, wie ernst er es meint."

"Geht Ihnen das auf den Geist, dass man immer über Kondome sprechen muss, wenn es um den Papst geht?"

"Total! Das ist ein so kleiner Teil der Lehre. Was ist denn mit Nächstenliebe, Achtung, Menschlichkeit?"

Im fensterlosen Hinterzimmer des Restaurants haben auf Plüschhockern zwei Dutzend Zuhörer Platz genommen. Es gibt Grauburgunder, Schnittchen und sehr viele nackte Frauen auf holzgerahmten Bildern an der Wand. Darunter stapelt sich Elisabeths neues Opus "Tagebuch einer Prinzessin". Nach seiner Lektüre bleibt beim Leser eine gewisse Ratlosigkeit nicht aus. Die Kapitelchen konsumieren sich schnell weg, ein wenig wie die "Bunte", nur ohne Bilder. Es geht um Essen, Gucken, Gesehenwerden, Promis und Polo in Argentinien. Schnee in London ist "weiße Pracht", Partys sind "schummrig beleuchtet" und werden von einem "bunten Völkchen" frequentiert.

"Der Papst verurteilt Homosexualität, wie lösen Sie das für sich?"

"Ich hab natürlich wahnsinnig viele schwule Freunde."

"Was sagen Sie denn denen?"

"Ich spüre von denen am meisten Verständnis für meine Papstbegeisterung. Ich sehe das so: Homosexualität ist genauso falsch wie vorehelicher Sex."

"Dann müssen die Schwulen nur heiraten?"

"Nun ja, das ist natürlich die nächste Ebene, die für sie schwierig wird."

Es ist 7 Uhr und der Wein schon warm, als Mutter Gloria ins Hinterzimmer rauscht. Sie schleppt einen müden älteren Herrn hinter sich her, Prälat Imkamp. Er steht ein wenig ratlos vor den Nackten im Raum, die Gott sei Dank der Zigarettenrauch vernebelt. Dann: großes Hallo! Mutter herzt Tochter, Tochter küsst Mutter, aber die Fotografen haben vergessen, zu fotografieren (Käsehäppchen, Grauburgunder). Also busseln die beiden einfach nochmal von vorn. "Meine Liebe", schreit die Fürstin, als würden auch Tonaufnahmen gemacht.

Sie setzt sich ans Lesepult, greift sich das Mikro und muss erstmal einen Dank loswerden an diese wunderbare Frau, wie heißt sie gleich? Marion von Schröder, da steht's ja, vorne auf dem Buch drauf, also "Danke, liebe Frau Schröder. Ich seh Sie jetzt gar nicht?", fragt die Fürstin in den Raum. Die Verlagsdamen starren auf den Boden, kurze Stille, dann fängt Gloria an zu lesen.

"Marion von Schröder" heißt der Verlag, in dem das Buch ihrer Tochter erschienen ist, der Name steht groß auf dem Einband. Es bedankt sich ja auch keiner bei Harry Rowohlt für die vielen spannenden Krimis.

"Ihre Mutter hat in diesem Jahr zehnjähriges Schnacksel-Jubiläum. War Ihnen der Fernsehauftritt damals bei Michel Friedman unangenehm?"

"Meine Mutter ist eine intelligente Frau, die manchmal das erstbeste sagt, was ihr in den Kopf schießt. Das kann manchmal ein riesiger Quatsch sein. Aber sie steht zu dem was sie sagt. Uns amüsiert das."

Der Journalist und Autor Moritz von Uslar liest aus dem "Tagebuch einer Prinzessin" vor. Er begrüßt die Gäste nicht, er erklärt nicht, ob er die Thurn und Taxis' kennt, seine Bücher erscheinen nicht mal im gleichen Verlag. Gut, er ist Freiherr, aber Fürsten und Freiherrn? Naja. Er liest einfach, und irgendwann ist es vorbei. Applaus, Rede, Applaus, dann wieder Grauburgunder.

"Wir Protestanten haben es nicht so mit den Engeln. Wie stellen Sie sich denn einen Schutzengel vor?"

"Ich stelle sie mir als greifbarere Figuren vor, an die man als Gläubiger schneller rankommt. Gott hat zwar immer Zeit, aber ich gehe ja auch nicht jedes Mal zum Chefredakteur rein, wenn ich eine Frage habe. Schutzengel sind eher so Chefsekretärinnen, die 'Features Editors' im Himmel würde ich sagen"

Eine Freundin von Elisabeth ruft in den Saal, die Autorin solle noch was aus ihrem Buch lesen, ihr Lieblingskapitel. "Ich will das mit Deiner Stimmer gelesen hören", sagt sie. Aber Elisabeth möchte nicht. "Overdose", sagt sie, "braucht keiner".

Zeit für ein paar grundsätzliche Fragen. Die zehn Gebote zum Beispiel. Kennt jeder, aber auch sie kann man katholisch lesen. Also schnell mal durchgehechelt.

"Du sollst keine anderen Götter haben neben mir?"

" Gott muss das Zentrum bleiben."

"Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen."

"Nicht fluchen. Conscious sein, was man sagt."

"Du sollst den Feiertag heiligen."

"Sonntags in die Kirche gehen."

"Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren."

"Das Lieblingsgebot meiner Mutter! Da hängt sie noch immer dran: Auf dass es Dir wohlergehe im Leben."

"Du sollst nicht töten."

"Das ist wörtlich und metaphorisch zu lesen. Auf sich selber achten. Seine Mitmenschen achten."

"Du sollst nicht ehebrechen."

"Eigentlich klar. Da fällt auch vorehelicher Sex rein. Gibt's sonst eigentlich noch ein Keuschheitsgebot in der katholischen Kirche? Hab ich schon wieder vergessen."

"Du sollst nicht stehlen."

"Zieht sich durch das ganze Leben."

"Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten."

"Stichwort Redaktionssitzung: Nicht an Intrigen mitspinnen. Soweit das geht."

"Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus."

"Neid."

"Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib."

"Ja, richtig, alles."

"Aber Sie sind ja noch nicht verheiratet?"

"Ich habe das aus konkretem Anlass schon mal einen Priester gefragt."

Aha, interessant. "Hier gibt's das beste Essen der Stadt", ruft Mutter Gloria in den Saal, "lasst uns loslegen". Die Lüftungsanlage hat den Zigarettenrauch aufgesogen, Prälat Imkamp sieht sich nochmal um, bevor die Fürstin ihn an den ausgestellten Schweinehälften und dem Koberind vorbei an einen Tisch zieht.

"Schon mal Schmerzen beim Knien in der Kirche gehabt?"

"Dauernd!"

"Mal betrunken bei der Kommunion gewesen?"

"Nee. Dann geh ich einfach nicht."

"Mundkommunion oder Handkommunion?"

"Mundkommunion, ganz klar. Ist einfach der direktere Weg. Irgendwie respektvoller."

"Wonach schmeckt eine Hostie?"

"Papier."

Die Thurn und Taxis rauschen ab. Moritz von Uslar steht an der Bar und guckt wie ein Boxer nach einem technischen K.o. Die Schnittchen sind weg, der Grauburgunder ist ausgetrunken. Am Grill Royal rauschen Mannschaftswagen der Polizei vorbei in Richtung Olympiastadion, ein Hubschrauber knattert über der Stadt. Die Messe ist gelesen.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, der Bischof von Regensburg sei bei der Buchvorstellung anwesend gewesen. Tatsächlich war jedoch Prälat Imkamp bei der Lesung. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.



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