Deutscher Designer in London "Warum werden Sie so gern kopiert, Herr Lupfer?"

Der deutsche Designer Markus Lupfer zählt Rihanna und Beyoncé zu seinen Kundinnen. Seine Entwürfe werden immer häufiger raubkopiert - er nimmt den Kampf gegen die Plagiatoren auf.

Markus Lupfer

Ein Interview von , London


Dachterrasse, Pool, ein Blick über die Skyline Londons. Markus Lupfer, 45, bestellt frischen Minztee, er trägt einen graumelierten Kurzhaarschnitt, schwarze Jeans und Turnschuhe. Unaufgeregt und entspannt wirkt er, man kann sich ihn gut als Werbegesicht fürs Bausparen vorstellen. Lupfer ist in London so bekannt wie kaum ein anderer deutscher Designer.

Gute-Laune-Statement-Pullis sind Lupfers Markenzeichen: Mal prangt ein riesiges Quietscheentchen auf der Brust, mal Gummibärchen, Kussmünder aus Pailletten oder tanzende Skelette. Lupfer-Entwürfe fallen auf - und werden immer häufiger kopiert. Seit Mai strebt Lupfer ein Gerichtsverfahren gegen eine deutsche Firma an. Den Namen will er auf Rat seines Anwalts nicht nennen.

SPIEGEL ONLINE: In großen deutschen Kaufhäusern werden Pullover und T-Shirts verkauft, die Ihren Kreationen zum Verwechseln ähnlich sehen. Empfinden Sie das als Kompliment für Ihre Arbeit?

  • Getty Images
    Markus Lupfer, 45, ist im Allgäu aufgewachsen, er studierte erst in Trier und dann in London Modedesign. Seine Abschlusskollektion wurde 1997 in der britischen "Vogue" vorgestellt, eine Hipster-Boutique in Covent Garden verkaufte die Stücke binnen zwei Wochen. 1999 zeigte Lupfer seine Kreationen zum ersten Mal auf der Londoner Fashion Week. Er entwarf knapp zehn Jahre lang für die große Modekette Topshop und arbeitete drei Jahre als Chefdesigner für das spanische Modehaus Armand Basi. Lupfer bringt Kollektionen für Männer und Frauen heraus, zudem Schuhe und Accessoires. Zu seinen Kunden gehören Madonna, Beyoncé, Rihanna und Pippa Middleton.
Lupfer: Ich empfinde die Kopien eher als Angriff auf meine Firma. Mich belastet das sehr. Ich habe dafür gekämpft, als Designer meine eigene Handschrift zu entwickeln und meine eigene Schublade zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre eigene Schublade?

Lupfer: Stellen Sie sich die Modebranche als einen Schrank vor. Wenn ich die Adidas-Schublade öffne, sind darin drei Streifen. In der Chanel-Schublade liegt ein Tweed-Kleid und bei Louboutin finden Sie hohe Schuhe mit roten Sohlen. Es ist wahnsinnig schwer, in diesem sehr vollen Schrank noch eine Schublade zu besetzen. Aber ich habe es geschafft: In meiner sind paillettenbesetzte Strickpullis, die fröhlich sind, gute Laune machen.

SPIEGEL ONLINE: Und bis zu 400 Euro kosten. Die Kopien gibt es schon für rund 70 Euro.

Lupfer: Ich verstehe, wenn jemand einen günstigen Pulli kauft, der ein eigenes Statement, eine eigene Designidee hat. Aber ich verstehe es nicht, wenn jemand eine billige Kopie des Originals kauft. Am Ende weiß niemand mehr, dass die Idee ursprünglich aus meiner Schublade kam. Leider haben diese Plagiate in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Lupfer: Ich glaube, das hängt mit den sozialen Netzwerken zusammen. Heutzutage können Sie über Twitter, Instagram oder Facebook alles wahnsinnig schnell verbreiten. Da sind die Kopien manchmal schneller im Laden als meine Originale.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie dagegen tun?

Lupfer: Ich habe vor rund einem Jahr angefangen, einzelne Designs rechtlich schützen zu lassen, inzwischen sind es knapp 120. Außerdem veröffentliche ich nicht mehr alle Designentwürfe, bevor wir sie in die Läden bringen. Gestern haben wir zum Beispiel das Lookbook für meine neue Frühjahrs- und Sommerkollektion fotografiert, die ab Januar verkauft wird - auf den Bildern sehen Sie nur einen der typischen großen Lupfer-Drucke.

Mit Lookbooks geben die Designer einen Vorgeschmack auf ihre Kollektionen. Lupfer öffnet auf seinem Handy die Bilder vom Fotoshooting. Er habe sich vom lockeren Strandleben inspirieren lassen, sagt er über seine neuen Entwürfe. Und zeigt kurze Röcke und Kleider in Gelb, Hellblau und Grün. Eine Mischung aus sportlich und elegant. In der Kollektion gibt es 40 Teile mit typischem Lupfer-Statement-Motiv, fotografiert wurde für das Lookbook nur eines: ein schwarzer Pullover, auf dem in Neongrün "100 %" steht. Seine neue Kollektion präsentierte Lupfer wenige Tage nach dem Interview, dabei entstand folgendes Video:

Getty Images
SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist der finanzielle Schaden, den Sie durch die Kopien haben?

Lupfer: Das kann ich nur schwer einschätzen, das muss man langfristig sehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich zu einem Gerichtsverfahren entschieden?

Lupfer: Ich habe weltweit mit Kopien meiner Arbeit zu tun. In Südkorea hat sich beispielsweise jemand den Namen Markus Lupfer registrieren lassen, der könnte damit Schuhe verkaufen. Und in Amerika hatte eine große Modekette einen Kussmund-Pullover im Sortiment, der wie Lupfer aussah. Mit denen konnten wir uns außergerichtlich einigen, das war fair. Das haben wir bei der deutschen Firma auch versucht.

SPIEGEL ONLINE: Offensichtlich ohne Erfolg.

Lupfers Gesicht wird rot, er setzt seine schwarze Prada-Sonnenbrille ab und wischt Tränen weg.

Lupfer: In diesem Fall war es nicht nur ein kopiertes Teil, sondern es waren mehrere Teile. Ich muss meine Firma schützen, für mich arbeiten 15 Leute, das ist eine kleine Familie für mich. In meinem Label stecken 15 Jahre Blut, Schweiß und Tränen. Ich habe mir die Entwürfe ausgedacht, ich habe sie entwickelt, ich habe mit diesem Stil angefangen. Ich behaupte nicht, etwas erfunden zu haben, das es zuvor nirgends gab. Aber ich habe meine Schublade bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Mode ist zwangsläufig immer eine Art Kopie des schon Dagewesenen.

Lupfer: Natürlich. Ich lasse mich für meine Arbeit auch inspirieren. Wenn ich eine Matisse-Ausstellung sehe, lasse ich die Farben und Stimmungen auf mich wirken. Wer lebt, wird automatisch inspiriert. Aber ich mache dann meine eigene Version daraus, das ist der Unterschied.

Lupfer holt wieder sein Handy hervor und zeigt, was er auf die Schnelle im Internet an Kopien seiner Arbeit findet: hier eine Schutzhülle für Smartphones mit Katzenköpfen, dort ein rosafarbenes Shirt mit demselben Tiermuster. Es ist kein Unterschied zum Original zu erkennen.

SPIEGEL ONLINE: Warum werden Ihre Motive so gerne kopiert?

Lupfer: Ein schwarzes Shirt, das ausschließlich durch den Schnitt oder Stoff besticht, ist in seiner Qualität kaum günstig zu kopieren. Es ist viel leichter, etwas Auffälliges zu übernehmen, also ein Markenzeichen wie eine rote Schuhsohle oder einen Pailletten-Kussmund.

SPIEGEL ONLINE: Offensichtlich sind Ihre Entwürfe in Deutschland beliebt. Wieso haben Sie seit Gründung ihrer Firma im Jahr 1998 erst zwei Mal in Berlin präsentiert?

Lupfer: Ich komme bestimmt mal wieder. Aber es ist vor allem ein Terminproblem. Wenn die Berliner Fashion Week im Juli losgeht, ist meine neue Kollektion noch nicht fertig, die zeige ich in London erst im September. Ich fühle mich hier sehr wohl. Das hat auch mit den kulturellen Unterschieden zu Deutschland zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Lupfer: Als ich in Trier studiert habe, wurde uns beigebracht, nach Trends Ausschau zu halten. In Deutschland ist die Frage wichtig, was die anderen tragen und machen. Dann kam ich nach London und plötzlich ging es darum, was ich als Designer für Vorstellungen habe. Der Blick war nicht mehr auf die anderen gerichtet, sondern auf mich. So erlebe ich auch die Londoner: Wenn sie sich wohlfühlen, tragen sie auch Sandalen im Winter oder bei jeder Figur einen Minirock. Da ist es egal, was andere denken, Hauptsache, sie fühlen sich wohl.

SPIEGEL ONLINE: Also sind die Deutschen aus modischer Sicht zu ängstlich?

Lupfer: Auf jeden Fall zurückhaltender. Gemocht wird, was andere mögen. Das ist weniger gefährlich und man macht sich nicht angreifbar mit einer eigenen Meinung. Ich fände es schön, wenn das Kreative in Deutschland stärker gefördert würde. Dann wäre es auch gar nicht mehr nötig, andere zu kopieren.



insgesamt 8 Beiträge
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aurichter 15.09.2014
1. Abgekupfert wird fast überall,
allerdings kann man den Eindruck gewinnen, daß ein Modedesigner deutschen Ursprungs keinen großen Wert auf Kunden ala Lieschen Müller legt, da verkauft man lieber für das fünf bis sechsfache an Stars und Sternchen, die Modehäuser ala Kaufhof, H&M etc sollen ruhig andere Möchtegerndesigner bedienen. Wo lässt ein Herr Kupfer denn anfertigen?
Celestine 15.09.2014
2. Kopien von Kopien ... ;-)
Auf Foto 2 trägt Lupfer ein T-Shirt, dessen Druck mit einem Shirt 100% identisch ist, welches ich mir in den 70er Jahren in einer Hamburger Boutique kaufte. Der einzige Unterschied: Mein Shirt hatte lange Ärmel und eine Kapuze, die Farbe war einen Tick dunkler und nicht grau sondern eher bräunlich. Hm, ich liebte das Shirt, das ich zu super engen Jeans trug.
liquimoly 16.09.2014
3. Müll ist nicht einzigartig
Bei der Betrachtung der Fotoserie fragte ich mich, welches Billiglabel solchen Müll entwirft und dann auch noch, welche Billigketten zu deren Vermarktung motiviert werden können. Es gibt 8-9 Milliarden Menschen auf der Welt, da ist es kaum verwunderlich, wenn ähnlicher Mist in den Ramschläden feilgeboten wird. Mitleid mit denen, die´s tragen (müssen).
Chatzi 16.09.2014
4. Ich kann Markus Lupfer sehr gut verstehen!
Deutschland den Rücken zu kehren, und in London sein Glück zu suchen und zu finden, verstehe ich nur zu gut. Ich habe in deutschen Städten, mit Ausnahme von Berlin ein wenig, niemals vergleichbare Kreativität und Ausdrucksfreude erlebt, wie ich es in London sehr oft und täglich erlebt habe. Nun lebe ich in New York und finde diese Stadt fantastisch und kreativ, pulsierend und ausdrucksstark. Habe mir eine rosa Perücke aufgesetzt und bin mit einer deutschen Freundin durch die Strassen gegangen, es hat keine Sau interessiert, es war völlig okay! Der Unterschied zu Deutschland ist wirklich der, dass sich die Leute auf der Strasse umdrehen würden und das Maul zerreißen würden, wie scheisse das doch aussieht, während man in London und New York völlig unbeeindruckt es als kreativen Ausdruck eines Menschen betrachtet und nicht darüber lästert. Und eigene Ideen entwickeln, in Deutschland, das ist ja zu aufwendig, also doch lieber erfolgreiche Designer kopieren, da spart man sich die Designabteilung und deren Kosten, da man selbst sich ja nicht traut und unglaublich langweilig und spießig ist. Ich finde das traurig und beschämend. Es hat einen sehr guten Grund, warum ich 48jährig lieber woanders mein Glück suche als in Deutschland.
UM Pieper 16.09.2014
5. Rührend
Wenn man den Herrn Lupfer so sieht, wünscht man ihm, er hätte einfach, wie unter Kreativen üblich, zu schwarzem Shirt, schwarzer Hose und schwarzem Sakko gegriffen. Einfallslos, aber sieht immer aus. Vor allem aber sollte er, wenn er mit Leuten spricht, die Sonnenbrille abnehmen.
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