Noch-Ehefrau von Harvey Weinstein "Ein Teil von mir war schrecklich naiv"

Erstmals seit Bekanntwerden des Harvey-Weinstein-Skandals hat sich seine Noch-Ehefrau Georgina Chapman ausführlich geäußert. Dies dürfte Teil eines größeren Plans sein - an dem auch Scarlett Johansson und Anna Wintour beteiligt sind.

Georgina Chapman (Februar 2017)
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Georgina Chapman (Februar 2017)


Fünf Monate lang habe sie sich nicht an die Öffentlichkeit getraut, sagte Georgina Chapman. "Ich war so gedemütigt und so fertig." Vor Kurzem sei sie eine Treppe hochgelaufen und habe innehalten müssen, "es war, als würde sämtliche Luft aus meinen Lungen gepresst".

Chapman, 42, ist derzeit noch mit Harvey Weinstein verheiratet. Nachdem im vergangenen Oktober bekannt wurde, dass Dutzende Frauen ihm sexuelle Belästigung und teils Vergewaltigung vorwerfen, trennte sie sich von ihm, die Scheidung läuft. Das Paar hat zwei Kinder, die inzwischen fünf und sieben Jahre alt sind.

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Sexuelle Belästigung und Vergewaltigung: Die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein

In einem ausführlichen Gespräch mit der US-Ausgabe der Zeitschrift "Vogue" sprach Chapman nun erstmals ausführlich über die vergangenen Monate. Zu Beginn, als die ersten Artikel über Weinstein erschienen, sei sie wie benommen gewesen, sagte Chapman. Sie habe binnen fünf Tagen fast fünf Kilo abgenommen, "ich konnte kein Essen bei mir behalten". Es habe etwa zwei Tage gedauert, bis sie realisiert habe, was da geschehe. Als klar wurde, dass es sich nicht um Einzelfälle handelte, habe sie gewusst, "dass ich weg muss und dass ich die Kinder hier rausbringen muss".

Sie habe nichts von den Vorfällen mitbekommen oder auch nur einen Verdacht gehegt. "Definitiv nicht. Niemals", sagte Chapman. Sie habe gedacht, eine glückliche Ehe zu führen. Sie habe ihr Leben geliebt.

Weinstein und Chapman im Weißen Haus (2012)
AP

Weinstein und Chapman im Weißen Haus (2012)

"Ein Teil von mir war schrecklich naiv." Heute gebe es Momente, da sei sie voller Wut. Dann wieder sei sie verwirrt. Ein anderes Mal könne sie es nicht fassen. "Und dann gibt es Momente, in denen ich meiner Kinder wegen einfach nur weine. Wie werden ihre Leben aussehen? Was werden die Leute zu ihnen sagen?" Die Kinder liebten ihren Vater.

Rehabilitation eines Modelabels

Der Zeitpunkt für Chapmans Interview und dass es in "Vogue" erschien, dürfte als Versuch gewertet werden, ihr Modelabel zu rehabilitieren. Chapman ist Designerin, sie führt zusammen mit Keren Craig das Modelabel Marchesa - und die Kleider waren bis zum Weinstein-Skandal häufig auf roten Teppichen zu sehen. In den vergangenen Monaten gab es allerdings Boykottaufrufe, Prominente wollten nicht mit dem Namen Weinstein in Verbindung gebracht werden, sei es auch nur über seine Ehefrau. Zudem gab es Berichte, Weinstein habe Schauspielerinnen dazu gedrängt, bei ihren Auftritten in der Öffentlichkeit Marchesa zu tragen.

Chapman selbst sagte die geplante Präsentation bei der Fashion Week in New York im Februar ab. Bei der Met Gala vor wenigen Tagen allerdings - veranstaltet von "Vogue"-Chefredakteurin Anna Wintour - sah man dann erstmals wieder eine hochkarätige Prominente in einer Marchesa-Robe auf dem roten Teppich: Schauspielerin Scarlett Johansson wurde von dem Label eingekleidet.

"Ich habe Marchesa getragen, weil sich Frauen in den Kleidern selbstbewusst und schön fühlen, und es ist mir eine Freude, eine Marke zu unterstützen, die von zwei unfassbar talentierten und wichtigen weiblichen Designern gegründet wurde", erklärte Johansson ihre Kleiderwahl. Von Marchesa hieß es, man fühle sich "sehr geehrt".

Am Mittwoch dann trat Wintour in der TV-Sendung von Stephen Colbert auf und lobte Johanssons Entscheidung als eine "großartige Geste". Am Morgen danach erschien die neue Ausgabe der "Vogue", in der Chefredakteurin Wintour ihren Brief an die Leser ausschließlich Chapman und Marchesa widmete. "Ich bin absolut überzeugt davon, dass Georgina keine Ahnung vom Verhalten ihres Mannes hatte", schreibt sie darin. Und dass es "falsch" sei, in ihr eine Schuldige zu sehen.

Chapman selbst sagte im Interview mit dem Magazin, sie wolle nicht als Opfer gesehen werden. Sie glaube nicht, dass sie das sei. "Ich bin eine Frau in einer beschissenen Situation, aber damit bin ich nicht allein."

aar

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