Von Stefan Simons, Paris
Wir schreiben das Jahr 2012 nach Christus. Ganz Frankreich ist im fiskalischen Würgegriff der sozialistischen Herrscher. Ganz Frankreich? Nein, ein kleines Dorf trotzt dem Zugriff der linken Regierung in Paris. Kleiner Schönheitsfehler der Story: Die Siedlung liegt, anders als bei den aufrechten Galliern von "Asterix und Obelix", nicht an der bretonischen Küste, sondern in Belgien.
Die Hochburg des Widerstands heißt Néchin, liegt knapp zwei Kilometer hinter der französischen Grenze und erfreut sich des steten Zuzugs prominenter Bürger aus dem Nachbarland. Als jüngsten Neueinwohner begrüßte Daniel Senesael, der zuständige Bürgermeister, vergangenen Freitag Gérard Depardieu in der Gemeinde: "Sein Dossier war vollständig, die Überprüfung durch die Polizei in Ordnung und damit hat er seit dem Wochenende hier seinen Wohnsitz." Und der Volksvertreter kennt auch die Motive des gewichtigen Darstellers: "Er mag unseren Ort, seinen ländlichen Charakter."
Zu seinem Umzug äußerte sich der durch Filme wie "Die Ausgebufften" oder "Cyrano de Bergerac" bekannte Schauspieler zunächst nicht öffentlich. Die wahren Gründe für die Übersiedlung in das triste ehemalige Zollgebäude an der Rue de la Douane dürften nicht ganz so prosaisch sein. Mag sein, dass "Depardieu Paris und den dortigen Lärm verlassen wollte", wie Bürgermeister Senesael sagt. In der französischen Hauptstadt machte er unlängst mit Alkoholexzessen und handgreiflichen Auseinandersetzungen Schlagzeilen. Doch neben "Ruhe, Frieden und Abgeklärtheit" findet der Millionär am neuen Wohnort vor allem Ruhe vor dem Zugriff der heimischen Steuerbehörden.
"Paradies der Rentner"
Dazu bedarf es in Belgien nicht einmal eines Magiers vom Schlage des Druiden Miraculix. Dort wird zwar der Lohn recht hoch besteuert, nicht aber das Vermögen. Grund genug für viele Reiche und Superreiche, die Seiten zu wechseln - zumal man nicht einmal die Staatsangehörigkeit wechseln muss, nur den Wohnort. Von den 200.000 Franzosen, die sich "im Paradies der Rentner" niedergelassen haben, schätzt die Zeitung "Le Parisien", sind etwa 5000 Steuer-Exilanten. Einschränkung dabei: Sie müssen mindestens sechs Monate dort leben.
Depardieu dürfte daher am neuen Wohnort schnell Anschluss finden: 27 Prozent der Bevölkerung von Névin sind Landsleute, von denen sich viele aus ähnlichen Motiven in Belgien niedergelassen haben. Längst heimisch sind etwa die Besitzer der Supermarktketten Carrefour und Auchan oder die Erben der Elektromärkte Darty. Frankreichs Rocklegende Johnny Hallyday und Milliardär Bernard Arnault vom Luxuskonzern LVMH spielten auch mit Umzugsgedanken, blieben aber nach einem Aufschrei der Entrüstung im eigenen Land.
Solche Skrupel kennt Depardieu offenbar nicht. Der 63-jährige Schauspieler, Regisseur und Produzent besitzt ein Ego, so gewaltig wie seine Statur. Vor der Kamera ein genialer Darsteller, ist er auch als Geschäftsmann schon lange erfolgreich. Depardieu investierte in kubanische Ölquellen, kaufte Weingüter im Burgund, im Medoc, in Spanien, Argentinien und Algerien. Neben einem Schloss im Anjou besitzt er ein Hotel in Paris, mehrere Restaurants und einen Fischladen.
Für gutes Geld scheute sich Depardieu auch nicht als Önologie-Experte für Russlands Staatschef Wladimir Putin tätig zu werden, oder - wie jüngst geschehen - mit der Tochter des usbekischen Diktators Islam Karimow einen Chanson einzuspielen. Einst politisch eher links verortet, kämpfte Depardieu im Wahlkampf 2007 für Ex-Präsident Nicolas Sarkozy - den "einzigen fähigen Politiker, der richtig arbeitet". Fünf Jahre später wiederholte er sein treuherziges Bekenntnis vor Tausenden Anhängern der Konservativen: "Seit dieser neue Freund Nicolas Sarkozy an der Macht ist, höre ich nur Schlechtes, wo er doch nur Gutes tut."
Depardieu sei unsolidarisch, schimpfen die Franzosen
Zu den Wohltaten zählte er gewiss auch Sarkozys famosen "Steuerschild": Mit dem fiskalischen Deckel, einem Wahlversprechen für seine reichen Freunde, war die maximale Belastung aus Einkommens- und Vermögensbesteuerung für einige Jahre auf maximal 50 Prozent beschränkt. Nachfolger François Hollande setzte auf Steuergerechtigkeit und schraubte diese Höchstgrenze auf 75 Prozent. Wegen weiterer Zuschläge auf obere Einkommen gilt der Sozialist seither als "Feind der Reichen" und hat unter den Vermögenden des Landes einen wahren Exodus ausgelöst.
Nicht nur zum Ärger von Frankreichs Fiskus. Die Tatsache, dass Millionenschwere Promis wie Sportler, Filmstars oder Geschäftsleute der von der Krise gebeutelten Heimat unsolidarisch den Rücken kehren, sorgt für Unmut im Land. Der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë bezeichnete es als sehr bedauernswert, dass Depardieu beim Thema Steuern nicht die gewohnte Großzügigkeit an den Tag lege. "Ich finde, das ist eine ziemliche Schande", schimpfte die Kommunistin Nathalie Arthaud im Fernsehsender LCI. "Es ist nicht unnormal, dass Reiche mehr Steuern zahlen", empörte sich auch der Gewerkschaftsführer Laurent Berger im Radiosender Europe-1.
Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter kursierten bereits Witze über den Neu-Belgier. Und auch auf der Straße wächst die Wut. "Eine Schande für Depardieu, der durch seine französischen Fans zu Ruhm und Reichtum gekommen ist", schimpft Kioskbesitzer Alain. "Die Promis hauen ab, und die kleinen Leute hier zahlen mehr für Bier und Zigaretten." Frankreich 2012 nach Christus - eine Steuerflucht ganz ohne gallischen Zaubertrank.
Mit Material von dpa und dapd
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Leute | RSS |
| alles zum Thema Gérard Depardieu | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH