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US-Anwalt der Germanwings-Hinterbliebenen: "Ein Leben ist mehr wert als ein Mittelklasse-Mercedes"

Ein Interview von , New York

Gedenkstätte für Germanwings-Opfer in Haltern Zur Großansicht
DPA

Gedenkstätte für Germanwings-Opfer in Haltern

Zum Jahrestag des Germanwings-Absturzes wird heute der Opfer gedacht. Viele Hinterbliebene fühlen sich von der Lufthansa schlecht behandelt. Ihr US-Anwalt erklärt, warum eine Millionen-Entschädigung gerechtfertigt ist.

Brian Alexander ist Partner der Anwaltskanzlei Kreindler & Kreindler und einer der bekanntesten US-Anwälte, wenn es um Schadensersatzklagen nach Luftfahrtunglücken geht. Der ausgebildete Pilot hat für zahllose Opfer Millionensummen vor Gerichten erstritten oder hinter den Kulissen Einigungen mit den Airlines oder Flugzeugherstellern erreicht.

Nun vertritt er deutsche Hinterbliebene der Opfer des Germanwings-Absturzes vom 24. März 2015. In der kommenden Woche will er in den USA eine millionenschwere Zivilklage einreichen.

Im Interview spricht Alexander über die Vorwürfe gegen die Lufthansa, die Hintergründe der Klage und den Sinn einer möglichst hohen Entschädigungszahlung.

Für das Gespräch traf SPIEGEL-ONLINE-Chefreporter Matthias Gebauer den Anwalt in seinem Büro in New York City.

Anwalt Brian Alexander Zur Großansicht
Kreindler & Kreindler LLP

Anwalt Brian Alexander

SPIEGEL ONLINE: Mr. Alexander, vor einem Jahr steuerte der junge Pilot Andreas Lubitz einen Airbus 320 in die französischen Alpen und tötete alle seine Passagiere. Sie sind selber Pilot. Können Sie sich vorstellen, wie ein Kollege das tun kann?

Alexander: Es hört sich überraschend an, aber für mich als Anwalt war das Szenario des Pilotensuizids nicht völlig neu. Die Art und Weise bei Lubitz allerdings schockiert mich bis heute. Diese lange Zeit, die er allein im Cockpit saß und seelenruhig weiter sank, hinter der Panzertür sein Kollege und die schreienden Passagiere. Ich kann mir kaum vorstellen, wie man das aushalten kann.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie erahnen, warum der Co-Pilot so gnadenlos handelte?

Alexander: Offen gesagt, war er depressiv, schon eine ganze Weile, spätestens seitdem er auf die Flugschule in den USA ging, und es wurde immer schlimmer. Dann entschied er sich, sein Arbeitsgerät als Selbstmordmittel einzusetzen. Unsere Fragen sind ganz andere: Warum wurden jemandem, der so lange schon mental instabil war, der schon in intensiver Behandlung war, bei dem es mehrere Warnhinweise in der Krankenakte gab, noch Passagierflugzeuge anvertraut?

SPIEGEL ONLINE: Vermutlich weil niemand so richtig mit dem Suizid eines Flugzeugkapitäns rechnete.

Alexander: Das stimmt nicht. Erweiterte Suizide unter Piloten sind selten, aber sie sind schon passiert. Genau deshalb muss jede Airline die Pilotenkandidaten, die später Kunden fliegen sollen, hundertprozentig checken. Sie muss sicher sein, dass sich Piloten nichts antun wollen. Wer das nicht zwingend verlangt, wer nicht jede Art von Suizidtendenz aus dem Cockpit verbannt, nicht immer wieder jeden auch nur möglichen Test durchführt, riskiert das Leben seiner Kunden. Genau das ist am 24. März passiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie vertreten die meisten deutschen Opfer der Katastrophe. Wie geht es den Hinterbliebenen?

Alexander: Ich bin nicht sicher, ob ich das in Worte fassen kann. Ich habe die Familien kürzlich getroffen. Sie sind noch immer in einem ernsten Schockzustand. Viele stehen noch ungläubig vor den Fakten, vor allem die Familien der Halterner Schüler. Keiner hat ins normale Leben zurückgefunden. Was die Sache noch schlimmer machte, ist die schlechte Behandlung durch Lufthansa, die Versicherungen und deren Anwälte. Für die Opfer fühlt sich das alles hohl an, es ist einfach zu wenig.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Ihre Klienten das Verhalten von Lufthansa beschreiben?

Alexander: Sie fühlen sich ungerecht behandelt. Schockiert sind sie von Aussagen von Lufthansa, der Konzern sei auch ein Opfer von Lubitz. Anstatt großzügig und fair zu sein im Angesicht dieser unglaublichen Katastrophe, hat man sich hinter Entschuldigungen und rechtlichen Lücken versteckt. Die Angehörigen wurden auch nicht lückenlos informiert, sie mussten immer wieder neue Details über die Ermittlungen aus der Presse erfahren.

SPIEGEL ONLINE: Lufthansa hat den Opfern 50.000 Euro als Soforthilfe gezahlt, bietet Hilfe für die Familien an, hat einen Fond für die langfristige Nachsorge aufgelegt. Wieso ist das zu wenig?

Alexander: Es ist offen gesprochen einfach nicht genug. Stellen Sie sich vor, man verliert einen Familienangehörigen, einen Bruder zum Beispiel. Dann denken Sie sich die Summe dazu. Sie ist weder gerecht noch angemessen. Ein Leben ist mehr wert als ein Mittelklasse-Mercedes. Das ist frustrierend für die Opfer.

Zelte nahe der Germanwings-Absturzstelle Zur Großansicht
AP

Zelte nahe der Germanwings-Absturzstelle

SPIEGEL ONLINE: Kann Geld denn überhaupt helfen?

Alexander: Geld kann einen Angehörigen oder einen geliebten Menschen nicht ersetzen. Aber es kann der Start eines Prozesses sein, wenn jemand die Verantwortung für einen solchen Verlust übernimmt.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Geld können Hinterbliebene eines Absturzopfers erwarten?

Alexander: In den USA haben Jurys die Beträge auf mehrere Millionen Dollar taxiert. Was glauben Sie? Was ist ein guter Vater wert? Ohne jeden Zweifel sind es nicht 50.000 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Als Anwalt ist es verständlich, dass sie hohe Schmerzensgelder erstreiten wollen. Doch was soll das Geld bewirken?

Alexander: Für mich muss eine Kompensation reflektieren, dass eine Fluggesellschaft die Schwere des Unglücks anerkennt, den Schaden der Opfer ernst nimmt. Und dass man sich eindeutig entschuldigen will. In der heutigen Wirtschaftslage sind das weit mehr als der angebotene Betrag.

SPIEGEL ONLINE: Lufthansa sagt immer wieder, man halte sich an die deutsche Rechtslage, die keine großen Entschädigungen vorsieht.

Alexander: Wie auch immer das deutsche Rechtssystem aussieht, Lufthansa sollte sich dahinter nicht verstecken. Es ist doch undenkbar, dass am Ende Menschen, die in der gleichen Reihe wie die Deutschen saßen, mehr Geld kriegen, nur weil sie Spanier oder Briten sind.

SPIEGEL ONLINE: So sieht es das Gesetz vor.

Alexander: Ein Rechtssystem, das keine angemessenen Entschädigungen vorsieht, ist unfair. Eine Weltmarke wie Lufthansa darf sich daran nicht orientieren. Es ist doch absurd: Die Firma ist bestens versichert und würde nicht einen Euro der Schmerzensgelder selber bezahlen. Das treibt die Opfer zur Weißglut.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen die Lufthansa in den USA verklagen, weil man die mentalen Probleme von Lubitz nicht ausreichend untersuchte. Wie soll das gehen?

Alexander: Wir haben einen entscheidenden Moment entdeckt. Als Lubitz 2010 Pilot werden wollte, bewarb er sich bei einer Lufthansa-Flugschule in Arizona. Wir glauben, dass diese Flugschule in der besten Position war, seine Karriere als Verkehrspilot zu verhindern, bevor sie begonnen hatte. Als er dort ankam, war er schon wegen Depression in Behandlung gewesen, er wurde sogar erwischt, als er dies vertuschen wollte. Wenn die Flugschule richtig gearbeitet hätte, wäre der 24. März nie passiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann eine Flugschule, die er 2010 besuchte, für seine Tat fünf Jahre später verantwortlich sein?

Alexander: Es ist nicht nur eine Flugschule, es ist das Durchgangslager für jeden, der Lufthansa-Pilot werden will. Ein solcher Laden kann Zweifel, ja sogar medizinische Einträge wie bei Lubitz, nicht ignorieren. Da liegt die Verantwortung. Sie hätten nachbohren müssen, haben es aber nicht getan.

Trümmerteile der Germanwings-Maschine in Frankreich (Archiv) Zur Großansicht
REUTERS

Trümmerteile der Germanwings-Maschine in Frankreich (Archiv)

SPIEGEL ONLINE: Der BEA-Bericht über den Absturz kritisiert, dass in der ganzen Luftfahrtbranche zu wenige mentale Checks gemacht werden. Lufthansa sieht das als Entschuldigung.

Alexander: Lufthansa hat ja schon "das System" als Schuldigen benannt. Man kann das so sehen, aber Lufthansa sollte es nicht tun. Die Airline ist verantwortlich, nur die richtigen Piloten ins Cockpit zu lassen, jeden Aufwand zu leisten und jedem Zweifel nachzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Die 6000 Seiten starke Ermittlungsakte erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der alles tut, um seine mentalen Probleme zu verstecken. Deswegen sieht sich Lufthansa auch als Opfer.

Alexander: Dass Depressive ihre Krankheit verstecken, ist doch nichts Neues. Es war die Pflicht von Lufthansa, Lubitz gründlich zu checken, besonders seit die ersten Hinweise auf mentale Probleme in seiner Akte vermerkt worden waren.

SPIEGEL ONLINE: Könnte denn die Flugschule eine Millionenentschädigung überhaupt zahlen?

Alexander: Wir wissen das nicht. Als Fakt wissen wir nur, dass Lufthansa rund 30 Millionen Dollar in die Schule investiert hat und dass die Airline der alleinige Besitzer ist.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Opfer können nun auf eine faire Entschädigung hoffen?

Alexander: Es ist ein langer Weg von dem Moment, an dem wir Klage einreichen. Die Flugschule und Lufthansa werden uns bekämpfen, aber unser Ziel ist simpel. Wir wollen Klarheit, was damals passiert ist, und eine ordentliche Entschädigung für die Opfer.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. gut versichert
powerranger 24.03.2016
Die Flugschule ist mit 100% Sicherheit über das Versichererkonsortium mitversichert, da sie eine Tochtergesellschaft des Lufthansa Konzerns ist. Das ist bei großen Versicherungsverträgen Standard. Selbst wenn die Flugschule noch so klein ist, steht der komplette Versicherungssschutz der LH Gruppe dahinter.
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