Globalrocker "Scorpions": "In Deutschland am falschen Platz"

Im Ausland erfolgreich, in Deutschland Außenseiter. Die "Scorpions" sind auf Welttournee, doch im eigenen Land geben sie kein einziges Konzert. Mit SPIEGEL ONLINE sprechen sie über miese Presse, prügelnde Rechtsextreme und die unstillbare Sehnsucht nach Hannover.

SPIEGEL ONLINE: Herr Meine, Herr Schenker, Herr Jabs, die "Scorpions" sind gerade auf Welttournee durch Amerika, Asien und Europa. In Deutschland dagegen geben sie kaum noch Konzerte - warum?

Klaus Meine: Deutschland ist uns natürlich sehr wichtig, aber wir gehen trotzdem dahin, wo das stärkste Feedback ist. Das ist für uns in den USA, Brasilien, Mexiko, Asien - da, wo wir in den letzten Monaten getourt sind. Allerdings haben wir im Herbst 2006 beim "Wacken Open Air" gespielt, vor anfangs sehr skeptischen Hardcore-Metalfans. Das ging aber richtig gut ab.

SPIEGEL ONLINE: Zuneigung, die Ihnen im eigenen Land in der Regel nicht mehr in überschwänglichem Maß entgegen gebracht wird. Ein deutscher Kritiker schrieb mal, Rock-Connaisseure könnten sich nichts Peinlicheres vorstellen, als zum Freundeskreis der "Scorpions" gezählt zu werden. Haben Sie angesichts solcher Presse nie gedacht: 'Deutschland verdient uns nicht, wir gehen'?

Meine: Na ja, wir fragen uns zumindest oft, was wohl gewesen wäre, wenn wir Mitte der achtziger Jahre in den USA geblieben wären. Neulich sagte jemand zu mir, "Na, was wohl? Ihr wärt eine amerikanische Band geworden." Das, was uns heute zu etwas Besonderem macht, nämlich eine globale Band zu sein, hätten wir dann nie erreicht.

Rudolf Schenker: Meinst du? Das ist die Frage. Ich hatte schon mal eine Zeitlang in den USA gelebt, leider war das nicht förderlich für die Gruppe. Als Einzelkünstler hat man's da leichter. Aber es stimmt wohl: Wären wir eine amerikanische Band geworden, hätten wir die politische Wende der Achtziger, mit Perestroika und Mauerfall, nie so erfühlen und musikalisch umsetzen können, wie wir's damals gemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: … als Sie 1989 mit "Wind of Change" den Soundtrack zum Mauerfall schrieben. Wie hat Deutschland den Wechsel, den Sie damals beschworen haben, wie hat es Wiedervereinigung und Einheit gemeistert?

Schenker: Das Beste und Schönste ist doch, dass der Fall der Mauer friedlich gelaufen ist, kein Schuss ist gefallen. Außerdem: An welchem Punkt, besonders in der Anfangszeit, hätte man Dinge gravierend anders machen können oder sollen, als sie nun mal gelaufen sind?

Matthias Jabs: Die Fußball-WM 2006 hat gezeigt, dass Deutschland die Einheit bislang ganz gut hingekriegt hat. Dass man so ein Mammut-Event wie die WM als geeintes Land schön und friedlich mit Bravour über die Bühne bringt, ist eine starke Leistung.

SPIEGEL ONLINE: Gerade die WM hat aber auch Brüche deutlich gemacht. Ein früherer Sprecher der Bundesregierung riet ausländischen Gästen, bestimmte Bundesländer im Osten zu meiden.

Meine: Das Thema Rechtsradikalismus ist natürlich der Punkt, bei dem du im Ausland an deine deutschen Wurzeln erinnert wirst. Wenn dich eine 18-jährige MTV-Moderatorin in Mexiko City fragt, wie das ist, in einem Land zu leben, in dem Ausländer gejagt und fast zu Tode geprügelt werden. Da sieht sich die Band dann gefordert, Stellung zu beziehen und auch die positiven Seiten Deutschlands aufzuzeigen.

Jabs: Trotzdem hat die WM auch gezeigt, dass die Deutschen lernen, mit Symbolen wie Nationalflaggen gelassen umzugehen, das war ein großer Schritt in Richtung Normalität. In den konservativen US-Medien, zum Beispiel bei "Fox News", ist doch seit 2003 ziemlich übel über die europäischen Staaten berichtet worden, die nicht mit in den Irak-Krieg gezogen sind. Aber selbst die kamen an den Bildern von schwarz-rot-goldenen Fahnen und friedlichen WM-Fan-Festen nicht vorbei.

Meine: Ich hab den Eindruck, dass man in Deutschland die Einheit kritischer sieht als im Ausland. In Südkorea hat man uns vor ein paar Wochen mit großem Presseheer an die Grenze gefahren und uns zum Thema Wiedervereinigung befragt. In Korea träumt man noch von etwas, was Deutschland schon erreicht hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie 1989 den Fall der Mauer erlebt?

Schenker: Wir waren in Paris und hatten eine Besprechung mit der Plattenfirma, da lief auch ein Fernseher. Ich saß mit dem Rücken zur Mattscheibe, mit einem Mal sagt Klaus, 'Ey guck mal, is' das die Mauer?' Es war der Wahnsinn!

Meine: Ich denke oft, wie schön es gewesen wäre, wenn wir am Abend des 9. November in Berlin gewesen wären.

Schenker: Och, so wie's war, war's ja auch schön.

SPIEGEL ONLINE: Ironischerweise hat gerade der Welterfolg "Wind of Change" dazu geführt, dass die "Scorpions" als Rockband in Deutschland nicht mehr ernst genommen wurden.

Meine: Auf unserem aktuellen Album "Humanity Hour One" schlagen wir eine härtere Gangart ein, die Rockbasis in Deutschland hat das sehr positiv aufgenommen. Aber es ist schon so: Wir waren immer Außenseiter in Deutschland, und das sind wir heute noch.

Schenker: Wir hatten schon sehr früh in unserer Bandgeschichte das Gefühl, in Deutschland am falschen Platz zu sein. Wir wollten damals nicht Krautrock machen, wir wollten nicht Deutsch singen - unser damaliger Manager meinte sogar, wir müssten uns in "Stalingrad" umbenennen!

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit Jahrzehnten überwiegend im Ausland unterwegs, kehren aus San Franscisco, Paris oder Tokio jedoch immer wieder in die pulsierende niedersächsische Metropole Hannover zurück. Mit welchen Gefühlen?

Meine: Wir hören das ja oft, 'Warum lebt ihr immer noch in Hannover?'. Das klingt immer so provozierend. Aber es ist doch schön, nach Hause zu kommen! Unsere Familien leben hier, unsere Freunde. Es macht auch keinen Unterschied, ob wir nördlich von Hannover auf dem Land wohnen oder südlich von München oder westlich von Berlin. Für uns könnte sich höchstens die Frage nach einer Alternative zu Deutschland stellen - nicht zu Hannover.

Jabs: Ich bin allerdings nicht sicher, wie wir mit Hannover klarkämen, wenn wir nicht wieder losfahren könnten. Vielleicht würde uns doch die Decke auf den Kopf fallen. Andererseits verlieren sich die Unterschiede zwischen den Ländern ja auch zunehmend. Dass man wie früher einen Kulturschock kriegt, wenn man aus den USA zurück nach Deutschland kommt oder umgekehrt - das ist vorbei.

Schenker: In den Achtzigern war das ganz schön hart. Damals waren wir ja anderthalb Jahre auf Tour, wenn du dann nach Hause kommst, ist das wie 'ne Vollbremsung - der Wagen steht.

SPIEGEL ONLINE: Wenige Bands schaffen es wie Sie, sich jahrzehntelang kontinuierlich im Business zu halten. Haben Sie das auch den viel beschworenen deutschen Tugenden – Fleiß, Pünktlichkeit, Disziplin – zu verdanken, oder ist das ein Klischee?

Schenker: Das ist einfach ein Zeichen von Professionalität, nicht von Deutschsein. Wenn ein französischer Rocker erfolgreich sein will, muss der auch pünktlich im Studio oder auf einer Tour diszipliniert sein, sonst wird das nichts.

SPIEGEL ONLINE: Bedauern Sie es übrigens nicht, dass es im eigenen Land keinen Starkult um Sie gibt? Keine Huldigungen, keine Akkoladen?

Schenker: Nö. Ist doch gut, wenn man ungestört zum Bäcker gehen kann.

Meine: Den Tamtam mit Bodyguards und kreischenden Fans erleben wir ja zur Genüge während der Tour. Was die "Scorpions" ausmacht, können die meisten Deutschen erst erfahren, wenn sie uns in einem Konzert in San Fransisco, Manaus oder Tokio erleben. Dann sind sie auch stolz auf uns. Wenn sie nach Hause kommen, haben sie das aber schnell wieder vergessen.

SPIEGEL ONLINE: Sie würden sich mehr Aufmerksamkeit von Ihren Landsleuten wünschen?

Meine: Sagen wir mal so: Wir versuchen seit Jahrzehnten mit unserer Musik an Brennpunkten der Welt musikalische Brücken zu bauen. Wenn heute irgendeine deutsche Band ein vom Goetheinstitut organisiertes Konzert vor tausend Leuten spielt, wird das in jeder Zeitung besprochen. Wenn wir ein ausverkauftes Konzert in Israel im Stadion spielen, ist das nicht einmal eine Meldung wert.

SPIEGEL ONLINE: Klingt verbittert.

Meine: Nein. Wir haben uns damit arrangiert. Man kann's nicht ändern.

Schenker: Außerdem ist es zum Glück ja nicht so, dass wir gleich unsere Möbel verkaufen müssten, wenn's für uns in Deutschland nicht läuft. Wenn sich der Mainstream-Geschmack hier in eine Richtung entwickelt, die nicht unsere ist, werden wir nicht mit den Wölfen heulen, nur wegen ein bisschen Popularität.

SPIEGEL ONLINE: Versucht haben Sie's zumindest mal. Das Album "Eye to Eye" war vom HipHop beeinflusst - und ein kapitaler Flop.

Meine: Das war damals eine schwierige Phase für uns. Hardrock war in Deutschland praktisch tot, alles war nur noch Grunge oder Alternative oder HipHop. Wir haben also beschlossen, was Neues zu wagen. Das Album war sehr professionell gemacht, nur haben unsere Fans die "Scorpions" nicht mehr wiedererkannt.

SPIEGEL ONLINE: Es war sogar eine deutsch gesungene Nummer drauf - waren Sie die Krittelei an Ihrem deutschen Akzent bei englischen Songs leid?

Meine: Ich wollte seit Jahren mal einen deutschen Titel aufnehmen. Aber bei der Plattenfirma hieß es immer 'Sehr schön, aber bitte auf Englisch'. Übrigens - bloß unsere deutschen Kritiker wollen auch immer einen deutschen Akzent in meinen englischen Songs herausgehört haben.

Schenker: …was unsere amerikanischen Fans nie gestört hat…

Meine: …und als dann mal ein deutscher Titel drauf war, war es denselben Kritikern auch wieder nicht recht.

SPIEGEL ONLINE: Warum werden Sie im eigenen Land kritischer beurteilt als anderswo?

Jabs: Ich bin mir gar nicht sicher, ob die Deutschen so hyperkritisch sind. Wenn das wirklich stimmt, könnte Dieter Bohlen in diesem Land ja kaum so erfolgreich sein.

Die Fragen stellte Patricia Dreyer

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Forum - Scorpions - geschmähte Superstars?
insgesamt 218 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Beliebte Lachnummer
tzscheche 05.12.2007
Habe mal gehört, dass die Scorpions besonders im englischsprachigen Ausland beliebt sein sollen: als Lachnummer ob ihres grottenschlechten Englischs... ;))
2.
Fidelma 05.12.2007
Zitat von sysopIm Ausland erfolgreich, in Deutschland Außenseiter. Die "Scorpions"sind auf Welttournee, doch im eigenen Land geben sie kein einziges Konzert. Geht Deutschland schlecht mit seinen Stars um?
Traut sich wieder keiner zu antworten - all zu leicht könnte der Musikgeschmack des Foristen als Unterschichtenkultur bezeichnet werden. Mainstream, ganz ungebildet, nur was für Amerikaner [=Ironie] Aber mein Ruf ist sowieso hin: Ich höre die Scorpions sehr gern, weil sie wunderschöne Balladen so unschnulzig bringen, dass es ganz direkt unter die Haut geht. Muss aber zugeben: zu einem Konzert würde ich nicht gehen. Da mag ich es persönlich lieber etwas kleiner und von mir aus auch unperfekter.
3.
marks&spencer 05.12.2007
Zitat von sysopIm Ausland erfolgreich, in Deutschland Außenseiter. Die "Scorpions"sind auf Welttournee, doch im eigenen Land geben sie kein einziges Konzert. Geht Deutschland schlecht mit seinen Stars um?
Ich weiß nicht, warum die Scorpions in Deutschlanfd kein Konzert geben. Kommt mir merkwürdig vor. Dass sie hierzulande nicht genug Fans hätten, kann ich mir nicht vorstellen. Ich persönlich muss jedoch sagen, dass sie ihre beste Zeit zwischen 1974 und 1984 hatten (erwähnenswert hier die Alben "Fly to the Rainbow", "Love Drive" und "Love at First Sting").
4.
Kuechenchef 05.12.2007
Gerade die ersten Werke geniessen in manchen us-amerikanischen Kreisen geradezu Kultstatus. Ist ja musikalisch auch kein schlechter Stoff. Amerikaner sehen es wohl deutlich lockerer als Deutsche, wenn Deutsche in grausigem Englisch singen. Ich gehöre aber auch zu den Dauernörglern und Vielesschlechtfindern, denen sich bei Herrn Meines Gesang die Zehennägel hochrollen, ich kann sogar einen an sich sensationellen Song von Unida ("you wish") nicht zur Gänze geniessen, nur weil Herr Garcia da so ähnlich klingt (natürlich nicht bezüglich des "Akzents") wie der Mützenklaus. Aber spätestens mit dem Ilse-Werner-Gedächtnis-Gepfeife im unseligen ultimativen Wiedervereinigungsschunkelschlager haben sich die Herrschaften eine ansteckende unheilbare Krankheit verdient, die nicht tödlich ist, aber ganz doll juckt. Teeek mi to sä mädschik of sä moment on ä klory neit, das hat selbst diese Welt nicht verdient. Hannover vielleicht, aber nicht die Welt.
5.
marks&spencer 05.12.2007
Zitat von KuechenchefAmerikaner sehen es wohl deutlich lockerer als Deutsche, wenn Deutsche in grausigem Englisch singen.
Na ja, Howard Carpendale oder Karel Gott kann man sich auch anhören, auch wenn sie ihren Akzent nicht verheimlichen können. Womit ich nicht sagen will, dass etwa die Schenker-Brüder Schlagerfuzzis wären, nur so als Beispiel ;)
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