Gutenachtgeschichten von Flüchtlingen "Der Verkäufer wollte das Mädchen für seinen Mut belohnen"

Gutenachtgeschichten vermitteln Geborgenheit und Nähe. Doch was erzählen Menschen ohne Haus und Heimat ihren Kindern? Geschichten voller Hoffnung und Wärme. In Teil 2: "Das Mädchen vom Markt".

Yara Said/ DER SPIEGEL

Von Brindusa Nastasa, Annabella Stieren und Yara Said  (Illustrationen)


    Gute-Nacht-Geschichten lassen uns eintauchen in eine Welt voller Abenteuer und Geheimnisse. Manchmal nehmen wir sie sogar mit in unsere Träume. Die kuschelige Decke, die beruhigende Stimme des Erzählers machen die Geschichte zu einem wichtigen abendlichen Ritual. Aber was erzählt man seinen Kindern, wenn eines Tages die Decke weg ist und man in einem Zelt auf dem Boden zwischen Fremden schläft?

    Die Journalistinnen Annabella Stieren und Brindusa Nastasa haben sich in der Türkei und Griechenland auf die Suche nach Gute-Nacht-Geschichten gemacht. Vier der Geschichten haben sie mit nach Deutschland genommen, wo sie von der syrischen Illustratorin Yara Said bebildert wurden.

Arbeit, das lernen wir in Istanbul, kann Segen und Fluch zugleich sein.

Wir laufen durch die Straßen des historischen Stadtteils der türkischen Stadt Aksaray, das heute "Klein Syrien" genannt wird. Das Hupen der Taxis scheint hier niemals aufzuhören, nur manchmal wird es übertönt vom Ruf des Muezzin. Die Neonleuchtstoffröhren der Schilder an den Läden werfen ihr Licht auf die Gehwege, die Logos der Restaurants sind Türkisch und Arabisch. Es riecht nach verbrannten Kastanien und frischem Shawarma, einem syrischen Kebab.

Talal Sourouji aus Aleppo schneidet das sich langsam drehende Fleisch im Hayallerin Gecesi Restaurants. Das tut er täglich zwölf bis 15 Stunden. Viel Zeit seine Töchter Elaf (7) und Rayan (8) aufwachsen zu sehen bleibt ihm nicht. Syrer, sagen er und seine Kollegen, werden generell schlechter bezahlt als Türken. Sie hätten fast keine Chance eine Arbeitserlaubnis zu bekommen und keine Versicherung.Trotzdem braucht er das Geld um seine Familie zu ernähren.

"Meine Kinder sagen mir immer ich solle früher nach Hause kommen." Die meiste Zeit spricht er mit ihnen über Whatsapp.

Talal Sourouji zeigt ein Foto von seinen Kindern und sich
Brindusa Nastasa/ DER SPIEGEL

Talal Sourouji zeigt ein Foto von seinen Kindern und sich

Während der Arbeit denkt er sich Geschichten aus, die er Elaf und Rayan erzählt, wenn er nach Hause kommt.

Geschichten seien wichtig für seine Kinder, damit sie sich sicher und selbstbewusst fühlen, sagt er. Inspiration für seine Erzählungen findet er im alltäglichen Leben seiner Töchter, von dem ihm seine Frau erzählt. Manchmal wissen die Mädchen nicht mehr wo die Realität aufhört und Fiktion anfängt. So wie bei der Geschichte, die sich Talal letzte Nacht ausgedacht hat.

Yara Said/ DER SPIEGEL


insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
otto1939 26.12.2016
1. Ein schöner Beitrag
Wer sollte etwas gegen Kinder haben. - Es ist rührend. Kinder verbinden über Grenzen hinweg und das ist auch gut so. LG, Ulrich
rudolfo.karl.von.wetterst 26.12.2016
2. Geschichten aus tausend und einer Nacht
Es gibt nichts Schöneres für Kinder und Erwachsene. Menschen die ihren Kindern solche Geschichten erzählen, die in ihrem oder einem anderen Kopf entstanden sind, sind gute Menschen.
t dog 26.12.2016
3. Sehr schön
Hoffentlich unternimmt Frau Merkel auch mal was gegen die Hassgeschichtenerzähler aus der Salafistenszene. Eine Demokratie muss wehrhaft sein. Zum Schutz aller Einwohner Deutschlands. Gemeingefährliche Psychopathen gehören in die geschlossene Psychiatrie und stehen mit ihrer Ideologie nicht unter dem Schutz der Religionsfreiheit des Grundgesetzes. Dann klappts auch mit der Bundestagswahl 2017.
Knossos 27.12.2016
4.
Ja, wie schön wäre es, wenn es verläßliche Anhaltspunkte zur Bestimmung von Charakter gäbe. Vor langjährig orientalischen Erfahrungen dachte ich auch, es könnte welche geben. Danach mußte ich sehen, wie routinierte Diebe, die ihre Familie regelmäßig von Erlös aus Beute ernähren, als 'gute Väter' heimkehren, wo sie von Kaltblütigkeit nichts ahnenden Kindern liebe Papis sind. Wenn sie die Märchen aus 1001 Nacht einmal genauer betrachten, werden Sie erkennen, daß Ali Baba und sonstige Lügner, Diebe und Betrüger mit nachsichtiger, sympathieheischender Aura versehen sind, wo solches Gebaren als nicht rundweg anstößig gilt. Wie entgegnete mir jemand -wie bereits so Viele zuvor- erst vor Tagen auf meine Kritik an solcher Mentalität im Morgenland: "Die Menschen sind gut. Sie tun es nur, weil sie es müssen." Ungebildeter Unfug. Wie in ethischer Mentalität zu erleben, zwingen weder Not noch eingebildeter Anspruch zu Gewissenlosigkeit. Und ob "gut" sein kann, wer Anderen und gar nicht selten sogar helfender Hand durch Hinterhalt Not zufügt, möchte ich grundsätzlich anzweifeln. Es geht auch anders. Im indischen Shani Shingnapur, in dem es auch eine Menge Bedürftige geben wird, leben die Menschen ohne Türen und hatten in den letzten hundert Jahren dennoch kaum Vorkommnisse. Oder denken Sie an das Deutschland / Zentral-/ Nordeuropa vor ~ 40 Jahren. Da mußte man sich nicht laufend Sorgen darum machen, von privater Umgebung um Eigentum erleichtert zu werden. Auf dem Land gab es sogar oft unverschlossene Türen, oder gar Geschäfte in denen sich ansässige Kundschaft nach Feierabend selbst bediente und Einkauf quittierte. Die Landeier-Väter waren oft etwas bräsig, wortkarg und scheinbar ungehobelt, doch nicht selten empathische Gemüter unter rauher Schale. Und typischer Weise zuverlässig und integer. Ein bodenständiger Schlag, den ich zu lieben und achten gelernt habe und mit dessen Kindern ich aufwuchs / heute noch befreundet bin. Mit oder ohne Geschichten; mir tausendmal lieber, als freundlich erscheinende, auf ersten Blick sympathisch anmutend Unberechenbare, denen niemand so nahe ist und bleibt, wie sie sich selbst. Selbst noch Kinder, Eltern oder Geschwister nicht. Nach so vielen Jahren des Versuchs, ein Kriterium zu finden, welches in rückständiger Zivilisation (und natürlich auch sonst) Rückschluß auf Integrität erlauben könnte, scheint mir eines am relativ zuverläßigsten: Nachweisliche Tierliebe. Wer gegenüber artfremdem Wesen zur Empathie befähigt scheint, ist es längst wohl für Mitmenschen. Ausnahmen hierzu dürften seltener sein, als nach jedem anderen (vortäuschbaren / heuchelnden) Kriterium. Auch dazu dürfte ein Blick nach Indien Lehrreiches offenbaren. Unter den Bishnoi ist Kriminalität mit größter Sicherheit unterdurchschnittlich aufkommendes Phänomen. Ganz im Gegensatz zum Umgang mit Tieren im Großteil restlichen Asiens und Afrikas. Der Zusammenhang davon mit Sitte ist denn auch nicht von ungefähr. Unaufrichtigkeit ist inhärenter Antagonist der Empathie. Märchenerzählen hingegen präsentiert in nicht annähernd zuverlässiger Weise Indikator für Integrität.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.