Gutenachtgeschichten von Flüchtlingen "Plötzlich erschien ein sehr guter Mann"

Gutenachtgeschichten vermitteln Geborgenheit und Nähe. Doch was erzählen Menschen ohne Haus und Heimat ihren Kindern? Geschichten voller Hoffnung und Wärme. In Teil 1: "Die große Reise".

Yara Said/ DER SPIEGEL

Von Brindusa Nastasa, Annabella Stieren und Yara Said


    Gute-Nacht-Geschichten lassen uns eintauchen in eine Welt voller Abenteuer und Geheimnisse. Manchmal nehmen wir sie sogar mit in unsere Träume. Die kuschelige Decke, die beruhigende Stimme des Erzählers machen die Geschichte zu einem wichtigen abendlichen Ritual. Aber was erzählt man seinen Kindern, wenn eines Tages die Decke weg ist und man in einem Zelt auf dem Boden zwischen Fremden schläft?

    Die Journalistinnen Annabella Stieren und Brindusa Nastasa haben sich in der Türkei und Griechenland auf die Suche nach Gute-Nacht-Geschichten gemacht. Vier der Geschichten haben sie mit nach Deutschland genommen, wo sie von der syrischen Illustratorin Yara Said bebildert wurden.

Im türkischen Ferienort Cesme treffen wir Jawad Husseini, 24, seine Frau Azade, 22, und ihre Kinder Mohammed und Hussein. Cesme ist beliebt bei türkischen Reisenden. Die Häuserwände strahlen in Weiß, an jeder Ecke findet man gemütliche Restaurants und kleine Bars. Die Familie Husseini aus Masar-i-Scharif in Afghanistan jedoch lebt wochenlang versteckt in einem Zelt in der Nähe der Küste gemeinsam mit Jawads Schwester Hamile und deren Familie.

Schmuggler sollten sie in einem Boot nach Chios bringen, eine griechische Insel etwa sieben bis zehn Kilometer entfernt. Das Warten wird unerträglich, nachts sinken die Temperaturen auf 5 Grad, und Hamile ist im neunten Monat schwanger.

Eines nachts findet die türkische Rentnerin Binour Eser die Familie in ihrem Zeltversteck. Als Freiwillige hilft Binour der lokalen Organisation Imece. Sie teilt Essen aus und vergibt Kleidung an Flüchtlinge, die von der türkischen Küstenwache abgefangen oder aus dem Meer gerettet wurden.

Familie Husseini
Brindusa Nastasa/ DER SPIEGEL

Familie Husseini

Als Binour Hamile in ihrem Zustand sieht, räumt sie kurzerhand ein Zimmer in ihrem Haus und nimmt die siebenköpfige Familie Husseini bei sich auf.

Wir fragen den jungen Vater Jawad, wie die Kinder die Reise erlebt haben. Der vierjährige Mohammed als ältester unter den Cousins sei der Einzige der Fragen stellt, antwortet er. Mohammed möchte wissen, wann es wieder zurück geht nach Afghanistan. Warum es so lange nichts zu essen gab, warum sie ihr Haus verlassen haben.

Manchmal erzählt Vater Jawad dann vor dem Schlafengehen von der Reise:

Yara Said/ DER SPIEGEL


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