Gutenachtgeschichten von Flüchtlingen "So waren alle Ameisen in Sicherheit"

Gutenachtgeschichten vermitteln Geborgenheit und Nähe. Doch was erzählen Menschen ohne Haus und Heimat ihren Kindern? Geschichten voller Hoffnung und Wärme. In Teil 3: "Suleyman und die Ameisen".

Yara Said/ DER SPIEGEL

Von Brindusa Nastasa, Annabella Stieren und Yara Said  (Illustrationen)


    Gute-Nacht-Geschichten lassen uns eintauchen in eine Welt voller Abenteuer und Geheimnisse. Manchmal nehmen wir sie sogar mit in unsere Träume. Die kuschelige Decke, die beruhigende Stimme des Erzählers machen die Geschichte zu einem wichtigen abendlichen Ritual. Aber was erzählt man seinen Kindern, wenn eines Tages die Decke weg ist und man in einem Zelt auf dem Boden zwischen Fremden schläft?

    Die Journalistinnen Annabella Stieren und Brindusa Nastasa haben sich in der Türkei und Griechenland auf die Suche nach Gute-Nacht-Geschichten gemacht. Vier der Geschichten haben sie mit nach Deutschland genommen, wo sie von der syrischen Illustratorin Yara Said bebildert wurden.

Wir treffen Isra Muhammed, die Schulpsychologin einer syrischen Schule in der türkischen Stadt Güngören nahe Istanbul.

Die Schule oder besser das "temporäre Bildungszentrum", so werden privat finanzierte syrische Schulen in der Türkei genannt, wurde in einem alten Betongebäude eingerichtet. Rund 1300 Schüler zwischen vier und 19 Jahren werden hier jeden Tag in zwei Schichten unterrichtet. Alle Lehrer und Lehrerinnen kommen aus Syrien, die Unterrichtssprache ist Arabisch.

Isra Mohammed ist eine lebendige Frau um die 50. Bevor sie nach Istanbul gezogen ist, hat sie in den Vereinigten Arabischen Emiraten islamische Religion unterrichtet. Eine psychologische Ausbildung hat sie nicht.

In den meisten Fällen kommen Lehrer oder Eltern auf sie zu und bitten um Hilfe mit verhaltensauffälligen oder traumatisierten Kindern.

Schüler von Isra Mohammed
Brindusa Nastasa/ DER SPIEGEL

Schüler von Isra Mohammed

"Ältere Schüler haben häufig Probleme mit ihren Eltern oder vermissen ihre Familie. Jüngere Schüler sitzen oft allein, sind depressiv oder werden aggressiv", sagt sie uns. Isra stellt uns Asma, 5, vor, eine ihrer jüngsten Schülerinnen. Nachdem ihr Vater in Syrien starb, hat Asma für lange Zeit weder gesprochen noch gespielt. Seitdem sich Isra um sie kümmert, geht es ihr langsam besser.

Das Schlimmste sei, dass der Krieg, die Flucht und das harte Leben in Istanbul dazu führe, dass Eltern und Kinder sich entfremden, sagt Isra.

"Die Eltern lehnen die Realität häufig komplett ab und verlieren so hier ihre Kinder", sagt sie. "Die Kinder verstehen nicht, was mit ihren Eltern passiert ist, seitdem sie Syrien verlassen haben. Warum sagen Eltern den Kindern, dass sie ruhig sein sollen? Warum haben sie nie Zeit für einander?"

Für die Psychologin sind Gutenachtgeschichten nicht nur ein wichtiges intimes Ritual zwischen Eltern und Kindern, sondern auch ein Schutz vor Albträumen. Oft gibt sie Kindern Geschichten mit nach Hause, damit sie sich vor dem Einschlafen sicher fühlen und an etwas Positives denken. In ihrer Lieblingsgeschichte treffen der Prophet Suleiman und ein Ameisenstaat aufeinander.

Yara Said/ DER SPIEGEL


insgesamt 1 Beitrag
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omanolika 27.12.2016
1. Was erzählt man einem Kind,
das ja kennt der Welt schlimmste Seiten? Welche Geschichten sollten es begleiten, wenn es abends mit Gedanken schlafen geht, die ein Erwachsener so, niemals versteht? Ganz egal welche es auch sind, wenn sie ja beruhigen ein Kind, und`s so zum Schlafen bringen, dann gehört das zu den Dingen, die einfach nur sind wundervoll, denn, was Isra Muhammed macht ist richtig toll!
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