Hamburger Kiez-Größe Das irre Leben des Paten von St. Pauli

Stefan Hentschel starb so, wie er lebte: kurz, schmerzlos, radikal. Der Hamburger Kiez nimmt heute auf dem Ohlsdorfer Friedhof Abschied von einer der bekanntesten Milieugrößen der Hansestadt. Rückblick auf ein hollywoodreifes Leben.

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Hamburg - Nur ein kleines, weißes Schild mit Pfeil weist den Weg von der hell erleuchteten Reeperbahn zur "Ritze" in einem dunklen Hinterhof. Der Eingang der Box-Kneipe liegt am Ende eines schmalen Weges zwischen aufgemalten, gespreizten Frauenbeinen, Hausnummer 142. Hier erhängte sich in den frühen Morgenstunden des 18. Dezember Stefan Hentschel, der einstige Pate von St. Pauli. Heute trägt das Milieu die Kiez-Größe zu Grabe.

Stiernackig, braungebrannt, fast kahl geschoren stolzierte Stefan Hentschel bis zuletzt über den Hamburger Kiez. Bekannt wie ein bunter Hund, spätestens durch eine Szene, die Kultstatus erlangt hat: Da schlendert der boxende Bordellkönig über die Große Freiheit. Ein Fernsehteam begleitet ihn. Die linke Hand betont lässig in der Hosentasche des dunklen Anzugs schwelgt der 100-Kilo-Mann in alten und goldenen Kiez-Zeiten, als noch 27 Mädchen für ihn anschaffen gingen, da schwankt ein aufdringlicher Passant in Jogginghose ins Bild. "Hast du'n Problem? - Geh weida!", blafft Hentschel den Mann an, hebt die rechte Faust und schlägt ihm - zack! - mitten ins Gesicht. Der schmächtige Mann taumelt noch einmal durchs Bild. "Noch'n Problem? Besser isses!", raunzt ihm Hentschel nach. In die Kamera sagt er laut: "Komm weida, ich hab da kein' Bock drauf, hier mit den Arschlöchern rumzureden." Stefan Hentschel wie er leibt und lebt.

"Zur Beerdigung, da werden sie alle kommen", sagt die Bardame der berühmten Kiez-Kneipe "Ritze" zu SPIEGEL ONLINE. Pornofilmchen laufen im Fernseher gegenüber dem Tresen. Darunter baumelt ein Zettel in einer Klarsichtfolie, wann und wo die "Trauerfeier für Stefan" stattfindet. Hunderte gerahmter Fotos tapezieren die Wände. Kiezgrößen grinsen mit Fußballern wie Helmut Schön und Franz Beckenbauer und Schauspielern wie Jan Fedder und Tilo Prückner um die Wette.

Der Boxkeller ist legendär - und mieft

Mitten im Lokal geht es die Treppe hinunter. Eine Etage tiefer befindet sich der legendäre, aber miefige Boxkeller. Oben saufen, unten schlagen - lautet das Motto. "Unten" hat sich Stefan Hentschel erhängt. An einem Deckenhaken, von dem er zuvor den Boxsack abgenommen hatte. Einer der braunen Barhocker mit grünem, dick gepolstertem Kunstlederbezug lag umgestürzt daneben. Auf dem Boden fand die Polizei einen Abschiedsbrief.

Sein halbes Leben hatte der 58-Jährige in diesem Boxkeller verbracht. Fast jeden Nachmittag reagierte er sich an einem der schwarzen Boxsäcke ab, besaß einen eigenen Schlüssel für den Boxraum. Henry Maske, Graciano Rocchigiani, René Weller, Dariusz Michaelczewski - viele Profiboxer, aber auch Kiezgrößen standen hier im Ring oder prügelten auf einen der Sandsäcke ein. "Ritze"-Wirt Hanne Kleine hat sie alle in Bilderrahmen verewigt - auch Stefan Hentschel.

Abends stand er oft an der Theke, neben 80 Jahren Knast, je nachdem was die Zechkumpanen auf dem Kerbholz haben, und bei Hacker-Pschorr. "Es wäre geheuchelt, würde ich zum Friedhof gehen", sagt eine Besucherin. "Wir haben den Stefan alle gekannt, aber der hat auch viel Scheiße gebaut, der braucht meinen Segen nicht."

Vom Millionär zum obdachlosen Pleitier

Der Abstieg des einst millionenschweren Paten von St. Pauli ging rapide: Hentschel, am 30. September 1948 in Gablenz in der Oberlausitz geboren, kommt im Alter von neun Jahren nach Hamburg und lernt dort später Automechaniker. Der bullige Boxer treibt sich schon früh auf dem Kiez herum, verliebt sich nach eigenen Aussagen in eine Prostituierte namens Reni. Hentschel träumt davon, sie freizukaufen. Doch deren Zuhälter, genannt "Luden-Schorsch", will 60.000 Mark. Angeblich bezahlt Hentschel mit den Fäusten, Reni gehört danach ihm.

Hentschel lernt schnell - und expandiert. "Ich habe mit vier Frauen in der Tagesschicht angefangen", schwadronierte er immer wieder. "Nach zwei Monaten waren es 27 Damen." 1200 Mark liefert jede Prostituierte bei ihm ab. Der 1,82-Meter-Mann lebt in Saus und Braus. Die siebziger und achtziger Jahre sind seine Hochzeit: Mit Wilfried Häfele, genannt "Neger-Willy", ist er einer der Rotlicht-Paten auf dem Hamburger Kiez, fegt mit seinem Porsche Carrera über die Reeperbahn, macht Luxusreisen, nennt sich selbst "göttlicher Zuhälter" - obwohl auf dem Kiez Krieg herrscht. Serienkiller Werner "Mucki" Pinzner mordet nach Auftrag. Auch Hentschel steht auf Pinzners Liste, doch der Bordellbesitzer hat Glück. Wenn auch nicht immer.

Zweimal wird er angeschossen, viermal schwer verletzt. Mit einem Weißbierglas schlägt ihm ein Kontrahent das rechte Auge aus. Stolz erzählt er später in jedem Interview, wie er sich gegen Mordanschläge gewehrt, um sein Leben gekämpft habe, und zeigt sein Glasauge.

Doch der "Einäugige", wie ihn einige nennen, steuert mit Vollgas auf den Abstieg zu: 1994 zündet ein Freund in Hentschels Club "Base" eine Bombe. Die Talfahrt beginnt. Der Bordell-König gründet eine Reinigungsfirma - und geht pleite. Finanziell erholt er sich nie mehr. Er macht Schulden bei der Bank und bei Freunden, kifft sich das Leben schön - und stürzt immer mehr ab. Er sei depressiv und lebensmüde gewesen, berichten Freunde.

Am Ende hat er nicht einmal mehr Geld für die Miete seines Apartments in der Annenstraße. Bei einer Freundin soll er untergeschlüpft sein, in einer Absteige nahe der Reeperbahn. Gerüchte kursieren, sie habe ihm am Abend vor seinem Tod die Koffer vor die "Ritze" gestellt.

Eine der Bardamen sieht am 18. Dezember den toten Hentschel durch ein Fenster an der Decke hängen. Die Mordkommission ermittelt. Nicht jeder Selbstmord im Milieu muss auch einer gewesen sein. Im Fall Hentschel schließt die Polizei jedoch bereits nach kurzem Fremdverschulden aus.



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