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Hannelore Krafts Hochzeitsfoto: Weht's noch?

Von Daniel Haas

Hannelore und Udo Kraft sind die neuen Heidi Klum und Seal. Warum? Weil sie sich erneut das Ja-Wort geben, obwohl sie schon vermählt sind. Und weil sie mit Bildern umgehen wie Popstars: raffiniert.

Hochzeitsfoto von Hannelore Kraft: Das zweite "Ja" nach 20 Jahren Fotos

Die Spontis sagten, das Private sei politisch und das Politische privat. Und da gab es noch nicht mal Facebook oder Twitter. Heute senden Politiker auf allen Kanälen. Wolfgang Bosbach (CDU), Christian Ströbele (Grüne), sogar Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) haben das Netz entdeckt und bombardieren die Welt mit 140-Zeichen-News. Was Fotos angeht, können sie sich aber alle eine Scheibe abschneiden bei: Hannelore Kraft. Die hat gar ihr Hochzeitsfoto gepostet.

Es wird als eines der großen Highlights in die Geschichte der Bildmedien eingehen. Die Verbindung von Brachland, fragwürdiger Garderobe, zwielichtiger Körperhaltung und obskurem Text hat es so in der politischen Landschaft noch nicht gegeben.

Was für eine Inszenierung! Und was für ein Kleid! Wie sie dasteht, die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, den Blick auf den Betrachter gerichtet, während sich an ihrem Rücken - ja was eigentlich herauswölbt? Ist das ein Segel? Das ergäbe symbolisch jedenfalls Sinn: Eine Frau hält Kurs in ihrer Beziehung und biegt erneut in den Hafen der Ehe ein. Sie selber schreibt auf ihrem Twitter-Account: "Was für ein wundervoller Tag! Nach 20 Jahren noch mal 'JA'!" Die Wiederheirat hat Tradition in Prominentenkreisen: Was Heidi und Seal jedes Jahr machten, kann für Hannelore und Udo, ihren Mann, nicht falsch sein.

Vielleicht ist es aber auch kein Segel, sondern ein Flügel. Das wäre bedenklich. Flügel gehören zu Feen, die irreale Wünsche erfüllen, und man weiß, dass Frau Kraft das Image der bodenständigen Realistin pflegt. Flügel finden sich auch bei Engeln, aber die Landeschefin ist vom Katholizismus zur Gegenseite übergetreten, und Protestanten haben es nicht so mit gefiederten Götterboten. Klar, man kann sagen, das Verdrängte kehrt wieder, aber das wäre, kostümtechnisch gesehen, dann doch ein wenig dicke, so eine Riesenschwinge am Rücken.

Und dann kam der Windstoß

Man muss womöglich pragmatischer denken: Sie könnte das Kleid erstanden haben als eine von französischen Couturiers abgekupferte Economy-Version der enganliegenden Wickelrobe. Und dann kam der Windstoß, und ratsch, löste sich das Ganze in Wohlgefallen auf, und die Hälfte des Outfits flatterte davon.

Aber warum sind dann die Haare der beiden so still und steif? Wie geht das zusammen? Nach wissenschaftlich seriösester Windrichtungsermittlung ist klar: An dem Bild stimmt was nicht, wie bei dem Motiv der Mondlandung. Sie wissen schon, die wehende Fahne und so weiter.

So viel Haarspray kann man gar nicht versprühen, dass das hält. Kraft ist außerdem pro alternative Energien, die Atmosphäre mit kosmetischen Gasen zu verpesten, ist für sie keine Option.

Fragen über Fragen. Zum Beispiel auch: Wo stehen die beiden da? Was ist das für ein Brachland? Irgendwas in Nähe der Ruhr oder am Rhein (von wegen Ausland!)? Kraft ist eine Galionsfigur des Westens. NRW ist nicht irgendeine Region, sondern BRD-Kernland. Lebendes, atmendes, windiges Wessitum. Aber dieser Acker mit zweitklassigen Hügeln im Hintergrund, das muss im Osten sein. Friedrichshain vielleicht, Nähe O2-Arena, dort, wo Berlin aussieht wie Warschau 1976.

Lässig bleiben

Wurde dieser Platz bewusst ausgewählt? Im Sinne von: Ja, ich bin die Gegenfigur zur ostdeutschen, kühl reflektierenden Politikintellektuellen Angela Merkel, aber wenn's drauf ankommt, an meinem Hochzeitstag zum Beispiel, dann stell ich mich auch in die Berliner Pampa (und währenddessen vertreiben ihre Bodyguards die Touristen und Pubcrawler, die diese Wüste mit dem Mauerpark verwechseln).

Mit Udo ist Frau Kraft übrigens seit 20 Jahren verheiratet, der Mann kann sich seiner Sache also sicher sein. Deshalb steht er auch so da: Hände in den Hosentaschen, zuletzt sah man diese Haltung auf dem Schulhof oder am Tresen einer gut besuchten Studentenkneipe. Lässig bleiben, Alter, Engel hin oder her, ist auch nur eine Frau. Außerdem hab ich was Ordentliches gelernt, Elektriker, partei- und richtungswechselresistent. Und überhaupt: Gutgekleidete Männer (Guttenberg, Wulff) kommen und gehen, wer einen soliden Job hat, bleibt.

Nur, dass sie sich kaum anfassen, von wegen "wundervoller Tag!" und "Ja!", das ist schon suspekt. Vielleicht hat er eine Finanzsünder-Daten-CD in der Tasche (die Übergabe fand kurz zuvor hinter einem der Müllberge im Bildhintergrund statt), und sie distanziert sich vorsichtshalber. Man weiß ja nie, wie die Sache mit dem Steuerabkommen zwischen uns und der Schweiz ausgeht.

Es ist ein vielsagendes Bild. Keine Mondlandung, aber eine Ankunft: Frau Kraft hat die digitale Moderne erreicht. Dort vermählt sie Couture und C&A, Ost und West, Wind und Stille. Glückwunsch!

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