Hartmut Engler Vom Alkoholabsturz zum puren Lebensglück

Depressionen, Alkoholprobleme, Liebeskummer: Hartmut Engler hat im vergangenen Jahr schwere Zeiten durchlebt. In einem Interview spricht der Sänger der Popband Pur nun über seinen Klinikaufenthalt, Selbstmitleid - und eine gewisse "Frau Schneider".

DDP

Osnabrück - Hartmut Engler ist froh, dass er das letzte Jahr hinter sich gelassen hat. "Mein Leben bestand zum einen aus viel Arbeit, zum anderen aus Applaus, Jubel und Partys", sagte der Sänger der Popband Pur dem MDR. "Im September 2007 etwa spielten wir auf Schalke vor 65.000 Fans. Das zu toppen, ist schwer. Ohne diese ständigen Highlights fällt man als Künstler schnell in ein tiefes Loch." Engler begann zu trinken, schloss sich in seine Wohnung ein, seine Frau verließ ihn.

Nach Depressionen und Alkoholproblemen fühlt sich Engler nun wieder topfit. Die 14 Tage, die er krankheitsbedingt in einer Spezialklinik verbracht habe, seien ihm jedoch in guter Erinnerung, sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Das war eine extrem gute Erfahrung für mich, mit 'normalen' Leuten zu sprechen, die alle ihr Päckchen zu tragen haben. Da war eine Lehrerin, die Angst hatte, vor ihre Schüler zu treten. Dann gab es Leute, die einfach ausgebrannt waren. Man hat sich in Gesprächsrunden ausgetauscht."

Nach einiger Zeit hätten die Leidensgenossen natürlich erfahren, wer er sei, berichtete 47-Jährige: "Wenn man dann die ersten Autogramme gibt, dann weiß man auch, dass es besser ist, die Therapie zu Hause zu Ende zu bringen."

Noch heute ist Engler froh darüber, ein funktionierendes Umfeld mit Bandmitgliedern zu haben, die ihn im vergangenen Jahr überzeugt hätten, die Klinik aufzusuchen: "Den anderen ging es zunächst einfach nur darum, dass es mir wieder gutgeht. Ich bin auf der einen Seite jemand, der der Band extrem guttut und sie als Gesicht nach vorne bringt. Dafür fordere ich dann auch Solidarität ein, wenn ich die anderen hinter mir brauche."

In seiner schlechten Phase habe er sie gebraucht: "Man geht nicht ans Telefon. Anstatt zu schlafen, geht man an den Kühlschrank und holt sich ein Bier, damit man weiter schlafen kann. Morgens ist man gerädert, hat keine Lust aufzustehen. Man weiß auch nicht, warum man aufstehen soll. Man wälzt sich im eigenen Selbstmitleid."

Beim Halma-Spiel lernte er "Frau Schneider" kennen

Dankbar ist der 47-Jährige auch darüber, dass er nach überstandener Lebenskrise und der Trennung von seiner Frau Nubya, 33, im Mai 2008, eine Dame namens "Frau Schneider" kennengelernt habe, der er ebenfalls einen Song widmete. Nach einem Benefizkonzert in Bietigheim-Bissingen hätten er und die anderen Bandmitglieder die örtliche Diakonie-Station besucht "und waren auch beim Nachmittag für Demenzpatienten dabei".

Er sei derart beeindruckt gewesen, dass er anschließend öfter dort hingegangen sei, um mit den Patienten Zeit zu verbringen, berichtete Engler. "Dabei habe ich dann Frau Schneider kennengelernt und mit ihr Halma gespielt. Die hat mich tatsächlich dauernd geschlagen, obwohl ich eigentlich gut Halma spielen kann. Das hat mich erstaunt, Frau Schneider hat mich dauernd zugestellt und mit einer fiesen Taktik gespielt." Das Lied, das daraus entstanden sei, habe er der Frau und deren Familie vorgespielt, "sie fanden es klasse".

Auch der Song "Winter 59" aus dem neuen Album "Wünsche" hat für Engler eine persönliche Bedeutung: Das Lied sei seinem Bruder gewidmet, der 1959 vor der Geburt gestorben war. "Es ist Fakt, dass bei uns in der Familie wohl die Familienplanung abgeschlossen gewesen wäre, wenn mein Bruder auf die Welt gekommen wäre. Mich gäbe es dann wahrscheinlich nicht."

jjc



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