Hollywood-Produzent Der Skandal um Harvey Weinstein

Etliche Frauen haben Harvey Weinstein in den vergangenen zwei Wochen sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung vorgeworfen. Was ist seit dem ersten Bericht passiert? Der Überblick.

AP

Es vergeht kein Tag ohne neue Nachrichten über den Skandal um Harvey Weinstein. Am 5. Oktober veröffentlichte die "New York Times" einen Artikel, in dem viele Frauen dem US-Produzenten sexuelle Belästigung vorwerfen.

Seitdem ist viel passiert. Ermittlungen wurden aufgenommen, immer neue mutmaßliche Opfer äußern sich. Und eine weltweite Debatte über sexuelle Gewalt und Sexismus hat begonnen. Der Überblick.

Was wird Harvey Weinstein vorgeworfen?

Nach dem ersten "New York Times"-Artikel erschien ein langer Bericht im "New Yorker" , in dem Frauen Weinstein sogar Vergewaltigung vorwarfen. Der Skandal wurde größer, immer mehr Vorwürfe kamen ans Licht, bis heute haben sich Dutzende mutmaßliche Opfer geäußert. Sechs Frauen berichten, von Harvey Weinstein vergewaltigt worden zu sein: die Schauspielerinnen Asia Argento, Lysette Anthony, Lucia Evans und Rose McGowan sowie zwei anonyme Frauen, darunter eine ehemalige Mitarbeiterin Weinsteins.

Bei den Betroffenen handelte es sich meist um junge Schauspielerinnen am Anfang ihrer Karriere - darunter Angeline Jolie, Ashley Judd oder Gwyneth Paltrow. Zuletzt hat Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong'o ("12 Years a Slave") geschildert, wie sie von Weinstein bedrängt wurde. Weinstein hatte sich nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe für sein Verhalten entschuldigt. Allerdings dementierte seine Sprecherin zugleich, dass es nicht-einvernehmlichen Sex gegeben habe, sein Anwalt wies die Vorwürfe der Frauen aus dem Bericht der "New York Times" zurück.

Warum kommt der Skandal erst jetzt ans Licht?

Harvey Weinstein ist einer der erfolgreichsten Filmproduzenten Hollywoods. Er produzierte Filme wie "Sex, Lügen und Video", "Pulp Fiction" oder "Django Unchained". Das sind eher kleine Produktionen -mit dem Potenzial, ihre Hauptdarsteller groß zu machen. So wurden seine Firmen in Hollywood zum Nadelöhr, durch das aufstrebende Schauspieler mussten, um nach oben zu kommen. Und das gab Harvey Weinstein Macht, die er offenbar schamlos ausnutzte. Sein Verhalten war in Hollywood ein offenes Geheimnis - geduldet von Kollegen und verschwiegen von den Medien. In diesem Klima war es besonders schwer für Frauen, sexuelle Übergriffe öffentlich zu machen. Grundsätzlich ist das ein schwieriger Schritt, es gibt viele nachvollziehbare Gründe, zu schweigen. Etwa aus Scham oder Angst, dass ihnen niemand glaubt. Eine berechtigte Sorge: Laut einer britischen Untersuchung hat sich in 75 Prozent der Fälle, in denen Frauen Belästigung am Arbeitsplatz meldeten, hinterher nichts verändert. 16 Prozent der Opfer sagten gar, sie seien danach schlechter behandelt worden.

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Vorwürfe gegen Medienmogul: Die Akte Weinstein

Wie reagieren die Behörden?

Gegen den Filmemacher liefen bereits im Jahr 2015 Ermittlungen. New Yorker Polizisten hatten Weinstein im Visier, arrangierten sogar ein Treffen zwischen ihm und einem mutmaßlichen Opfer - und zeichneten es heimlich auf. Doch fehlende Absprachen zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft verhinderten eine Anklage. Nun sind die Behörden wieder aktiv: In New York durchforsten Polizisten Akten nach Beschwerden über Weinstein, in Los Angeles prüfen sie einen Fall aus dem Jahr 2013; Beamte in London gehen ebenfalls mehreren Fällen nach. Ein Staatsanwalt aus Los Angeles ermutigte mögliche Opfer, sich an die Behörden zu wenden. Nur so könne Gerechtigkeit geübt werden.

Welche Folgen hat der Skandal für Weinstein?

Der Produzent wurde von seiner Firma als Vorstandschef entlassen, aus dem Aufsichtsrat trat er zurück. Amazon und Disney wollen künftig auf seine Dienste verzichten, der Schauspieler Channing Tatum sagte ein Projekt mit Weinstein ab. Die Firma "The Weinstein Company" des Produzenten ist so angeschlagen, dass Investor "Capital Colony" bereits mit einer Finanzspritze aushalf, die Höhe ist nicht öffentlich. Außerdem wurde der Produzent aus der Oscar-Akademie ausgeschlossen, die Universität Harvard will ihm eine Ehrenmedaille abnehmen und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron dringt darauf, dem Filmproduzenten die Auszeichnung der Ehrenlegion zu entziehen. Außerdem wurde er von seiner Frau Georgina Chapman verlassen, sein Bruder Bob verurteilte ihn öffentlich.

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Reaktionen auf Weinstein: "Unser aller Problem"

Wie verlief die Debatte nach den ersten Berichten?

Immer mehr Frauen berichteten von ihren schlechten Erfahrungen mit Harvey Weinstein, etwa die britische Schauspielerin Lena Headey, bekannt aus "Game of Thrones". Etliche Schauspieler kritisierten Weinsteins Verhalten. Dann äußerten sich auch Frauen, die zwar nicht mit Weinstein, aber in der Filmbranche Übergriffe erlebt haben, etwa Hilarie Burton, die von Ben Affleck betatscht wurde. Schließlich forderte Alyssa Milano Frauen bei Twitter auf, mit "Me too" zu antworten ("Ich auch"), wenn sie Opfer sexueller Übergriffe geworden sind. Damit trat die Schauspielerin eine weltweite Debatte los, Hunderttausende berichteten von ihren Erfahrungen. Etwa Alina, eine Studentin aus Freiburg, die vergewaltigt wurde, als sie betrunken auf der Couch eingeschlafen war. Die schwedische Außenministerin Margot Wallström schrieb auf Facebook, dass sie sexuelle Gewalt auf "höchster politischer Ebene" erlebt habe; nach einem Aufruf von SPIEGEL ONLINE berichteten deutsche Schauspielerinnen von Übergriffen und Belästigungen.

jpz/dpa

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