Hochzeit von Meghan und Harry Jubel verdienen andere

Die Hysterie um die Hochzeit von Meghan und Harry ist übertrieben. Warum nur begeistern sich so viele Menschen für Pomp, Trompeten und goldene Kutschen? Schuld daran sind Kinderbücher.

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Ohne die Monarchien auf dieser Welt wäre Joe Little arbeitslos. Seit 1999 ist er Redakteur beim "Majesty Magazine". Jeden Monat gibt die Zeitschrift aus London ihren Lesern einen farbigen Einblick in die Leben königlicher Familien dieser Welt. Die Mai-Ausgabe hat 84 Seiten und kostet 2,99 Pfund. Selbstverständlich sind Prinz Harry und Meghan Markle darauf abgebildet.

Ich kann nicht nachvollziehen, warum sich an diesem Samstag Millionen von Menschen die Hochzeit der beiden anschauen werden, warum sie sich Tassen, Teller oder T-Shirts mit deren Konterfeis darauf kaufen. Warum begeistern sie sich überhaupt für Monarchien? Für mich sind sie Zeugnisse vergangener Zeiten.

Sicher haben die Adligen nicht um diese Aufmerksamkeit gebeten und wären froh, wenn Menschen und Medien von ihnen ablassen würden. Wer dürfte sich das mehr wünschen als Harry - oder Meghan, die zurzeit wie wohl kein zweiter Mensch erfahren muss, was es bedeutet, in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken.

Aber diese Öffentlichkeit auszuhalten, ist wahrscheinlich gerade ihre größte Aufgabe. Und diese Aufgabe ist für Millionen von Menschen wichtig, "denn Prinzessinnen und Prinzen geben uns eine Orientierung", sagt Harald Lange, Professor am Institut für Fankultur in Würzburg.

"Schon von klein auf kennen wir sie aus den Märchenbüchern." Viele Mädchen und Frauen wollen Prinzessinnen sein - umso mehr seit Disneys "Die Eisprinzessin" - und an diesem Samstag können sie teilhaben an einem royal-realen Märchen: Der Prinz, der sich von nichts blenden lässt und das Mädchen aus einfachen Verhältnissen heiratet. "Wir lieben dieses Bild, wir brauchen dieses Bild", sagt Lange. "Es bestärkt den Menschen darin, dass auch er die Prinzessin oder den Prinzen fürs Leben findet."

Joe Litte vom "Majesty Magazine" sagt auch, die Menschen blickten so hysterisch auf die Hochzeit, weil sie eine "fairy-tale-romance" sei - eine märchenhafte Romanze. "Außerdem stehen die Leute auf den ganzen Pomp, die Trompeten, die Soldaten, die Kutschfahrt", sagt Little. Das bringe sie zurück in eine alte Zeit. Und natürlich lenke die Hochzeit vom Brexit ab - wenn auch nur für ein paar Tage.

Auch wenn Harry und Meghan sympathischer wirken als andere Adlige, auch wenn sie sich für wohltätige Zwecke einsetzen, uns Orientierung und Sicherheit geben - wir sollten ihnen dennoch nicht so viel Aufmerksamkeit schenken.

Jede alleinerziehende Mutter, jede Hebamme, jede Krankenschwester, jeder Notfallsanitäter leistet im Leben mehr als Harry und Meghan zusammen. Das mag platt klingen - aber entspricht doch der Wahrheit. Warum fertigen wir von ihnen keine Tassen, Teller und T-Shirts? Warum wollen wir mit ihnen keine Selfies?

Die Menschen sollten nicht Meghan und Harry zujubeln, sondern den Alltagshelden mehr Aufmerksamkeit schenken. Aber dafür müssen wohl erst neue Märchen erfunden und neue Kinderbücher geschrieben werden.

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anonym123456789 19.05.2018
1. "Die Eisprinzessin" ?
Ich glaube doch sehr, der Film heißt anders... auch wenn er dann nicht mehr so schön in den Artikel passt.
dirk.resuehr 19.05.2018
2. Falsche Schlüsse, falsche Fragen
Zunächst: Was wären die Medien ohne Promis? Der Boulevard lebt von diesen, deren "Leistung" oft in dem Nichts besteht, Aussehen, Rundungen, Herkunft. Gerade diejenigen, deren Leistung hier beschworen wird, konsumieren diese Nachrichten. Warum immer, egal. Verspricht wohl etwas, oder gaukelt etwas vor. Der Bedarf ist da, kann den einen und anderen wundern, man muß es ja nicht lesen oder sehen. Übrigens: SPON und das ÖR Fernsehen machen munter mit, Augstein senior zum Trotz, seinerzeit gabs das nicht!
spon_4_me 19.05.2018
3. Sie können, verehrte Frau Haug,
nicht nachvollziehen, weshalb so viele Menschen sich für eine königliche Hochzeit interessieren? Echt nicht? Sie arbeiten doch für ein Medienunternehmen - hat man Sie da nie mit der Funktionsweise von publizistischen Prozessen vertraut gemacht? Und noch ein Hinweis: Kinderbuchhelden sind gern mal - sofern menschlich - Pirat, Räuber oder Ritter, alles kriminelle oder zumindest sozial zweifelhafte Berufe. Wird uns da an Anstieg an Kriminalität ins Haus stehen?
PaulchenGB 19.05.2018
4. Asterix: Die Briten sind bekloppt
80 % der Bevölkerung sind für die Beibehaltung der Monarchie, warum ein Staatsoberhaupt wählen, wenn die Zustimmung so hoch ist. Und nun haben sich doch sage und schreibe 2000 (Zweitausend) Journalisten einschließlich Fernsehsender aus aller Welt für die Hochzeit von Harry, der kaum eine Chance hat, jemals König zu werden, akkreditieren lassen. Nun ja, die Engländer, die immerhin 0,57 Pfund Sterling pro Person und Jahr für die Royales ausgeben, verfolgen immer ganz genau, was die bereits 66 Jahre „regierende“ Königin, Prinz Charles, Prinz William und sein Bruder Harry, Prinzessin Anne usw. so treiben. Elisabeth II und Prinz Charles kommen allein auf 500 öffentliche Auftritte/Termine pro Jahr. Es vergeht kaum ein Tag, an dem BBC nicht über die Royales berichtet. Von Steinmeier hört man so gut wie Null Komma Null. Und nun die Hochzeit von Harry, die von der Weltöffentlichkeit, höchstwahrscheinlich sitzen mehr als 3 Mrd. Menschen vor den Bildschirmen, verfolgt wird. Okay, die 53 Commonwealth-Staaten mit 2,4 Mrd. meist englischsprechenden Menschen wollen eben auch schauen, was die Royales so machen. Und die Amerikaner haben nach Grace Kelly (Heirat 1956 mit Fürst Rainier/Monaco) und Wallis Simpson (Heirat 1937 mit Ex-König Edward VIII/England) jetzt die Aufmerksamkeit auf Meghan, eine „misch-rassige“ US-Amerikanerin gerichtet. Und die anderen Ländern der Welt, z.B. Deutschland? Ja, da schaut man halt TV mit dem notwendigen Desinteresse. Man will ja schließlich mitreden können und sich über den Pomp und Protz und unnötige Ausgaben aufregen. Sendungen, wie die Geissen’s, Dschungelcamp usw. mit Millionenpublikum werden ja schließlich auch nur deswegen angeschaut, um sich über Promis verächtlich zu mokieren. Geht Otto Walkes ins Camp? Wer kauft eigentlich GALA und BUNTE? Die Engländer jedenfalls stehen zu ihren Royales. In der 1000jährigen Geschichte gab es immer mal wieder auf und ab’s mit „König’s“, der eine und andere Monarch wurde verjagt oder hingerichtet, auch gab es 11 Jahre eine Republik unter Cromwell, aber sein Leichnam wurde exhumiert und einer symbolischen Hinrichtung als Königsmörder unterzogen. Royales sind irgendwie Exoten, die den Briten lieb und teuer sind, zumal die Welt daran Anteil nimmt und Touristen jährlich geschätzte 2.5 Mrd. Pfund Sterling in die britische Kasse spülen. Allein diese Hochzeit beschert der britischen Wirtschaft schätzungsweise umgerechnet 1,13 Milliarden Euro bei Hochzeitskosten von nur 36 Mio €. Da kommt richtig Neid auf. Jede Firma würde in die Hände klatschen bei so einem Kosten-Nutzen-Verhältnis. Warum weltweit so viel kostenlose Werbung für die BREXIT-Insel gemacht wird, verstehe wer will. God save the Queen. Harry, His Royal Highness The Duke of Sussex, Earl of Dumbarton and Baron Kilkeel und Meghan, der zukünftigen Princess Henry of Wales The Duchess of Sussex alles Gute. Hoffentlich stellt sich bald Nachwuchs ein, dann haben wir wieder etwas zu feiern, natürlich mit dem notwendigen Desinteresse und Kopfschütteln.
dasfred 19.05.2018
5. Goldene Träume für den grauen Alltag
Frauen Zeitschriften auf der ganzen Welt leben davon, reale Menschen als Projektion für ihr Fantasien vorzuführen. Sie verkörpern die Gedankenwelt aller Liebesromane. Ein rothaariger junger Mann weckt erst besonderes Interesse, wenn er als Prinz präsentiert wird, der die LeserIn in eine Zauberwelt entführen könnte. Die Alltagsrealität kann dabei total ausgeblendet werden. In der Traumwelt der Reichen und Schönen stellen die Königinnen und Prinzessinnen den absoluten Gipfel dar. Damit werden die Königshäuser natürlich zum Wirtschaftsfaktor, der ständig gepflegt werden will. Die Illusion von Macht, Reichtum und Schönheit übertrifft so ziemlich alle Wünsche.
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