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Howard Carpendale: Die elegante Rampensau

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Howard Carpendale: Rampensau, aber niemals "Howie" Fotos
picture-alliance / dpa

Howard Carpendale steht seit 47 Jahren auf der Bühne, geföhnt, gefärbt, gebräunt. Wie verändert das einen Menschen? Wie viele Frauen warteten in seinem Hotelbett? "Howie" spricht über Versuchungen, Rituale und das große schwarze Loch außerhalb des Scheinwerferlichts.

Howard Carpendale hasst den Namen Howie. Nur Fans nennen ihn so. Er findet die Verniedlichung unmännlich. "Frauen meinen es nicht so. Aber wenn es Männer sagen, stört es mich. Sie wollen zeigen, dass sie über der Sache stehen, das nervt."

Carpendale sitzt in der Bibliothek eines Hamburger Luxushotels, eingehüllt in eine würzige Aftershave-Wolke und eingepfercht in einen cognacfarbenen Ledersessel. "Gibt es auch die Möglichkeit, irgendwo mit einem Tisch zu sitzen?", fragt er mit unnachahmlichem Akzent. "Man kommt sich hier vor wie auf dem Klo."

Der gebürtige Südafrikaner mit deutschem Pass hat sich vor 45 Minuten wecken lassen, hat wie immer exakt 30 Minuten im Bad gebraucht, inklusive Vollbad. Er duscht nicht gern. Die Frisur sitzt. Unter dem schwarzen Sakko trägt er ein bedrucktes T-Shirt, den bunten Schal schwungvoll um den Hals. Er bestellt sich eine Tasse Tee und ein paar Scheiben Brot, auf die er dick Butter streicht.

Seit zwei Wochen absolviert der 67-Jährige acht Termine pro Tag, Radiokonzerte, Interviews, Fernsehauftritte. Es ist die Tortur vor der Tour: Nächstes Jahr startet er mit seiner "Viel zu lang gewartet"-Tournee quer durch Deutschland, am Freitag kam sein aktuelles Album heraus. Carpendale ist einer der erfolgreichsten Schlagersänger Deutschlands, verkaufte mehr als 25 Millionen Tonträger, steht seit 47 Jahren auf der Bühne. Fast ebenso lang hasst er das Wort Schlagersänger in all seinen Varianten - Schnulzenstar, Volksmusik-Heini, Schmusesänger.

"Es ärgert mich, weil Deutschland ein intelligentes Land, in diesem Bereich aber voller Vorurteile ist." Immer wieder wundere er sich, was im Radio als "Schlager" bezeichnet werde. "Was für ein Mist da gespielt wird, teilweise schlimmer als alles, was in den Sechzigern und Siebzigern als Schlager bezeichnet wurde." Damals sang er Refrains wie "Da nahm er seine Gitarre. Und sang nur für sie allein. Er sang seine Liebeslieder. Bis tief in die Nacht hinein".

Texte, Melodien haben sich geändert, Carpendales Ruhm ist geblieben, sein Name klingt - doch wieso eigentlich? Heino hat seine pommesfarbene Perücke samt Sonnenbrille, Udo Jürgens seinen Flügel und Bademantel - und Howard Carpendale? Trägt seit Jahrzehnten die blonde Mähne in geföhnter Vokuhila-Manier, die kleinen Augen, das mächtige Kinn - Carpendale ist unverkennbar und zugleich eine unspektakuläre Figur. Vielleicht ist es die Lässigkeit, er wirkt immer souverän, er drängt sich nicht auf, leise Poesie, kein Drama. Hello again.

"In meinem Beruf hat man vernünftig auszusehen"

Auf Facebook zählt er 70.000 Anhänger, er schätzt sie auf "zwischen 35 und 55". Was ihn sichtlich erfreut. 400 Menschen bezeichnet er als echte Fans. Die alles sammeln, jedes Bild, jeden Artikel, jeden Zeitungsschnipsel. Die sich einbilden, alles über ihn zu wissen. Alle zwei Jahre trifft er sich mit ihnen.

Sein Erfolg mag auch mit der Authentizität zusammenhängen, die Carpendale lebt: keine Skandale, die Alkoholkrankheit seiner Lebensgefährtin hat er immer schamlos thematisiert, selbst über seine depressive Phase spricht er mit erstaunlicher Offenheit.

Am Abend zuvor war Carpendale zu Gast bei Markus Lanz. Der fragte, ob er seine Haare färbe. Carpendale blieb souverän, bejahte. "In meinem Beruf hat man, so weit es geht, vernünftig auszusehen", sagt er in der Hotelbibliothek. Er spricht mit leiser Stimme. "Ich fühle mich wohler, wenn ich noch ein paar Jahre jünger wirke. Die Frage ist: Wie weit geht man?"

Andere Altgediente sehen sich längst nicht mehr ähnlich. "Ich sehe Kollegen aus den Siebzigern, die aufgedunsene Gesichter haben und sehr verzweifelt sind - die tun mir leid." Carpendale hat sie abgehängt, stolz sagt er: "Ich war nie der Millionenseller, hatte nie den einen Hit, der alles sprengte. Aber ich bin einer der wenigen, der all die Jahrzehnte überlebt hat. Vielleicht auch, weil ich mich nie so ernst genommen habe."

Oder seine Leidenschaft war stärker. Carpendale fühlt sich wohl auf der Bühne. Eine Rampensau aber will er nicht sein. "Im Herzen bin ich das, aber ich lege auch Wert auf eine Eleganz, die nicht mit dem Wort vereinbar ist." Eine Rampensau rackert im Rampenlicht. Carpendale bleibt lässig.

Aber er gibt zu: "Ich gehe auf die Bühne, egal, was ist - das ist rampensaumäßig." Selbst am Tag nach dem Tod seines Vaters trat er auf. Nur vier Konzerte hat er in 47 Jahren abgesagt. Weil so ein Abend für manche Fans fast ein Jahr Vorfreude bedeutet, wie er sagt. Aber auch weil jeder Auftritt pures Lebenselixier für ihn ist. Zehn Minuten, bevor er die Bühne betrete, sei eine Spannung im Publikum, die er nicht erklären könne. "Ich stecke meine Nase durch den Vorhang und rieche das Publikum, das ist eine tolle Stimmung."

"Ich habe nie mit Groupies geschlafen"

In knapp fünf Jahrzehnten hat Carpendale an Tourtagen einen festen Ablauf ritualisiert: 30 Minuten Mittagsschlaf, Fitnesstraining hinter der Bühne, Soundcheck, eine Stunde Massage. Er begrüßt seine Musiker, macht mit ihnen die Welle, abergläubisch ist er nicht.

Die letzte Stunde vor dem Auftritt gehören ihm und Detlev Schilling, seit mehr als 30 Jahren persönlicher Assistent, Tourmanager und Freund. Ein groß gewachsener Mann mit graumeliertem Haar, Zahnlücke und ähnlicher Lässigkeit wie Carpendale. Einer, der zwei Minuten vor der Show ein Paar Socken organisieren kann, ohne dass sich sein Puls erhöht.

Die unmoralischen Angebote haben sich in 47 Jahren verändert, vereinzelt fliegen noch BHs auf die Bühne. "Aber die Gruppe, die mir nahesteht, weiß, dass das nicht mein Ding ist. Ich habe nie mit Groupies geschlafen." Wie oft lagen Frauen in seinem Hotelbett? Er kann sich nur an einziges Mal erinnern. "Meistens kommen die nicht an der Rezeption vorbei."

Die wilde Zeit der Sechziger und Siebziger, exzessive Sex-and-Rock'n'Roll-Partys, hat er hingegen nicht vergessen. Es gebe aus jener Zeit Hunderte Storys, aber er bleibt Gentleman. "Man brauchte nur zwei, drei Tage mit Drafi Deutscher zu verbringen, und schon erlebte man Dinge, von denen man nicht glaubte, dass es sie gibt." Hatte er Schwierigkeiten, weiblichen Versuchungen zu widerstehen? "Wer sagt, dass ich allem widerstanden habe?" Er lacht. "Das wäre ein sehr starker Mann, der das geschafft hätte."

2003 feierte Carpendale seinen Abschied von der Bühne. Es folgten die "beschissensten Jahre meines Lebens", wie er sagt: Er fiel in ein Loch, seine Beziehung geriet ins Schleudern, finanzielle Probleme taten sich auf, seine Mutter starb. "Ich fühlte mich k.o." Er suchte sich professionelle Hilfe.

Den Psychotherapeuten bezeichnet er heute als Freund, der ihn aus dem Tief gelotst und ihm klargemacht habe: "Du gehörst auf die Bühne, sonst gehst du unter."

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Mehr Videos von Howard Carpendale gibt es hier auf tape.tv!

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Zur Person
  • picture-alliance / dpa
    Howard Carpendale, 1946 in Durban in Südafrika als Sohn eines Politikers geboren, wollte ursprünglich Cricket-Spieler werden. 1963 startete er seine Karriere als Beatmusiker, wechselte dann ins Schlagerfach und produzierte 1966 mit Paul Kuhn den Titel "Lebenslänglich", der 60.000 Mal verkauft wurde. Zwei Jahre später gelang ihm mit der deutschen Version des Beatles-Songs "Ob-La-Di, Ob-La-Da" der Durchbruch. Mit "Das schöne Mädchen von Seite 1" siegte er 1970 beim "Deutschen Schlagerfestival" in Wiesbaden. 1973 startete Carpendale ein zweites Mal durch, komponierte und produzierte seine Lieder selbst, wie die Single "Da nahm er seine Gitarre". Ab da reihten sich die Hits aneinander: "Tür an Tür mit Alice", "Hello Again", "Dann geh doch", "Ti Amo".
    Künstlerisch und privat wurde Deutschland Carpendales Lebensmittelpunkt, einige Jahre lebte er auch in Florida, inzwischen ist Bayern seine Heimat geworden. Er ist Vater zweier Söhne.


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