Hüftgold: "Holland's Next Top Model" siegt vor Gericht

"Zwei Zentimeter zu viel auf den Hüften" urteilte eine Agentur über die Gewinnerin von "Holland's Next Top Model" - und kürzte prompt die vertraglich garantierte Vergütung. Nicht mit mir, befand Ananda Marchildon, klagte erfolgreich - und modelt jetzt in Unterwäsche. 

Amsterdam - "Ein nettes Gesicht, aber ein fetter Arsch" - so oder so ähnlich sollen sich Modelexperten der renommierten Agentur Elite im Jahr 2008 geäußert haben, nachdem ihnen die Siegerin der vierten Staffel von "Holland's Next Top Model" überstellt worden war.

Ganz konkret ging es darum, dass Ananda Marchildon zwei Zentimeter Hüftumfang zu viel aufwies. Die Konsequenz: Statt der versprochenen 75.000 Euro erhielt die brünette Ex-Hausbesetzerin nur 10.000 Euro, weil man ihr wegen Übergewichts den Drei-Jahres-Vertrag bereits nach zwei Jahren kündigte.

Marchildon war wenig begeistert und klagte gegen Elite - mit Erfolg. Das Gericht gab der jungen Frau Recht und sprach ihr 65.000 Euro zu. In der schriftlichen Urteilsbegründung hieß es, Marchildon habe zum Zeitpunkt ihres Sieges einen Hüftumfang von 92 Zentimetern aufgewiesen. Elite habe nicht von ihr verlangen können, einen Umfang von 90 Zentimetern zu erreichen.

Elite-Sprecherin Rita Camelli teile aus Mailand mit, die Agentur erwäge ihre Optionen. "Natürlich sind wir enttäuscht", sagte sie. "Wir fühlten uns im Recht." Auf nähere Einzelheiten wollte sie nicht eingehen. Ein Anwalt des Unternehmens hatte laut "New York Magazine" betont, es sei Elite "unmöglich" gewesen, Modeljobs für Marchildon aufzutreiben, weil die "nicht in der erforderlichen Form war".

Mit dem Urteil wurde ein E-Mail-Austausch zwischen Marchildon und einer nicht namentlich genannten Mitarbeiterin von Elite in den Niederlanden veröffentlicht. "Wir hatten uns darauf geeinigt, dass du alle zwei Wochen bei uns vorbeischaust, um zu beurteilen wie es mit deiner Diät, deinem Training und deinem Abnehmen vorangeht. Wir nehmen weiter Maß", schrieb die Elite-Angestellte. "Heute, 23. März 2010, haben wir deine Hüfte mit 98 Zentimeter gemessen. Das ist eine Erinnerung. Das Ziel ist, dass du bis Ende Juni einen Hüftumfang von nicht mehr als 90 Zentimeter hast."

Unterwäschehersteller heuert sie an

Marchildon antwortete, sie werde ihre frühere Figur wiedererlangen. Nicht mehr. "Wenn es am Ende so aussieht, dass unglücklicherweise nicht genug Aufträge eingegangen sind, ändert das nichts an den Verpflichtungen aus dem Vertrag", schrieb sie. Die Wege des Models und der Agentur trennten sich im September.

Die unrealistischen Anforderungen der Modebranche an die Models werden immer wieder kritisiert. Insbesondere, dass die gestellten Ansprüche ungesundes Essverhalten begünstigten. Die Agenturen berufen sich darauf, dass sie nur den Wünschen ihrer Kunden nachkämen. Ein Model, das nicht den Vorstellungen der Kunden entspreche, bekomme keine Aufträge, heißt es aus der Branche.

Der Unterwäschehersteller Sloggi heuerte Marchildon am Montag für ein Shooting an, um zu demonstrieren, dass sie immer noch als Model arbeiten kann. "Es ist zu verrückt, um es zu beschreiben, dass ein Model mit ihrer Figur als zu dick abgeschrieben wird", sagte Sprecherin Monica van Alewijn. Marchildon sei heute noch immer dünner als die meisten anderen Models der Agentur. "Sie ist einfach eine wunderschöne Frau. Und um Gottes Willen, sie sollte nicht Hunger leiden", sagte sie.

Die 1972 gegründete Agentur Elite hat mehr als 800 Frauen und Mädchen aus der ganzen Welt unter Vertrag und konnte in der Vergangenheit namhafte Models wie Cindy Crawford, Gisele Bündchen oder Tatjana Patitz aufbauen. Immer wieder gab es rechtliche Auseinandersetzungen - auch mit deutlich heftigeren finanziellen Schäden: So gewann eine Mitarbeiterin des US-Büros von Elite im Jahr 2003 ein Verfahren, das sie wegen Gesundheitsschädigung infolge von Passivrauchens angestrengt hatte. Sie erhielt 5,2 Millionen Dollar Schadenersatz.

ala/siu/dapd

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