Prozesserfolg für Hulk Hogan Wer hätte das gedacht - Sex ist Privatsache!

Hulk Hogan bekommt von einem Gericht 115 Millionen Dollar zugesprochen, weil die Website Gawker ein Sexvideo von ihm veröffentlichte. Das Urteil könnte das Verhältnis von Presse und Promis radikal ändern.

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Hulk Hogan alias Terry Bollea
AFP

Hulk Hogan alias Terry Bollea


Am Ende eines denkwürdigen Prozesses weint Hulk Hogan. Dem Ex-Wrestler laufen Freudentränen über die Wangen, er umarmt seine Anwälte. Soeben hat er die Entscheidung der Jury in St. Petersburg, Florida, erfahren: Er bekommt 115 Millionen Dollar von der Website Gawker. Diese hatte 2012 ein Video veröffentlicht, das Hogan beim Sex mit der damaligen Frau eines Freundes zeigt.

115 Millionen Dollar - 15 mehr als Hogan gefordert hatte. 55 Millionen für wirtschaftlichen Schaden, 60 Millionen für das emotionale Leid. Und es könnte noch mehr werden: Zusätzliche Strafzahlungen sind möglich.

Sechs Stunden lang brauchte die Jury - vier Frauen und zwei Männer - zur Urteilsfindung. In den Verhandlungstagen zuvor war es unter anderem um Pressefreiheit, Privatsphäre, Penisgrößen und die Frage gegangen, ob Hogan und Terry Bollea (sein bürgerlicher Name) dieselbe Person sind.

Die Geschichte beginnt vor mehr als zehn Jahren. Damals war Hogan noch mit seiner ersten Ehefrau Linda verheiratet. Die Ehe kriselte aber schon, sagte der Ex-Wrestler im Prozess. Ein enger Freund Hogans war der Radio-DJ Todd Clem, der seinen Namen in "Bubba the Love Sponge" geändert hatte (etwa: Bubba, der Liebes-Schwamm). Laut Hogan ermunterte Clem ihn, mit seiner Frau Heather zu schlafen. Es könnte sogar sein, dass Clem beim Dreh zeitweise im Raum war.

Clem hatte Ermittlern ursprünglich gesagt, dass Hogan über die Filmaufnahmen Bescheid wusste. Erst nachdem er von Hogan 2012 verklagt worden war, änderte Clem seine Aussage - Hogan habe nicht gewusst, dass im Zimmer eine Kamera gewesen sei.

Am 4. Oktober 2012 veröffentlichte Gawker das von einer anonymen Quelle stammende Video im Artikel "Selbst für eine Minute ist es nicht sicher, am Arbeitsplatz Hulk Hogan beim Sex in einem Himmelbett zuzuschauen. Aber tun Sie es trotzdem."

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Hulk Hogan: "Komplett gedemütigt"
Die Jury sah das Video während des Prozesses nicht. Erst als sie sich zur Beratung zurückzogen, hatten die Mitglieder Gelegenheit dazu. Richterin Pamela Campbell hatte ihnen auf den Weg gegeben, sie sollten überlegen, wann legitime Informationsvermittlung für die Öffentlichkeit aufhöre und zu einem "morbiden und sensationalistischen Herumschnüffeln in Privatleben" werde.

Das hört sich neutral an. Aber tatsächlich sei das eine klare Richtungsvorgabe gewesen, für Hogan zu entscheiden, notiert "The Daily Beast".

Und so entschieden die Geschworenen auch. Hogans Anwälte hatten argumentiert, die Privatsphäre ihres Mandanten sei verletzt worden, und das werde als Journalismus verkauft. Das Video sei nicht berichtenswert gewesen und nur aus Profitgier veröffentlicht worden. Abgesehen davon habe Gawker Grundregeln solider Pressearbeit missachtet: So sei Hogan weder um die Erlaubnis gefragt worden, das Video zu veröffentlichen, noch sei er vorab um ein Statement gebeten worden.

"Ein Typ, der mit dem Leben anderer Gott spielt"

Zudem seien Hulk Hogan und Terry Bollea (Hogans bürgerlicher Name) zwei Personen. Es stimme, dass man bei Hogan nicht mehr viel Privatsphäre verletzen könne, bei Bollea aber schon. "Glauben Sie, dass die Medien tun können, was sie wollen?", fragte Hogans Anwalt Ken Turkel die Juroren. Gawker-Gründer Nick Denton sei ein "Typ, der in New York an einem Computer sitzt und mit dem Leben anderer Gott spielt", sagte Turkel.

Denton hatte ausgesagt, er glaube an die totale Freiheit und Transparenz. Nach dem Urteil gab er zu Protokoll, die Jury habe nicht alle Fakten gehört. Er gehe davon aus, dass man den Prozess letztlich gewinnen werde, Denton will das Urteil anfechten. Insbesondere wird Gawker versuchen, in der nächsten Instanz Clem in den Zeugenstand zu bekommen.

Im Prozess war Gawker mit der Argumentation nicht durchgedrungen, das Recht auf Pressefreiheit zu schützen. Hogan habe immer wieder öffentlich seine erotischen Eskapaden ausgebreitet. Lange vor dem Gawker-Artikel sei die Existenz des Videos bereits bekannt gewesen, Hogan habe selbst in einer TV-Show darüber gesprochen, mit seinem Sexualleben geprahlt. Selbst wenn Hogan und Bollea zwei Personen seien, "kann sie niemand von uns auseinanderhalten", sagte Gawker-Anwalt Michael Sullivan.

Neun Sekunden Sex

Zudem habe man aus einem 30-Minuten-Video 1,5 Minuten herausdestilliert, wovon exakt neun Sekunden lang tatsächlich Sex zu sehen sei. Zusammen mit dem Artikel von A.J. Daulerio über die Faszination mit Promi-Sexvideos sei das eine legitime Veröffentlichung. Hogan habe sich wegen seiner angeblichen emotionalen Leiden nie in Behandlung gegeben.

Sullivans Appell an die Juroren verhallte: Er hatte sie gebeten, die Klage abzuweisen - "ansonsten werden wir eine Nation, in der mächtige Menschen, Prominente, Unternehmen, Politiker unsere Gerichte benutzen, um Leute für Aussagen zu bestrafen, die ihnen nicht passen".

Es ist offensichtlich, warum Gawker darauf abhebt. Ganz von der Hand zu weisen ist das Argument aber nicht. Der Fall hat das Zeug dazu, das Verhältnis von Medien und Prominenten in den USA kräftig durcheinanderzuwirbeln. Hat die Jury auf Gawker gezielt, aber die freie Presse insgesamt getroffen? Die Bedeutung des Urteils werde erst in einiger Zeit klar sein, analysierte die "New York Times". Aber dass ein Promi ein Medium so in die Knie gezwungen habe, werde sich in der Branche bemerkbar machen.

Nicht nur die Gawker-Anwälte befürchten, das Urteil könne eine Blaupause für Prominente sein, Medien für jeden unliebsamen Bericht abzustrafen. Eine Kommentatorin schrieb, die redaktionelle Unabhängigkeit jedes Mediums, das über Promis berichte, werde unterminiert. Wenn Privatsphäre so gewichtet werde, könnten VIPs die Veröffentlichung jeglicher unliebsamer Berichte unterdrücken.

Die Justiz als Mittel der Zensur?

Das Urteil könnte "einen tiefgreifenden Einfluss auf Persönlichkeitsrechte und Presserechte in den USA haben", sagte die Jura-Professorin Samantha Barbas der "New York Times". Dass eine Jury sage, die Privatsphäre eines Promis habe Vorrang vor dem Recht der Öffentlichkeit auf Information, und ein VIP-Sexvideo sei nicht berichtenswert, markiere eine echte Wende in der US-Pressegesetzgebung.

Befürworter des Urteils argumentieren dagegen, es müsse Grenzen geben. Zu Ende gedacht bedeute die Gawker-Position nämlich: Wir können veröffentlichen, was wir wollen - Hauptsache, es stimmt.

Letztlich geht es um die Frage, wo die Grenze zwischen Pressefreiheit und dem Recht auf Privatsphäre verläuft, was überhaupt wert ist, veröffentlicht zu werden - und ob darüber eine Jury entscheiden sollte?

Bislang lautete die Antwort auf letztere Frage: besser nicht, sonst werde die Justiz zum Zensor. Aber manche Kommentatoren argumentieren, das beste Mittel gegen derartige Juroren-Entscheidungen sei eine verantwortungsvolle Presse. Für manche Medien sei aber leider die einzige Erwägung vor der Veröffentlichung, ob sich damit Geld verdienen lasse.

Vorerst kostet die Sache Gawker viel Geld. So viel, dass es existenzbedrohend werden könnte. Gawker hatte eine Niederlage einkalkuliert - und rechnet vor der Berufungsinstanz mit deutlich besseren Chancen. Selbst bei einem Sieg kann Gawker freilich nicht mit viel Beifall rechnen. Und bei einer endgültigen Niederlage nicht mit allzu viel Mitleid.

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Kometenhafte_Knalltüte 19.03.2016
1. ...
"...ansonsten werden wir eine Nation, in der mächtige Menschen, Prominente, Unternehmen, Politiker unsere Gerichte benutzen, um Leute für Aussagen zu bestrafen, die ihnen nicht passen..." "...Der Fall hat das Zeug dazu, das Verhältnis von Medien und Prominenten in den USA kräftig durcheinanderzuwirbeln... Hat die Jury auf Gawker gezielt, aber die freie Presse insgesamt getroffen?...Wenn Privatsphäre so gewichtet werde, könnten VIPs die Veröffentlichung jeglicher unliebsamer Berichte unterdrücken..." Meine Güte wird da wieder Schwarzmalerei betrieben. Das Urteil ist richtig und hat überhaupt nichts mit "unliebsamen Berichten" im Allgemeinen zu tun. Ist mir unbegreiflich, wie man hier mit Pressefreiheit argumentiert. An einem privaten Sexvideo, das keinerlei Straftat aufzeigt, ist nichts, aber auch garnichts von öffentlichem Interesse! Manchmal nimmt die Sensationsgeilheit mancher Berichterstatter überhand und lässt den normalen Menschenverstand vermissen. Es muss NICHT ALLES veröffentlicht werden. Welche wichtige Information wäre denn der Allgemeinheit vorenthalten wurden, wenn man das Video eben nicht veröffentlicht hätte? Pffff....
Bueckstueck 19.03.2016
2. Hoffentlich platzt Gawker
Das Internet, ja sogar die Welt, wird ein wenig besser wenn ein Online-Schmierblatt durch so ein Urteil verschwindet. Schon alleine deswegen ist das Urteil gut und richtig. Entscheidend ist aber, private Sexvideos - noch dazu eines was ohne das Wissen eines Protagonisten gedreht wurde - haben in der Öffentlichkeit nichts verloren, es sei denn beide Handelnden sind einverstanden. Was hier nicht der Fall war.
frankn.stein 19.03.2016
3.
Ganz so einfach ist es nicht. Natürlich bedient Gawker Voyeurismus, aber wegen dieses speziellen Videos ist Herr Hogan immerhin gefeuert worden - nicht wegen der Sex-Teile, sondern wegen der rassistischen Äußerungen auf dem Video. Interessanterweise ist der Teil vor Gericht gar nicht zugelassen worden - obwohl es der Teil ist, wegen dem er überhaupt erst die finanziellen Einbußen erlitten hat, die er einklagt. So ganz ohne journalistisches Interesse ist das Video dann doch nicht - ich schätze mal, wenn es ihn nicht als Rassisten geoutet sondern nur beim Poppen gezeigt hätte, wäre er erheblich weniger sauer.
teflonhirn 19.03.2016
4. Gawker bedeutet Glotzer
Das ist die selbe Sorte Journalismus, die auch von den Papparzzi bedient wird, die mit dem Teleobjektiv in die Schlafzimmer linsen
sok1950 19.03.2016
5. ein Text-Artikel über das Video hätte als Information gereicht
aber mit den Videoausschnitten wurden alle Grenzen überschritten. Na ja, aber ein Text-Artikel hätte nur einen Bruchteil der Klicks (und damit Werbeeinnahmen) gebracht.
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