Selbstversuch Ein Jahr Arbeitsverweigerung

Viele klagen über zu wenig Zeit. Auch Greta Taubert war vom Job gestresst - und verweigerte sich ein Jahr lang der Arbeit. Was hat sie dabei gelernt?

Seid umschlungen, Zeitmillionen!
Stephan Pramme

Seid umschlungen, Zeitmillionen!

Ein Interview von


Es ist schön an der City-Marina Rummelsburger See. Der Himmel ist blau, es ist warm, fast heiß an diesem Septembersonntag. Sonnenlicht glitzert auf dem Wasser, gepflegte Kähne schunkeln in Reih und Glied an den Molen, Bootseigner nehmen noch ein Getränk in einem hippen Biergarten ein, bevor sie auf ihren schwimmenden Statussymbolen über das Wasser gleiten.

Dennoch wirkt es wie ein Witz, dass Greta Taubert ausgerechnet diesen Ort für ein Gespräch ausgesucht hat. Die 32-jährige Journalistin hat gerade ein Experiment beendet, bei dem sie sich ein Jahr lang der Lohnarbeit verweigert hat. Taubert wollte herausfinden, wie es ist, nicht immer der Karriere hinterherzueilen, nicht von Termin zu Termin zu hetzen, nicht unter Zeitdruck zu stehen, wie es so viele tun.

"Zeitwohlständler sein" nennt sie das, ihr Buch heißt "Im Club der Zeitmillionäre - Wie ich mich auf die Suche nach einem anderen Reichtum machte".

Auf dieser Suche hat sie viele Menschen getroffen, die versuchen, eine andere Art von Reichtum zu leben. Zum Beispiel Michael. Der Berliner ist 32 Jahre alt, vor einigen Jahren hat er ein erfolgreiches Online-Unternehmen gegründet, aus dem er 2014 ausstieg, um mehr freie Zeit zu haben. Bald darauf hat er begonnen, bedingungslose Grundeinkommen zu verlosen, um auch anderen Menschen zu ermöglichen, ohne finanziellen Druck über ihre Zeit zu verfügen. Oder Tobias, der in Berlin eine "Skillsharing"-Gruppe ins Leben gerufen hat, in der Menschen statt Geld ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten tauschen.

Nun sitzt sie im Biergarten der City-Marina und trinkt Milchkaffee. Sie trägt einen luftigen Overall, unter dem ein wild gemusterter Badeanzug hervorschaut. Um ihren Hals baumelt eine Kette mit einem großen Medaillon, das sich auf den zweiten Blick als Aluminium-Deckel entpuppt. Warum wir uns ausgerechnet hier treffen? Sie lächelt. Weil sie auf dem Gelände des Techno-Klubs gegenüber in einem Bauwagen übernachtet hat.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch heißt "Im Club der Zeitmillionäre". Ist Zeit so wertvoll?

Greta Taubert: Klar! Es ist die wichtigste Ressource, die wir haben. Und es ist die gerechteste: Jeder hat gleich viel Zeit am Tag.

SPIEGEL ONLINE: Wenn jeder gleich viel Zeit hat, was unterscheidet dann den normalen Zeitbesitzer vom Zeitmillionär?

Taubert: Zeitmillionäre gehen anders mit ihrer Zeit um. Sie wollen ihre Tage nicht so effizient wie möglich nutzen, um Geld, Status oder Konsumartikel dagegen einzutauschen. Sie gucken nicht in jeder Warteschlange, ob auf dem Telefon neue Nachrichten eingetroffen sind, die man noch schnell abarbeiten kann. Und sie brauchen kein Wellness-Retreat, um sich mal wieder zu spüren. Stattdessen ist Zeit für sie ein Besitz, über den sie frei verfügen können. Das kann bedeuten, nach dem eigenen Rhythmus zu leben und zu arbeiten; sich dafür zu entscheiden, lieber weniger Geld und dafür mehr Freiheit zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem verstehen die meisten unter Luxus einen großen Fernseher, ein Haus am See oder einen neuen SUV.

Taubert: Es geht immer noch viel zu oft darum, wie viel jemand verdient oder wie hart er für eine Karriere arbeitet. Das macht seinen Status in unserer Gesellschaft aus. Aber können wir den Statusbegriff nicht einfach umdrehen und sagen: Mir ist wichtiger, wie sehr ich in der Lage bin, über meine Zeit zu bestimmen?

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als ginge es letztlich um Freiheit.

Taubert: Genau.

SPIEGEL ONLINE: Eine große Herausforderung.

Taubert: Ja. Wer frei ist, hat keine übergeordneten Instanzen, die er für sein Schicksal verantwortlich machen kann: Steile Hierarchien, hohe Arbeitsbelastung, strenge Vorgesetzte. Gehört die Zeit uns allein, müssen wir plötzlich selbst Entscheidungen treffen: Wie will ich arbeiten? Was will ich tun? Was ist mir wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Manche bekommen kurz vor der Rente große Angst vor einem Leben ohne Arbeit.

Taubert: Mit einer Festanstellung mit festem Gehalt und fester Arbeitszeit zu leben, ist ein Muster, das wir verinnerlicht haben. Wir sind von klein auf darauf konditioniert, uns als nützlich zu empfinden, wenn wir Aufgaben erfüllen, die andere uns gestellt haben. Wir kommen in die Schule und lernen, Anforderungen abzuarbeiten und dafür belohnt zu werden: Du hast deine Hausaufgaben gemacht, du hast etwas auswendig gelernt, du bekommst deine 1.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel für einen produktiven Zeitwohlständler?

Taubert: Ich kenne einige Hartz-4-Empfänger, von denen ich wahnsinnig viel gelernt habe. Da denke ich: Es ist toll, dass ihr diese Stufe habt und jetzt ein Schrottfloß in Hamburg baut oder euch für Geflüchtete einsetzt. Da würde ich nie im Traum drauf kommen, dass diese Menschen ärmer sind als jemand, der jeden Tag zur Arbeit geht. Wenn wir einander ein bisschen mehr wertschätzen würden, so wie wir sind, würde das bestimmt dazu führen, dass mehr Menschen so handeln, wie sie wirklich wollen. Und nicht mehr so, wie sie denken, dass die Gesellschaft es von ihnen verlangt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihr Experiment damit begonnen, alles was mit Ihrer Arbeit zu tun hat, abzusagen. Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Taubert: Ich dachte, meine Absage an die Leistungsgesellschaft ist die rebellische Pose schlechthin. Aber alle fanden die Idee richtig gut. Sogar meine Eltern. Als ich zu denen hingegangen bin und gesagt habe: "Ich hab beschlossen, ich mach das nicht mehr mit", haben die sofort gesagt: gute Idee.

SPIEGEL ONLINE: Scheint, als würde da ein Wunsch in der Gesellschaft schwelen, unsere Konzepte von Arbeit und Erfolg zu überdenken.

Taubert: Das hat sich schon sehr früh gezeigt. Auf den Lesungen zu meinem letzten Buch "Apokalypse jetzt!", für das ich ein Jahr lang nicht mehr konsumiert habe, kamen Leute zu mir und sagten: Greta, ich will auch anders leben. Ich will so nicht weitermachen. Und immer wieder habe ich gehört: Ich will - aber ich habe keine Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Wie mache ich mich auf den Weg zum Zeitwohlständler?

Taubert: Ein guter Anfang sind einige einfache Fragen und eine Liste: Wie viele Stunden gehen für Arbeit drauf? Wie viele für andere Verpflichtungen? Mit dem Überblick kannst du dann priorisieren und entscheiden: Welche Tätigkeiten streiche ich weg, welche nicht. Und dann ist ein wichtiger Schritt in Richtung Zeitwohlstand natürlich die Reduktion von Arbeitszeit. Es reicht manchmal schon, zu sagen, ich gehe am Freitag schon um zwölf. Oder mache sogar den ganzen Freitag frei. Man muss natürlich durchrechnen, ob das Geld reicht. Finanzielle Einbußen sind unvermeidbar. Im Tausch dafür bekommst du mehr Zeit, also Freiheit.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit den Menschen, die zwei oder drei Jobs zugleich haben, um ihre Familie durchzubringen? Ist Zeitwohlstand nur etwas für Wohlhabende?

Taubert: Zeitwohlstand ist eine Idee, wie wir Status auch definieren können: Wer frei über seine Zeit verfügt, ist reich, wer in einem oder mehreren Hamsterrädern steckt, ist arm. Und da zeigt sich das Problem sozialer Ungerechtigkeit noch mal deutlicher: Wer gezwungen ist, in schlecht bezahlten Minijobs zu arbeiten, ist doppelt arm - an Geld und Zeit. Während verwöhnte Mittelschichtskinder es leichter haben, für sich selbst Zeitwohlstand zu erreichen, sollte er also für andere gesellschaftlich erstritten werden. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre das bedingungslose Grundeinkommen. Eine finanzielle Grundsicherung könnte jedem Menschen ermöglichen, sich aus dem Zwang des Erwerbsarbeitens ein Stück weit zu befreien.

SPIEGEL ONLINE: Hat das Jahr im Zeitwohlstand Ihr Leben verändert?

Taubert: Ich betrachte meinen Alltag seitdem stärker als Experiment, habe Lust, Dinge auszuprobieren und nehme Arbeit nicht mehr so ernst. Oder anders: Ich muss nicht mehr so viel. Aber ich kann.

Eine Stunde nach dem Gespräch klettern wir auf der anderen Seite des Sees über ein Geländer und auf ein Floß, das von einer "offenen Floßgemeinschaft" weitgehend aus Weggeworfenem gebaut wurde. Auf die "Panther Ray" hat Taubert einige Freunde und Protagonisten des Buches eingeladen. Michael, der das bedingungslose Grundeinkommen verlost, kommt in einem kleinen Boot angepaddelt, nimmt einen großen Schluck Wasser aus einer Gin-Flasche und kommt an Bord. Auch Tobias von der Skillsharing-Gruppe und Slow-Business-Coach Jesta sind gekommen.

Bevor die "Panther Ray" ablegt, stellen sich alle kurz vor, dann gleitet das Müllfloß sanft über den See. In einer kleinen Bucht angekommen, springen einige ins Wasser. Auch Taubert in ihrem bunten Badeanzug.

Auf dem Rückweg versinkt die Sonne malerisch hinter den Häusern Berlins. Jesta unterbricht eine Unterhaltung mit den Worten "Ich muss da mal kurz mitsingen", und steigt in einen Song von Janis Joplin ein. Ein paar andere machen mit. Es klingt sehr schön - diese Stimmen, diese Menschen, die etwas anderes von ihrem Leben wollen als Karriere und ein Eigenheim voller teurer Dinge. Es klingt nach einem Reichtum, den man nicht mit Geld kaufen kann.

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insgesamt 104 Beiträge
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Seite 1
chjuma 14.09.2016
1. Das liest sich wunderschön
jetzt kommt das große ABER. Die Gute hat vermutlich keine Kinder am Hacken die vermutlich nur begrenztes Verständnis für solche Eskapaden hätten genau wie das Jugendamt. Wenn der eine oder andere Solist mal so eine Auszeit nimmt ist das sicher eine nette Erscheinung. Wenn das alle machen dann geht hier nichts mehr. Soviel zu meiner Einsicht hier weiter zu arbeiten und zu hoffen dass dieser Versuch nicht in die Masse getragen wird. Aber ich gönne ihr die Auszeit. Die hätte ich auch gerne mal.
rstevens 14.09.2016
2. Schade, dass die relevanten Fragen nicht gestellt wurden.
Der kleine Schritt in die Richtung geht vielleicht noch - Freitags mal früher Schluss machen. Ansonsten klingt es für mich eher wie wilde Träumerei, die sich lediglich dadurch realisieren lässt, dass man anderen auf der Tasche liegt.
noethlich 14.09.2016
3. Gute Initiative
Leider verkompliziert sich die Situation sehr stark mit Partner(in) und Kind(ern)... :-). Aber ich will gar nicht negativ sein, mir gefällt der Ansatz sehr gut und ich gebe der Autorin völlig recht. Mich würde auch interessieren, wie sie jetzt ihr weiteres Leben führen will. Wenn sie jetzt wieder voll in die Tretmühle geht, dann wäre das ein schlechtes Zeichen. Auch interessant wäre, was aus ihrem Konsumverzicht-Jahr geworden ist. Wenn da nichts dauerhaftes hängen bleibt, dann wäre die ganze Chose wohl eher eine Werbeaktion für das eigene Buch. Wie gesagt, ich hoffe es ist nicht so...
DerZauberer 14.09.2016
4.
Ist ja schön und gut. Ich vermisse aber die Frage, wie sie ohne Einkommen gewohnt, gegessen und auch sonst gelebt hat (Konsum, Klamotten, etc.). Klingt für mich ein wenig nach sorgenfreiem Leben, weil ich mir um die finanzielle Basisausstattung keine Sorgen machen muss - und nicht nach Hartz4 mit Behördengang und so weiter.
JoMi 14.09.2016
5. Ok...
Die Autorin arbeitet ein Jahr nicht und macht neue "Erfahrungen" usw. Augenscheinlich hat hatte sie auch kein Einkommen, außer Tantiemen oder so, die eh fließen. Nach dem Jahr schreibt sie ein Buch und macht ihr Geld damit. Faktisch hatte sie keinen Verlust, die sie ihren Gewinn nur verzögert hat. Und die Erkenntnis dass Reiche ihre Zeit besser nutzen können wenn sie nicht noch reicher werden wollen und Leute mit 3- Jobs Arme Schweine sind, hätte ich ihr auch so sagen können. Ohne Geld würde sich den "Luxus" soziales Schrottfloßbauen auch keiner leisten können.
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