SPIEGEL ONLINE: Werden Sie zur Fashion Week dort sein?
Sozzani: Ich persönlich bin der Ansicht, dass diese Multiplikation der Modeschauen eher für Verwirrung sorgt. Freilich verstehe ich, dass jedes Land seine Modewoche haben will, da stecken auch kommerzielle Gründe dahinter. Würde ich an allen Schauen teilnehmen müssen, wäre ich nur noch auf Reisen.
SPIEGEL ONLINE: In Italien hat sich eine für die Modebranche enorm wertvolle Infrastruktur über Jahrhunderte entwickelt, das scheint kaum kopierbar.
Sozzani: In den Marche erzeugt man Schuhe, in der Gegend von Carpi - eine Stadt in der Nähe von Modena - Strickwaren. Im Piemont um Biella Stoffe, in der Gegend von Como Seide, im Veneto Leder. Wo immer man in Italien ist, trifft man auf diese Unternehmen. Und wir produzieren nicht nur für den Binnenmarkt. Wobei mittlerweile Teile der Industrie nach China gewandert sind, sonst wären die fertigen Produkte kaum noch erschwinglich.
SPIEGEL ONLINE: Mailand galt in den siebziger und achtziger Jahren als Modemetropole schlechthin. Wie ist der Status heute?
Sozzani: Es gibt keine andere Stadt auf der Welt, in der so viele und berühmte Designer angesiedelt sind. Prada, Armani, Gucci, Fendi, Versace, Trussardi, Dolce & Gabbana, Krizia, Marni, Etro, Ferré. Allerdings verkaufen wir uns schlecht. Paris besitzt eindeutig mehr Charme und gilt deshalb auch als die weitaus glamourösere Stadt.
SPIEGEL ONLINE: Als im September die Frühjahr- und Sommerkollektionen vorgestellt wurden, schrieb die gefürchtete Modekritikerin Suzy Menkes, die Mailänder Mode sei nur mehr für "Berlusconis Flittchen" gedacht.
Sozzani: Wir leben heute in einer sehr chaotischen Zeit. Unsere Beziehungspunkte haben immer weniger mit Kultur zu tun. Was wir im Fernsehen sehen, sind Shows wie Big Brother und Frauen, die immer weniger anhaben und ausgesprochen vulgär sind. Die Mode passt sich dem an. Mode ist zwar ein Stück Kultur, aber deswegen kaufen die Leute die Kleider nicht. Sie wollen auffallen.
SPIEGEL ONLINE: Verlieren die großen Modehäuser heute eigentlich an Nimbus, geht zumindest ein bisschen Romantik verloren? Große Marken wie Trussardi, Moschino, Ferré, sind eben das: ein Label, unter dessen Namen Designer arbeiten, die dem Verbraucher kaum mehr bekannt sind.
Sozzani: Eine Modemarke steht heute nicht mehr nur für Kleider, sondern auch für Accessoires - Sonnenbrillen, Taschen, Uhren und so weiter, die in einem nicht unrelevanten Maß zum Profit beitragen. Gäbe es das Label nicht mehr, würde man auch keine Parfums mehr verkaufen.
SPIEGEL ONLINE: Der Amerikaner Tom Ford hat jahrelang für Gucci gezeichnet, bevor er sein Label gegründet hat. Warum verstecken sich auch talentierte Stilisten hinter anerkannten und traditionsreichen Marken?
Sozzani: Verstecken ist das falsche Wort. Um ein Label aufzubauen braucht man finanzielle Mittel, es geht ja nicht nur ums Entwerfen und Zeichnen, sondern auch ums Produzieren. Erst wenn einer genug verdient und Erfahrung gesammelt hat, kann er den Sprung in die Eigenständigkeit wagen.
SPIEGEL ONLINE: Hat Mode gesellschaftliche Relevanz?
Sozzani: Mode gehört zu unserem Alltag, ist ein Teil von uns. Mode spiegelt den Zustand unserer Gesellschaft wider, unseren Zeitgeist. Denken wir nur an die Punks. Die kamen von der Straße und gaben vor, was man heute Streetstyle nennt. Mode verlangt Erfindungssinn, Mode zu entwerfen ist ein kreativer, wertvoller Prozess - wie das Schreiben eines Buchs oder das Malen eines Bildes.
SPIEGEL ONLINE: Was kommt von diesem spannenden Schaffensprozess noch beim Käufern an?
Sozzani: Da liegt der Unterschied zum Buch. Mode lehrt nichts. Ein Kleid zieht man an, verwendet es, verbraucht es. Und basta.
Das Interview führte Andrea Affaticati
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