Urteilsbegründung im Fall Ivan Klasnic Diagnose "ins Blaue hinein"

Ivan Klasnic hat einen Prozess gegen seine früheren Ärzte bei Werder Bremen gewonnen. Die Urteilsbegründung, die dem SPIEGEL vorliegt, stellt ihnen ein vernichtendes Zeugnis aus. Für eine Beklagte könnte der Fall strafrechtliche Konsequenzen haben.

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Ivan Klasnic war: ein guter Bundesligastürmer, Teil einer goldenen Spielergeneration bei Werder Bremen, ein durchtrainierter Vollblutsportler.

Ivan Klasnic ist: ein Mann, der mit 37 Jahren auf seine dritte Spenderniere wartet, dreimal die Woche zur Dialyse muss - mit allen Einschränkungen, die dies im Alltag mit sich bringt, etwa Medikamenteneinnahme und Einschränkungen bei der Speise- und Getränkeauswahl.

Bei Klasnics Wandlung von damals bis jetzt spielten zwei Personen eine ebenso zentrale wie unrühmliche Rolle: Götz Dimanski, Sportmediziner. Und Manju Guha, Internistin. Die beiden betreuten Klasnic bei Werder Bremen - Dimanski als Mannschaftsarzt, Guha als Internistin bei jährlichen Routineuntersuchungen. Und sie haben bei seiner Behandlung so grobe Fehler gemacht, dass aus einem Spitzensportler ein 37-jähriger Dialysepatient wurde.

Das hat jüngst die dritte Zivilkammer des Landgerichts Bremen festgestellt; Klasnic hatte die beiden Ärzte 2008 verklagt. Die Richter verurteilten Dimanski und Guha zu 100.000 Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz in noch nicht festgelegter Höhe. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der ärztlichen Pflicht "nicht im Ansatz genügt"

Die Kammer ist überzeugt, dass Dimanskis und Guhas Fehler die Ursache dafür waren, dass Klasnics Nieren immer schlechter und schließlich gar nicht mehr arbeiteten. Die Urteilsbegründung, die dem SPIEGEL vorliegt, lässt kaum etwas an Deutlichkeit vermissen. Sie zeigt auf 45 Seiten, wie grobe Fehler der Ärzte Klasnics Gesundheit ruinierten - unter anderem, weil sich beide Ärzte blind aufeinander verlassen hätten.

Der Kreatinin-Wert in Klasnics Blut war stark erhöht. Dieser Wert ist ein Indikator für die Nierenfunktion - eine zu hohe Konzentration deutet auf eine Nierenschwäche hin. Normal sind Werte von 0,7 bis 1,2 Milligramm pro Deziliter Blut. Bei Klasnic lagen die Kreatinin-Werte schon seit 2001 über dem Normbereich. Verschlimmert wurde dies durch die Gabe von Schmerzmitteln, meist Voltaren. Es enthält den Wirkstoff Diclofenac, von dem Klasnic bei Werder über einen Zeitraum von mehr als vier Jahren insgesamt 3250 Milligramm erhielt. Der Wirkstoff ist für eine angeschlagene Niere Gift, selbst kleinste Mengen - für andere Patienten ungefährlich - können Schäden auslösen.

Bei Dimanski befand die Kammer, er habe "seiner Pflicht nicht im Ansatz genügt".

  • Befunderhebungs- und Behandlungsfehler: Dimanski habe sich selbst nicht um Ermittlung von Nierenwerten gekümmert und sei trotz eindeutig problematischer Kreatinin-Werte untätig geblieben - insgesamt drei Jahre hintereinander. "Darin sieht die Kammer insgesamt ein gedankenloses und so offensichtlich fehlerhaftes Verhalten, dass es aus objektiver Sicht nicht mehr verständlich erscheint, weil es einem Arzt schlechterdings nicht unterlaufen darf", schreiben die Richter. Dimanski habe Befunde "nicht falsch, sondern gar nicht interpretiert".
  • Pflichtverletzung: Dimanski hätte mit Klasnic reden müssen, habe ihn aber nicht informiert: "Über eine etwaige Nierenerkrankung bis hin zu einem Nierenverlust ist aber unstreitig nicht gesprochen worden." Es sei "nicht ansatzweise ausreichend, einem medizinischen Laien mitzuteilen, dass bestimmte Laborwerte beziehungsweise Kreatininwerte problematisch sind".

Ebenso klar ist das Fazit der Kammer zu Guha:

  • Auch bei der Ärztin sieht das Gericht grobe Behandlungsfehler. Sie habe ohne die - von ihr selbst erhobenen - Kreatininwerte zur Kenntnis zu nehmen gesagt, bei Klasnic gebe es keine Auffälligkeiten, weitere Maßnahmen seien nicht notwendig: "Guha habe "erkennbar pathologische Werte nicht einfach ignorieren und dem Kläger eine Sporttauglichkeit gewissermaßen ins Blaue hinein attestieren" dürfen.
  • Guha habe regelmäßig Sportlern Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausgestellt, obwohl sie nach eigenen Angaben in etwa zwei von fünf Fällen die entsprechenden Laborbefunde gar nicht gekannt habe. Im Fall Klasnic habe Guha damit gegen "bewährte ärztliche Behandlungsregeln" verstoßen. Wie bei Dimanski schreibt das Gericht, solches Verhalten dürfe "einem Arzt schlechterdings nicht unterlaufen".

Klasnic konnte trotz der gesundheitlichen Beschwerden und zweier Nierentransplantationen seine Karriere fortsetzen. Im Sommer 2008 verließ er Werder Bremen, spielte noch fünf Jahre lang. Hätte er mehr verdient, wenn er gesund gewesen wäre? Auch von der Antwort auf diese Frage hängt ab, wie teuer es für die Mediziner beziehungsweise deren Versicherungen werden könnte. Schmerzensgeld, Schadenersatz, jeweils inklusive Zinsen, beliefen sich dann auf mehrere Millionen Euro.

Geld könnte Guhas kleinstes Problem sein. Der zivilrechtliche Streit könnte für die Medizinerin strafrechtliche Konsequenzen haben. An einem Verhandlungstag Anfang Februar 2017 sagte sie laut der Urteilsbegründung "erstmals und vollkommen überraschend", sie habe 2003 Klasnics auffälligen Kreatininwert doch erkannt und zwei Kollegen, darunter einen Nierenspezialisten, kontaktiert. Dieser soll Guha zufolge gesagt haben, so ein Wert könne bei einem Profisportler schon einmal vorkommen.

Was die Kammer dazu ausführt, ist eine verbale Ohrfeige für Guha: Wenn das stimme - wieso tat Guha dann 2004 und 2005 nichts, als die Werte noch schlechter waren? Aber vor allem: Warum sprach Guha nach fast neun Jahren Prozessdauer zum ersten Mal über das angebliche Telefonat mit dem Nierenspezialisten? Und warum widersprach sie damit ihren bis dahin im Prozess gemachten Angaben? Es spreche alles dafür, dass Guhas Aussage eine "reine, gegebenenfalls strafrechtlich relevante Schutzbehauptung" sei, schreibt die Kammer.



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