Thronwechsel in Amsterdam: Der Kummer und die Kronprinzessin

Kranke japanische Kronprinzessin: Masakos Besuch in Amsterdam Fotos
DPA

Aus aller Welt reist der Adel zum niederländischen Thronwechsel nach Amsterdam. Aufsehen erregt vor allem ein japanischer Gast: Kronprinzessin Masako leidet an einer seelischen Krankheit und lebt isoliert. Jetzt traut sie sich erstmals seit elf Jahren auf eine offizielle Auslandsreise.

Amsterdam - Es hat immer etwas Klatschblättrig-Beliebiges, wenn der Hochadel zu Feierlichkeiten zusammenkommt. Da wird vermählt, verscharrt oder gekrönt, und aus aller Welt reisen vornehme Herrschaften und Damen mit ausladenden Hüten an. Schön anzusehen ist das, doch echtes menschliches Drama sucht man bei solchen Gesellschaften vergebens. Normalerweise.

Denn wenn am Dienstag in Amsterdam Prinz Willem-Alexander seine Mutter Beatrix beerbt, dann richtet sich das Augenmerk der Öffentlichkeit auch auf einen besonders seltenen Ehrengast. Erwartet wird Kronprinzessin Masako von Japan - eine der wohl tragischsten Figuren des internationalen Hochadels.

Seit Jahren lebt die Diplomatentochter zurückgezogen, sie leidet an etwas, das das kaiserliche Hofamt als "stressbedingte Anpassungsstörung" bezeichnet hat. Viele Beobachter nehmen an, dass es sich dabei um eine vornehme Umschreibung für Depressionen handelt. Der Besuch in Amsterdam ist Masakos erste offizielle Auslandsreise seit elf Jahren.

Mehr als 1100 Bürokraten wachen über Rituale

Tatsächlich hat es das japanische Kaiserhaus Masako nicht leicht gemacht. Mit dem hemdsärmeligen Repräsentationsstil, wie ihn manche europäische Königshäuser pflegen, hat das Leben als Mitglied der japanischen Kaiserfamilie nichts zu tun. Steinalte und strenge Rituale regeln das Leben; ein Hofamt mit mehr als 1100 Bürokraten überwacht jeden Schritt und jede Äußerung.

In dieses Paralleluniversum gerät Masako als weltläufige, erfolgreiche Frau: Kindergarten in Moskau, Schulen in New York, Tokio und Boston, Studium in Harvard. Sie arbeitet fürs japanische Außenministerium, als sie 1992 nach langem Zögern einen Heiratsantrag von Kronprinz Naruhito annimmt.

Für die fünfsprachige Kosmopolitin Masako ändert sich das Leben durch die Vermählung dramatisch. Als Kronprinzessin sind ihr Kreditkarten und Führerschein ebenso wenig erlaubt wie ein spontaner Spaziergang oder direkte Kontakte zu den Medien. Bei offiziellen Anlässen muss sie drei Schritte hinter ihrem Gemahl hertrippeln.

Überdies erwartet die Öffentlichkeit von ihr die Geburt eines männlichen Thronfolgers. Stattdessen verliert Masako 1999 ihr erstes Kind. 2001 bekommt sie eine Tochter, Aiko, die für den Kaiserthron nicht in Frage kommt. Spätestens seither wird sie in den japanischen Boulevardmedien mit Argwohn betrachtet.

Psychologische und medikamentöse Betreuung

Etwa um diese Zeit sollen bei Masako erste psychische Probleme aufgetreten sein, Gerüchten zufolge war sie sogar schon 1996 depressiv. 2003 wird bei ihr zudem eine Gürtelrose diagnostiziert, danach nimmt sie zunächst keine offiziellen Aufgaben mehr wahr. Im Juli 2004 schließlich lässt das Hofamt erklären, Masako leide an jener "Anpassungsstörung", die mit Depressionen und Angstzuständen verbunden sei. Die Kronprinzessin werde psychologisch und medikamentös betreut.

Nur noch selten sieht man Masako seither in der Öffentlichkeit. Einige Jahre lebt sie völlig zurückgezogen, seit einiger Zeit sieht man sie zumindest manchmal wieder bei Terminen innerhalb Japans. Eine offizielle Auslandsreise allerdings hat es seit 2002 nicht mehr gegeben; im gesamten vergangenen Jahr soll sie Tokio nicht verlassen haben.

Japanische Medien stürzen sich mit Galle und Missgunst auf diese offenkundig kranke Frau. Die Japaner verübeln ihr, dass sie ihre Aufgaben als Kronprinzessin nicht richtig erfüllt. Bereits 2004 hatte Kronprinz Naruhito öffentlich darüber geklagt, es gebe Bestrebungen, die Persönlichkeit seiner Frau zu untergraben. Persönlich appellierte er an die Medien, Masako in Ruhe zu lassen - ein beispielloser Vorgang in der Geschichte des Kaiserhauses.

Dass sich die 49-Jährige nun die Amtseinführung Willem-Alexanders als Ziel für ihre erste große Repräsentationsreise ausgesucht hat, ist wohl kein Zufall. Bereits 2006 war sie mit Naruhito für zwei Wochen in die Niederlande geflogen, privat, auf Einladung von Königin Beatrix. Dort wolle sie nun "Freunde sehen", berichtet die "Welt": Sie pflege ein inniges Verhältnis zum niederländischen Königshaus.

Sechs Tage soll der Besuch des Kronprinzenpaars dauern; jeder ihrer Schritte wird von der japanischen Presse argwöhnisch beobachtet werden. Für Masako könnten es Schritte zurück zur Normalität sein.

rls

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Normalität?
fberzau 29.04.2013
Wenn das im Artikel beschriebene Leben als Kronprinzessin "Normalität" sein soll, dann stimmt ganz offensichtlich einiges nicht in der Wahrnehmung dessen, was dieser Zirkus mit einem Menschen machen kann. Für mich wäre eher stimmig, den Artikel zu schliessen mit "Schritte zurück in den Irrsinn". Da hilft es nur bedingt, dass sie sich eines Tages wohl selbst dafür entschieden hat.
2. Freie Entscheidung der Kronprinzessin
niod 29.04.2013
Sie wusste als Japanerin und gebildete Kosmopolitin ganz sicher, was am kaiserlichen Hof auf sie zukommen würde. Sie hat selbstbestimmt entschieden und ist deshalb kein Opfer, auch wenn dieser Artikel suggerieren will, dass sie zwangsverheiratet wurde.
3. Ahnungslos
Peletua 29.04.2013
Zitat von niodSie wusste als Japanerin und gebildete Kosmopolitin ganz sicher, was am kaiserlichen Hof auf sie zukommen würde. Sie hat selbstbestimmt entschieden und ist deshalb kein Opfer, auch wenn dieser Artikel suggerieren will, dass sie zwangsverheiratet wurde.
Erstens kann ich in diesem Artikel keinen Hinweis auf Zwangsheirat entdecken. Aber wäre sie von Geburt an Prinzessin gewesen, dann wäre sie ganz sicher zwangsverheiratet worden - so wie fast jede(r) andere hohe Adlige weltweit. Zweitens: Eine Situation theoretisch zu kennen und praktisch zu erleben sind zwei grundverschiedene Dinge - wussten Sie das? Sie ahnte vermutlich, was auf sie zukam - deshalb wohl das lange Zögern. Was dieses Leben, das man vielleicht seinem ärgsten Feind gönnen möchte, dann mit und aus dieser Frau machte, ist auch ein erschreckendes Beispiel für die Destruktivität einer rigiden Männergesellschaft.
4. adel
ykarsunke 29.04.2013
ich verlinke: http://www.spiegel.de/thema/spon_helden_der_gegenwart/
5. Bin ich froh
derhinrichs 30.04.2013
nen ganz normaler Typ zu sein, der auch in Jogginghosen zum Kiosk darf. Zum Kotzen, ich würde mich auch verkriechen und dann den ganzen saufen!
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