Zum Tod von Javier Valdez Tänzer auf Mexikos Minenfeld

Die mutigste Stimme im mexikanischen Journalismus ist verstummt: Javier Valdez berichtete wie kein anderer über den Drogenkrieg - bis Unbekannte ihn erschossen. Er kannte die Gefahr und arbeitete trotzdem weiter.

Von , Mexiko-Stadt


Javier Valdez hatte diese Situation Hunderte Male im Kopf durchgespielt. Der Moment, in dem du weißt, dass es jetzt dich erwischt, dass es kein Entrinnen mehr gibt, dass diejenigen gewonnen haben, die keine Argumente haben, aber Waffen.

Vor diesem Moment hat der Journalist stets Angst gehabt, auch wenn er darüber Witze machte und immer entgegnete: "Alter, einer muss doch machen, was wir als Journalisten tun müssen." Und das hieß für Valdez seit bald 30 Jahren: berichten, trotz Drohungen; die Opfer in den Mittelpunkt stellen, nicht die Täter. Er konnte nicht anders, er wollte nicht anders.

Am Montag um zwölf Uhr mittags ist diese mutigste Stimme des Journalismus in Mexiko für immer verstummt. Unbekannte stoppten Valdez in Culiacan, der Hauptstadt des Bundesstaates Sinaloa, zwangen ihn, aus seinem Auto auszusteigen, und richteten ihn mit mindestens zwölf Schüssen auf der Straße hin. Der Mord geschah zwischen einer Autowerkstatt und einer Grundschule, nur wenige Meter von der Redaktion seines Wochenmagazins "Ríodoce" entfernt, das er 2003 mit zwei Kollegen gegründet hatte.

Valdez' lebloser Körper lag bäuchlings mitten auf der Straße, der linke Arm unter dem massigen Rumpf. Trotz des blauen Lakens, das die Leiche bedeckte, wusste jeder sofort, wer das Opfer war. Denn neben dem Kopf lag wie drapiert der Sombrero, der seit Jahren sein Markenzeichen war.

98 von 100 Gewaltverbrechen bleiben unaufgeklärt

Manchmal wirkte es so, als verstecke sich dieser stets gute gelaunte und joviale Mann unter dem breitkrempigen Hut, so wie ihm seine Leibesfülle auch als Schutzpanzer gegen die Lebensgefahr diente, in die er sich mit jedem Satz begab, den er schrieb. Im Vertrauen erzählte Valdez schon mal, dass er unter Schlafstörungen litt, Antidepressiva nahm und in ganz harten Zeiten die Hilfe von Therapeuten in Anspruch nahm.

Der mehrfach ausgezeichnete Journalist ist der sechste Reporter, der 2017 in Mexiko getötet wurde. In vielen Regionen des lateinamerikanischen Landes ist Journalismus zu einer Frage von Leben und Tod geworden. Die Mörder können fast sicher sein, ungestraft davon zu kommen: 98 von 100 Gewaltverbrechen bleiben in Mexiko unaufgeklärt, weil Polizei und Justiz ineffizient und korrupt sind und die Regierung teilnahmslos ist. Bei Journalisten bleiben statistisch 99,5 Prozent der Verbrechen unaufgeklärt.

"Über den Narco zu schreiben heißt, den Kugeln auszuweichen", sagte Valdez vor fünf Monaten dem SPIEGEL. Valdez, der 50 Jahre alt wurde und Frau und eine Tochter hinterlässt, war Mexikos bester Chronist des Drogenkriegs. Er war einer der wenigen, die das gespenstische Dunkel dieser Gewaltorgie ausleuchten, die den Krieg beschreiben, der in zehn Jahren mehr als 100.000 Menschen das Leben kostete. Es ist ein Krieg, in dem es keine klaren Fronten gibt, in dem Regierung und Organisiertes Verbrechen oftmals ein und dasselbe sind. Ein Krieg, in dem man nicht weiß, ob derjenige, der einem gerade ein Interview gibt, einem morgen schon nach dem Leben trachtet.

"Die Lage ist hier richtig scheiße gerade"

Valdez sei nicht nur der Wahrheit verpflichtet gewesen, sagt sein Freund und Kollege Diego Osorno über ihn. "Er kannte auch die Codes der Mafiawelt und hatte überall Quellen." Umso mehr fragen sich Freunde und Kollegen konsterniert: "Warum er, was hat er geschrieben? Wem ist er auf die Füße getreten?"

Wer könnte ein Attentat auf einen so prominenten Journalisten in Auftrag geben? Vielleicht wird das Motiv nie geklärt. Manchmal reicht ein Wort in einem Artikel. Oder ein neuer Kartellboss, der ein Exempel statuieren will. Oder ein Politiker, der sich auf den Schlips getreten fühlt.

Seit der Überstellung des legendären Drogenbosses Chapo Guzmán an die USA ist in Guzmáns Heimatstaat Sinaloa ein blutiger Krieg um die Nachfolge zwischen seinen Söhnen und den alten Statthaltern des Kartells ausgebrochen. Javier Valdez geißelte dabei mehrfach die Brutalität der jungen Generation von Drogenbossen.

Erst vor wenigen Tagen lehnte er die Interview-Anfrage einer Auslandskorrespondentin ab, die sich von ihm die neue Struktur des Sinaloa-Kartells erklären lassen wollte: "Danke für dein Interesse, aber aus Sicherheitsgründen kann ich nichts sagen. Die Lage ist hier richtig scheiße gerade."

Valdez hat fünf Bücher über die Auswirkungen des Drogenkriegs geschrieben - auf die Kinder, die Frauen und auch den Journalismus. Er ist für seinen Job mit diversen Auszeichnungen geehrt worden, unter anderen 2011 mit dem Internationalen Preis für Pressefreiheit der Journalistenschutzorganisation Komitee zum Schutz von Journalisten(CPJ).

Als er den Preis in New York entgegennahm, sagte er: "Wo ich arbeite, ist es gefährlich am Leben zu sein. Und Journalismus zu machen bedeutet, auf einer dünnen Linie zu balancieren, die von den Bösewichten gezogen wurde, die in der Regierung und im Organisierten Verbrechen sitzen. Es ist, wie auf einem Minenfeld zu tanzen."

Am Dienstag ist Valdez in seiner Heimatstadt Culiacán beigesetzt worden. Den ganzen Tag über fiel ein leichter Nieselregen über der Stadt, in der es eigentlich im Mai nie regnet.



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