Foto-Projekt von Rakete und Kerner Träumt weiter!

Wie findet ein Fotograf die Sekunde, in der ein Star seinen verletzlichsten Moment erlebt - und sich verrät? In leisen Schwarzweißfotos haben Jim Rakete und Kilian Kerner diese Augenblicke eingefangen. Sie zeigen Anna Maria Mühes leere Blicke. Und eine weinende Karoline Herfurth.

Ein Interview von


Mit nacktem Oberkörper steht Karoline Herfurth in der leeren Halle, den Blick über die Schulter gerichtet. Sie weint. Max Riemelt sitzt auf einem alten Holzstuhl, das Gesicht halb in seinen Armen vergraben. Falten auf der Stirn. Anna Maria Mühe liegt mit dem Rücken auf Holzdielen, blickt an die Decke, in die Leere. Ist gedankenverloren in Schwarzweiß.

Drei Bilder. Festgehalten und inszeniert von Kilian Kerner und Jim Rakete. Der Designer und der Fotograf haben drei Monate lang für das Projekt "Ikonen" zusammengearbeitet. Haben zwölf deutsche Künstler ausgewählt, die sich für die beiden in ihre Kindheit zurückversetzt haben. In eine Zeit, in der Träume noch nicht an der Realität scheitern konnten.

Herausgekommen sind ein etwa zehnminütiger Film und ein Kalender mit Porträtaufnahmen. Keiner der Beteiligten hat eine Gage bekommen, die Erlöse gehen komplett an das SOS Kinderdorf in Maputo, Mosambik. Mitgewirkt haben neben Herfurth ("Fuck ju Göhte"), Riemelt ("Die Welle") und Mühe ("Novemberkind") unter anderem auch Aenne Schwarz (Wieder Burgtheater) sowie Model Franziska Knuppe.


SPIEGEL ONLINE: Herr Rakete, Herr Kerner, Sie haben für Ihren Kalender zwölf Künstler fotografiert, die meisten sind Ende 20, die Schauspieler Paula Beer oder Samuel Schneider sogar erst 18 Jahre alt. Taugt man in dem Alter schon zur Ikone?

Kerner: Das Alter spielte für uns keine Rolle. Alle zwölf haben das Zeug, eine Ikone zu werden. Und für mich sind sie das schon.

Rakete: Eine Ikone ist das Image von einer Person, das unauslöschlich ist. Denken Sie an das Bild der jungen Tänzerin Brigitte Bardot, die neben den qualmenden Schloten auf den Dächern von Paris steht: Wusste man damals schon, dass sie eine Ikone wird? Nein. Das ergibt sich erst im Rückspiegel der Geschichte.

Kerner: Paula Beer ist 18 Jahre alt und ein Geschenk für diese Erde. Viele 40-Jährige haben nicht, was Paula mitbringt, dieses...

Rakete: …Licht. Diese besondere Ausstrahlung.

SPIEGEL ONLINE: Wie schaffen Sie es, die Ausstrahlung einer Person im Foto festzuhalten?

Rakete: Durch die Doofheit der Fotografie. Sie kennt den Moment vor dem Auslösen nicht, und den Moment danach nicht. Durch ihre Beschränktheit auf den einzigen Augenblick kann die Fotografie diese besonderen Momente einfangen.

Kerner: Genau deshalb wollte ich dich für das Projekt. Es sollte keine typische Modefotografie sein, die Künstler sollten nicht dastehen und meinen Rock oder meine Hose präsentieren. Ich wollte die Person haben. Und was sie rüberbringen kann.

SPIEGEL ONLINE: Es sind sehr leise Fotos entstanden. Die Künstler wirken vor allem melancholisch und traurig.

Rakete: Wir haben sie unter dem Motto "Kindheitsträume" fotografiert. Es ging darum, in den Rückspiegel zu gucken. Einen Moment aufzufinden, in dem man abgleicht, was man mal wollte und was man bekommen hat. Das ist immer ein trauriger Moment, wenn ich mich frage: Wann habe ich meine Träume beerdigt? Wann bin ich stecken geblieben mit den wirklich großen Ideen, die ich hatte?

Zur Person
  • DPA
    Jim Rakete, 1951 in Berlin geboren, fotografierte bereits als Teenager Stars wie Jimi Hendrix oder Mick Jagger. Ab 1977 führte er die "Fabrik", eine Agentur, die besonders für Stars der Neuen Deutsche Welle wie Nina Hagen, Nena und Die Ärzte Cover- und Bandfotos machte. Manche Musiker betreute Rakete auch als Manager. Seit Ende der Achtziger widmet er sich wieder fast ausschließlich der Fotografie.
SPIEGEL ONLINE: Wovon träumt Anna Maria Mühe, wenn sie im Kilian-Kerner-Kleid auf den Holzdielen liegt?

Rakete: Anna Maria hat einen Zaubertrick, den ich über alles schätze. Die kann mich glauben machen, dass an einem dunkelsteingrauen Berliner Tag über der Wolkenschicht die Sonne scheint. Dazu braucht sie nur einmal die Augen zu öffnen. Und dieser Zaubertrick, der fügt sich ein in diese kleine Szene, die sie hatte, als sie auf dem Boden liegt und sich an etwas Bestimmtes erinnert. Es ist der beste Augenaufschlag der deutschen Filmgeschichte, den wir zu bieten haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber an welchen Traum erinnert sie sich?

Rakete: Das will ich doch nicht wissen.

Kerner: Das entzaubert.

Rakete: Für die Fotos haben wir nicht explizit über Kindheitsträume gesprochen. Das ist idiotisch. Der Künstler muss sich das in seinem Kopf vorstellen und mit diesem Gefühl ans Set kommen, das reicht. Wenn jetzt jeder noch sein Stofftier mitbringt von damals, dann ist das irgendwie indiskret. Die Künstler haben uns ein Stück von ihrer Seele gezeigt, ein Geheimnis. That's it. Darauf bin ich stolz.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie, Herr Rakete? Wovon träumen Sie?

Rakete: Ich war vier Jahre alt, als ich mein erstes Foto machte, ein Bild von meinem Großvater. Die Fotografie war mein Jugendtraum, und den habe ich mir erfüllt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kerner, erinnern Sie sich noch an Ihren Kindheitstraum?

Kerner: Ich wollte ein Tennisspieler werden. Seit ich sechs war, habe ich jeden Tag geübt wie ein Verrückter. Aber ich war viel zu klein, ganz dünn und sah aus wie ein Mädchen. Sie nannten mich die kleine Steffi. Mit 14 fand ich es dann uncool, Tennis zu spielen. Ich wurde dann so ein kleiner assiger Rebell.

Zur Person
  • Marius Uhlig
    Kilian Kerner, geboren 1979 in Köln, zählt zu den bekanntesten deutschen Modemachern. Er ging auf eine Schauspielschule, bevor er 2004 sein eigenes Label gründete. Eine Ausbildung zum Designer hat er nie gemacht. Pro Saison entwirft Kerner vier Kollektionen, seit 2008 zeigt er regelmäßig auf der Fashion Week in Berlin, im vergangenen September waren seine Entwürfe erstmals auch auf der Londoner Modewoche zu sehen.
SPIEGEL ONLINE: Und Ihre Träume heute?

Kerner: Das Wichtigste ist nicht das Träumen selbst. Wenn man eine Idee hat - und das ist ja oft ein Traum -, muss man das auch umsetzen. Ich kenne so viele Leute, die immer jammern: Ach, es wäre so schön, wenn ich mal... Da kriege ich zu viel, das ertrage ich nicht. Dann musst du es eben tun, dann fass es an.

Rakete: Weißt du, was Andy Warhol gesagt hat? Kreativität ist nicht die Idee, sondern die Verwirklichung. Das ist kein schlechter Satz.

SPIEGEL ONLINE: Ein Traum ist vorbei, wenn er verwirklicht ist. Herr Rakete, Sie haben erreicht, was Sie sich als Kind erträumten. Was treibt Sie noch an?

Rakete: Der große Irrglaube ist: Da kommt ein Buch, eine Ausstellung, und dann denken wir, dass der Künstler jetzt fertig ist. Aber zu dem Zeitpunkt ist man doch schon im Übermorgen. Wenn ich etwas Neues, Fertiges präsentiere, ist es für mich schon Vergangenheit.

Kerner: Ich kenne auch dieses Gefühl der Leere. Nach meiner letzten Show im Sommer habe ich mich das erste Mal gefragt: Warum machst du das eigentlich? Man arbeitet wie ein Bekloppter, stellt sich vor tausend Leuten hin und macht einen Seelenstriptease - nur damit einige sagen, es ist toll und andere dich in der Luft zerreißen. Dann gehst du nach Hause, wachst morgens auf und denkst: Jetzt fängt das wieder von vorne an. Und warum?

SPIEGEL ONLINE: Ihre Antwort?

Kerner: Weil es nichts in meinem Leben gibt, das mich jemals so befriedigt und glücklich gemacht hat wie das, was ich jeden einzelnen Tag machen darf. Kein Mensch, kein gar nichts.

Rakete: Es gibt einen kleinen Moment in dem Film von den Dreharbeiten, es ist der allerletzte Augenblick. Max Riemelt sitzt auf einer Kiste, Aenne Schwarz kommt in diesem Kleid von Kilian, nimmt Max seine Zigarre weg, geht. Er guckt ihr nach. Sein Blick rutscht auf ihrem Rückgrat herunter. Und dann grinst er so ein ganz kleines bisschen. Und dafür arbeitet Kilian. Dass man Aenne hinterherguckt. Das habe ich so noch nicht gesehen. Das ist schon ziemlich cool.

Kerner: Vielleicht mache ich es genau deswegen, da hast du Recht. Damit Max ihr hinterherguckt.

Rakete: Und grinst.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
troy_mcclure 05.12.2013
1. Wow
Tolle Fotos
sauberfrau 05.12.2013
2. Vielleicht ...
...stamm' ich ja von 'nem anderen Planeten - aber ich kann auf den Fotos kaum was Melancholisches, Zerbrechliches, Verletzliches finden. Eher das Gegenteil. Und das die Fotos das schaffen ohne diesen heute üblichen Krawall aus Geschrei, Grell- und Buntheit - das ist das Wertvolle, Besondere an ihnen.
supersteech 05.12.2013
3. nix WOW
sorry, ich finde die Fotos einfach nur gähnend langweilig .....
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