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US-Komikerin Joan Rivers: Lästermaul mit Herz

Von , New York

Die legendäre US-Komikerin Joan Rivers ist tot. Die 81-Jährige starb an den Folgen einer Operation. Sie war die erste und lange einzige Frau im US-Humor und schreckte vor keinem Tabu zurück. Doch hinter ihrer Maske steckte viel Leid.

Ihren letzten Auftritt hatte sie vorige Woche, in einem kleinen Cabaret an der 42nd Street. Da war Joan Rivers in ihrem Element, riss vor hundert grölenden Fans die üblichen Zoten - vor allem über sich selbst. "Ich bin 81, ich könnte jeden Moment sterben", ächzte sie. "Ich könnte direkt hier umfallen, auf der Bühne. Und dann könntet ihr alle sagen: Ich war dabei!"

Tags darauf versagte der legendären US-Comedienne während einer ambulanten Stimmbandbehandlung das Herz. Nach einer Woche im künstlichen Koma starb sie an diesem Donnerstag.

Über das morbide Timing hätte sie selbst wohl am meisten gekalauert. Je älter Joan Rivers wurde, desto gnadenloser witzelte sie über ihr "Verfallsdatum". Etwa in ihrem Buch "I Hate Everyone... Starting with Me": Ihre Beerdigung möge bitte ein "großer Showbusiness-Event" werden, mit TV-Kameras, Paparazzi und einer "in fünf Akzenten heulenden" Meryl Streep.

Gar nicht so abwegig. Schon während Rivers im Krankenhaus lag, verbeugte sich Amerikas Entertainment-Szene kollektiv vor der "Queen of Mean" - obwohl die ihre 50-jährige Karriere damit bestritten hatte, Stars zu beschimpfen. Da bangte selbst Donald Trump, eines ihrer Lieblingsobjekte: "Gute Besserung, Joan", twitterte der Immobilienhai. "Halte durch."

Von Rivers verrissen zu werden - der ultimative Ritterschlag Zur Großansicht
REUTERS

Von Rivers verrissen zu werden - der ultimative Ritterschlag

Denn von Rivers verrissen zu werden, war der ultimative Ritterschlag. Cher - über die Rivers endlos herzog - soll protestiert haben, als die Witze über sie aufhörten. "Von dir den Arsch aufgerissen zu bekommen", twitterte "Girls"-Star Lena Dunham an die Adresse "Eurer Majestät Joan Rivers", "ist eine hohe Ehre."

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US-Comedienne Joan Rivers: Lästermaul mit Seele
Hinter der kalten Maske aber, dem zur Karikatur erstarrten Produkt Dutzender Schönheitsoperationen ("Wenn ich sterbe, spende ich meinen Körper an Tupperware"), versteckten sich tiefe Wunden und noch tiefere Einsamkeit. Pionierin zu sein, als lange einzige Frau in einem von Machos beherrschten Berufsfeld, erforderte Kraft, Härte und Opfer.

Rivers war die erste ihrer Art - und die letzte. Relikt einer Ära, in der Amerika spätabends vor dem Fernseher hockte, um sich von höflichen Herren die Welt im Witz erklären zu lassen. Allen voran Talk-Ikone Johnny Carson, der ihr in seiner "Tonight Show", einer sexistischen Männerbastion, zum Durchbruch verhalf.

1965 war das. Zuvor war die Tochter jüdischer Russen jahrelang durch Klubs und Kurhotels getingelt, freute sich über jeden Buhruf. So darf eine Frau doch nicht reden, brüllten sie - und spornten sie nur an.

Zu Carson kam sie in Cocktailkleid, Perlenkette und Federboa und hatte sich "Hals und Beinbruch" und "Viel Glück" auf die spitzen Knie gekritzelt. Ihr Stand-up-Set war unendlich schmutziger als der Humor ihres galanten Gastgebers. "Du wirst mal ein Star sein", prophezeite der ihr sofort.

Carson wurde ihr Mentor, heuerte sie als seine Dauervertretung an - und verstieß sie 1986, als sie ihre eigene Talkshow wagte. Bis zu seinem Tod 2005 sprach er kein einziges Wort mehr mit ihr und sorgte auch dafür, dass das Network NBC sie mit dem Bannfluch strafte.

Joan Rivers zu Gast bei Jimmy Fallon: Willig spielte sie die Nervensäge Zur Großansicht
AP/ NBC

Joan Rivers zu Gast bei Jimmy Fallon: Willig spielte sie die Nervensäge

Rekorde, Rückschläge, Rüpeleien. Rivers teilte so gut aus, wie sie einstecken musste, was blieb ihr auch übrig. Ihr Leid war ihre Inspiration, ihre Komik das einzige Mittel, so ein Leben zu verkraften. Millionen sprach sie damit aus dem Herzen.

Willig spielte sie die Red-Carpet-Nervensäge, die Celebrity-Kritikerin, das Schreckgespenst der Schönheitschirurgie. Vor nichts und niemandem schreckte sie zurück. Weder vor dem Suizid ihres Ehemannes Edgar Rosenberg: "Laut Testament kriege ich sein Geld nur, wenn ich ihn jeden Tag besuche, also ließ ich ihn einäschern und seine Asche im Kaufhaus Neiman Marcus verstreuen." Noch vor dem Tabu Holocaust: "Ich bin die lustigste Jüdin, die nicht in den Gaskammern gelandet ist."

Dahinter gärten Kummer und "die Angst, völlig vergessen zu werden". "Mein Sexleben ist so schlecht", rief sie, "mein G-Punkt wurde unter Denkmalschutz gestellt."

Und so begann sie ihn von vorne, den Zyklus aus Trauma, Trash und Glamour. Startete eine neue Talkshow, bekam einen Stern auf dem Hollywood Boulevard, wurde wieder arbeitslos, erfand sich als Oscar-Modekritikerin neu ("Who are you wearing?"), wurde abermals abgesetzt, war zu Gast bei der Hochzeit von Prinz Charles und Camilla Parker Bowles, gewann Donald Trumps Realityshow "Celebrity Apprentice", verhökerte Schmuck im Shopping-Sender QVC.

"Ich werde nie in den Ruhestand gehen", schwor sie 2010 in "Joan Rivers - A Piece of Work", einem preisgekrönten Dokumentarfilm über sie. "Wenn's sein muss, mache ich Fernsehwerbung für Seniorenwindeln."

Nur zu einem war sie nicht bereit. Schriftlich hatte sie sich lebenserhaltenden Maßnahmen verbeten, sollte sie so krank werden, dass sie keine Witze mehr machen könnte.

Zum Autor
Lane Hartwell
Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Ich verbeuge mich
nufti 05.09.2014
vor einer Frau die sich stets treu geblieben ist, obwohl man vermutlich bei Joan Rivers nie so genau wissen konnte was das heisst.. Jetzt können sie sich über Gott im Himmel lustig machen! R.I.P
2. Obwohl ich sicher die einzige bin,
cejpaul 05.09.2014
Ein Kommentar zu hinterlassen, ja, Joan Rivers war ein echtes "Piece of Work". Was hier in den USA als negative Beschreibung, oder auch als Lob gesehen wird. Jedenfalls immer eine Bezeichnung fur eine Frau mit Mut, Eigenwillen, vielleicht auch eine Zicke, je nachdem aus welcher Sicht gesehen... Egal, eine Frau die aufgefallen ist, weil sie nie die "Klappe" zuschnappte...... Und musste oft lachen, wenn sie mal wieder auf dem TV erschien, aber leider kam ihr Humor mir immer vor, als ob von einer sehr traurigen Person vorgetragen.... RIP, JR
3. Feuerwerk
hmoik 05.09.2014
R.I.P. Joan. Ein echtes Erlebnis auf der Bühne! Voller Energie und Witz! Ein Riesenspass , hoffentlich hat Netflix ihre Shows im Original, wenn sie in D starten. Kann ich nur jedem empfehlen. Joan, ein Glas Hochprozentigen auf Dich!
4. Traurig!
bildspiegel 05.09.2014
Aber sie starb bei etwas, was sie liebte, sich einer Operation zu unterziehen! (den Witz wird hier eh keiner verstehen, oder?)
5. Bedauerlicherweise...
felix-culpa 05.09.2014
...hatte Joan Rivers in Deutschland nicht so viele Anhänger, wie sie verdient hätte. Keine war auf derart komische Weise respektlos - odere wird es wohl je wieder sein. Ein schöner, detailreicher Nachruf. Danke! - Von mir eine letzte Standing Ovation...
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