Kachelmann nach dem Freispruch Ein Interview, ein Buch, eine Schlacht

Fast ein Jahr lang hat er geschwiegen, nun hat Jörg Kachelmann sein erstes Interview gegeben. Mit der "Zeit" sprach er über den Prozess, die Frauen, sein geplantes Buch - und kündigte einen juristischen Feldzug gegen all jene an, die Unwahrheiten über ihn verbreitet hätten.

Jörg Kachelmann (im Landgericht Mannheim): "Ich will was unternehmen"
dapd

Jörg Kachelmann (im Landgericht Mannheim): "Ich will was unternehmen"


Hamburg - Er ist extrem zynisch. Manchmal sogar ein wenig pampig, aber stets sehr bestimmt. Jörg Kachelmann redet Tacheles - und drischt dabei ordentlich auf all diejenigen ein, die ihn ins Gefängnis und vor Gericht gebracht haben; auf diejenigen, die Details über sein Privatleben an die Öffentlichkeit zerrten; auf diejenigen, die ihn in ein schlechtes Licht rückten.

Jörg Kachelmann hat sein erstes Interview nach seinem Freispruch in der vergangenen Woche gegeben. Zwei "Zeit"-Journalisten besuchten den 51-Jährigen in einem kleinen Haus, das er für einige Monate gemietet hat, an einem "Ort, an dem ihn die Reporter der Boulevardmedien nicht finden sollen", wie es heißt - und unterhielten sich so lange mit ihm, dass der Text drei Seiten des Dossiers füllt.

Weite Teile des Interviews drehen sich darum, wie er die Untersuchungshaft, den Prozess und die Urteilsverkündung erlebt hat. "Ich habe viele Dinge verkraftet, von denen ich mir vorher nicht hätte vorstellen können, dass ich sie verkraften würde", sagte der Moderator, der von einer Ex-Freundin der Vergewaltigung bezichtigt worden war, der "Zeit".

132 Tage saß der ehemalige Star unter den deutschen Wettermoderatoren in Untersuchungshaft, fast zehn Monate stand er in Mannheim vor Gericht, mehrere Ex-Freundinnen sagten aus, das angebliche Opfer trat als Nebenklägerin auf und hielt bis zum Ende an ihrer Anschuldigung fest, die Staatsanwaltschaft forderte vier Jahre Haft.

Er habe den Glauben an die deutsche Justiz komplett verloren, sagt Kachelmann nun. Als er am 30. Mai am Landgericht Mannheim das Urteil erwartete, habe er deswegen auch nicht unbedingt an einen Freispruch geglaubt: "Ich hatte im Gerichtssaal so viel Irrationalität kennengelernt, vor allem auch von den Mannheimer Staatsanwälten, dass ich bis zum Schluss mit der menschlichen Irrationalität rechnen musste."

"Was geht es die sabbernden Fotografen an?"

Auf die Frage, warum er vor Gericht geschwiegen hat, antwortet er: "Was sollte ich auch mehr sagen als die kurze Wahrheit: 'Ich war es nicht!' und: 'Ich habe keinem Menschen Gewalt angetan!' Wieso hätte ich mich beteiligen sollen an diesem Schwachsinn, der über mich erzählt wurde?" Während des gesamten Prozesses habe er versucht, die Fassung zu wahren. "Ich wollte nur immer mit demselben Gesicht in die Tiefgarage des Landgerichts fahren - und mit demselben Gesicht wieder raus", sagt Kachelmann im Interview mit der "Zeit" und macht gleich im nächsten Satz deutlich, dass er nun die Fassade nicht länger aufrechterhalten will, dass er seinen Gefühlen freien Lauf lässt, indem er offen sagt, was er über andere denkt: "Was geht es die sabbernden Fotografen an, wie's mir geht?"

Ihm habe vor allem seine Mutter leidgetan. "Wenn man über 80 Jahre alt ist und plötzlich von der Mutter eines Prominenten zur Vergewaltigermutter wird, dann ist das, glaube ich, scheiße." Auch für seine Frau sei es schwer. Kachelmann hatte seine Freundin im März geheiratet. Ohne sie, "ohne ihre Intelligenz, Durchsetzungskraft und Entschlossenheit und vor allem ihre Mithilfe", hätte er den Prozess nicht durchgestanden: "Ich war in manchen Phasen des Prozesses in einer kompletten Lähmung." Das Schlimmste sei gewesen, dass seine Kinder mit hineingezogen worden seien: Es seien Kinderzeichnungen und Fotos an eine Illustrierte gegeben und Stimmung gegen ihn gemacht worden.

Kachelmann lässt sich für die "Zeit" auf einer Wiese fotografieren, in Jeans und einem roten Holzfällerhemd, die Hände lässig in die Hosentaschen gesteckt. Doch seine Worte kommen nicht lässig daher. Er macht klar, er will nicht länger der Spielball von anderen sein, sondern wieder agieren. Freunde rieten ihm, einen Schnitt zu machen und in einem anderen Land ein neues Leben anzufangen, so Kachelmann. "Aber resignieren und auswandern, so weit bin ich nicht. Ich will was unternehmen."

Ein Buch und eine juristische Schlacht

Seine Pläne sind sehr konkret. Zum einen schreibt er an einem Buch, das den Titel "Mannheim" tragen soll, zum anderen bereitet er sich auf einen juristischen Feldzug vor. "Ich werde die Behauptung nicht auf mir sitzen lassen, dass ich gewalttätig gewesen sein soll." Es habe keine Gewalt in seinem Leben gegeben - nicht gegen Erwachsene, nicht gegen Kinder. Es habe keine Übergriffe gegeben, keine sexuellen Grenzerkundungen und erst recht keine Grenzüberschreitungen.

Einige seiner Ex-Freundinnen, die vor Gericht als Zeuginnen geladen und in den Medien ausführlich zu Wort gekommen waren, hatten derartiges behauptet. Sie hätten gelogen, so Kachelmann, die Staatsanwälte ihnen geglaubt. "Zivil- und strafrechtlich werde ich versuchen, alle Leute zu belangen, die das behauptet haben", verspricht Kachelmann und fügt hinzu: "Alles, was deutschen, schweizerischen und amerikanischen Anwälten einfällt, möchte ich in die Schlacht werfen."

Die meisten seiner ehemaligen Freundinnen hätten "keinen Mist" über ihn erzählt. "Aber von der Staatsanwaltschaft Mannheim wirklich ernst genommen wurden nur die, die irgendwelche Geschichten von angeblichen Grenzüberschreitungen zum Besten gegeben haben."

Doch Kachelmann gibt auch Fehler zu. "Ich habe Frauen belogen und ihnen Räubergeschichten erzählt... Ich weiß, ich habe mich mies benommen. Ich habe Menschen verarscht."

Nicht jeder stecke in einer idealen Beziehung - "aber Prominente macht das erpressbar". Auf die Anmerkung der "Zeit", über ihn wisse man ja nun schon alles, antwortet Kachelmann süffisant: "Ja, mich erpresst niemand mehr. Das ist schon fast beruhigend. Die anderen müssen noch immer Angst haben vor dem unheimlichen strafenden Gott, der in der Inkarnation von 'Bunte', 'Bild' oder sonst wem anruft und sagt: 'Wir haben Fotos von Ihnen.'"

Vorsicht bei Handy, Hotel und Frauen

Auch wenn er freigesprochen wurde - Kachelmann hat durch den Vergewaltigungsvorwurf viel verloren: Ansehen, Jobs und vor allem Geld. "Finanziell hat mich das alles komplett fertiggemacht." Deswegen müsse er sein Seegrundstück in Kanada nun bei den "Zeit"-Lesern anpreisen, sagte Kachelmann den Journalisten und lachte.

Bei manchen Fragen versteht er jedoch überhaupt keinen Spaß - nämlich dann, wenn es um sein aktuelles Privatleben geht, um seine Ehe. Da vermittelt er mit drastischen Worten, dass er nicht bereit ist, darüber noch etwas preiszugeben.

Im täglichen Leben hat sich offenbar vieles geändert: Er benutze sein Handy sehr selten, sagte Kachelmann - weil er von einem Technikfreak lokalisiert werden könnte. Er könne keine Hotels betreten - jemand an der Rezeption könnte Informationen weitergeben. Er achte darauf, was er in den Müll werfe - Journalisten könnten darin herumwühlen. Er fliege nicht mehr mit der Lufthansa - weil er vor seiner Verhaftung aus dieser Maschine gestiegen war und weil dort die "Bunte" ausliegt. Er vermeide Situationen, in denen er mit einer unbekannten Frau alleine sei, beispielsweise im Aufzug, auf der Straße, in Räumen - weil jemand noch einmal derartige Vorwürfe gegen ihn erheben könnte.

Von Strafgefangenen und Polizisten

Trotz alledem, Kachelmann sieht auch Positives an dem, was ihm passiert ist. Er habe viel Zeit zum Nachdenken gehabt und diese genutzt. "Ich habe heute ein wunderbar geordnetes Berufs- und Privatleben. Ich weiß, was richtig und was falsch ist." Das sei das Schöne und Angenehme. "Die Einfachheit, die Wahrheit, die Aufgeräumtheit in meinem Leben." Er habe 97 Prozent seines Bekanntenkreises verloren - und wisse jetzt, wer seine wahren Freunde seien. "Es taugen nur ganz wenige, aber die taugen tierisch viel."

Das Vertrauen der Mithäftlinge habe sehr geholfen. "Das waren Leute, die zu mir gehalten haben - jede Menge Schwerverbrecher, die zu mir kamen und sagten: 'Wir glauben dir.'" Hingegen habe das vergangene Jahr sein Verhältnis zu Beamten stark verändert. "Ich bin Polizisten früher mit erheblichem Gleichmut, mit Höflichkeit und Fröhlichkeit begegnet - heute fällt mir das schwer."

Kachelmann ist immer noch ein Medienmensch und macht deutlich, dass er das Fernsehen vielleicht noch einmal brauchen wird, weil er eine Botschaft transportieren wolle: "Wenn in deutschen Knästen alle Häftlinge tot umfallen würden, die Taten zugegeben haben, die sie nicht begangen hatten, wären die Knäste halb leer." Viele Beschuldigte würden erpresst und mit allen möglichen Mitteln dazu gebracht, Geständnisse abzulegen: "Das ist das Wesen der sogenannten Deals vor Gericht."

Die deftigen Einträge gegen die "Bild"-Zeitung und "Bunte", die man seit einigen Tagen in seinem Twitter-Account lesen kann, seien aber mitnichten ein Mittel, um Druck abzulassen. "Nee, nee. Ich mache das kalten Herzens und mit einem Schuss Fröhlichkeit."

siu



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 554 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Thorbjoern, 09.06.2011
1. Snörkel. der alte Gnupf
Wenn ich den Inhalt eines ZEIT-Artikels erfahren will, kann ich doch gleich die ZEIT lesen, oder?
Koltschak 09.06.2011
2. Ich wünsche Herrn Kachelmann Alles Gute in seinem weiteren Leben...
....Auf den "Rachefeldzug" sollte er aber verzichten. Ein Buch "Mannheim" sollte in dieser Hinsicht genügen. Seine Wut ist sehr verständlich, aber ich wünschte er könnte das neue Leben mit seiner Frau genießen. Rache verhärtet das Herz. Rache, Rechenschaft oder wie auch immer das entsprechende Wort heißen mag, sind kein Lösung. So schwer es auch fällt, "Vergebung" ist die Tür in die Zukunft. Ansonsten ein guter Bericht.
Mirko D. Walter 09.06.2011
3. re
Na das klingt doch mal nach einem Kämpfer. So ist das richtig. Agieren statt reagieren - er kann es jetzt wieder und es klingt schwer danach, dass er genau das jetzt auch wieder tun wird.
unermuedlich 09.06.2011
4. Knast
"Wenn in deutschen Knästen alle Häftlinge tot umfallen würden, die Taten zugegeben haben, die sie nicht begangen hatten, wären die Knäste halb leer." Vielleicht nicht halb leer, aber auch 10 % wären mir zu viel. Gerichte sollten unvoreingenommen untersuchen. Geert Wilders erster Richter wollte Zeugen gegen ihn manipulieren. Darum konnte er wegen Befangenheit abgelehnt werden. In meinem Bekanntenkreis gibt es kaum jemanden, der Kachelmann für schuldig hält. Darum verstehe ich nicht, dass er so viele Freunde verloren hat. Ich wünsche ihm und auch den weniger prominenten, die in die Mühlen der Justiz geraten sind, alles Gute.
Forumkommentatorin 09.06.2011
5. .
Zitat: "Wenn ich Gefängnis alle Insassen freigelassen würden, die zum Geständnis einer Tat gezwungen wurden, wären unsere Gefängnisse halbleer." Diesem Medienmenschen müsste man das Forum entziehen. Offensichtlich ist er persönlichkeitsgestört oder ihm ist sein schwacher Bekanntheitsgrad zu Kopf gestiegen. Seine Äußerung, er habe Frauen verarscht, ist peinlich. Mit Ende 40 benimmt er sich wie ein neurotisches Kind. Nach diesem Interview glaubt man an seine Psychopathologie.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.