Schwarzer Karnevalsprinz "Meine Eltern dachten, ich hätte einen Löwen erlegt"

Samuel und Jacinta Awasum gelten als erstes schwarzes Prinzenpaar. Im Interview erzählt der 34-Jährige, was ihm der Karneval bedeutet - und wann er es akzeptiert, dass sich Weiße als Schwarze verkleiden.

Das Karnevalsprinzenpaar Samuel und Jacinta Awasum bei ihrer Kürung in Ratingen
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Das Karnevalsprinzenpaar Samuel und Jacinta Awasum bei ihrer Kürung in Ratingen

Von Jean-Pierre Ziegler


Samuel Awasum ist 34 Jahre alt, Wirtschaftsinformatiker und seit Kurzem ein Prinz. Die Karnevalisten der Stadt Ratingen in Nordrhein-Westfalen haben ihn und seine Frau Jacinta gekürt.

Seit 2002 leben Awasum und seine Frau in Deutschland. Ihre Heimat Kamerun haben Sie verlassen, um hier zu studieren. Mit der Kür wolle man ein "Zeichen für Integration von Mitbürgern mit Migrationshintergrund setzen", erklärten die Ratinger Karnevalisten.

Bis Aschermittwoch im Februar stehen mehr als 200 Termine im Kalender der "Tollitäten". Sie besuchen Karnevalsvereine, Kindergärten und Firmenfeste. Im Interview erzählt Samuel Awasum, warum Karneval mehr ist als ein Besäufnis - und was er von Blackfacing hält.

SPIEGEL ONLINE: Sie und Ihre Frau Jacinta gelten als das erste schwarze Prinzenpaar Deutschlands. Wie fühlt sich das an?

Awasum: Ich kann nicht verstehen, warum das so brisant ist. Vielleicht liegt es einfach daran, dass meine Frau so gut aussieht. Aber ernsthaft: Ich hoffe, dass es irgendwann normal ist, dass es in Deutschland schwarze Prinzen und Prinzessinnen gibt.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Ihre Eltern aus Kamerun zu Ihrem Amt?

Awasum: Die dachten, dass ich etwas Krasses gemacht haben muss, einen Löwen erlegt oder so etwas. Meine Mutter hat gescherzt: Wenn du ein Prinz bist, bin ich dann Queen Elizabeth?

SPIEGEL ONLINE: Ihre Mutter ist zu Besuch in Ratingen. Wie hat sie Ihre Ernennung erlebt?

Awasum: Erst als sie hier in Deutschland ankam, hat sie die Seriosität des Ganzen erkannt. Bei meiner Kür waren etwa 700 Leute, die haben uns beklatscht, sind aufgestanden, haben uns Küsschen gegeben. Dazwischen meine Mutter aus einem Dorf in Kamerun, das ihr Sohn vor 14 Jahren verlassen hat. Jetzt sitzt sie hier und alle bejubeln mich. Meine Mutter hatte Tränen in den Augen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich noch an Ihren ersten Karnevalsbesuch erinnern?

Awasum: Das muss 2003 gewesen sein, da war ich noch Student in Essen. Ich dachte: 'Was ist denn hier los?' Die Deutschen sind sonst eher zurückhaltend. Aber beim Karneval hatten die Leute Spaß, gingen aus sich heraus. Da wurde mir klar, dass die Deutschen auch locker sein können. Ich fand das supertoll.

SPIEGEL ONLINE: Was gefällt Ihnen an der närrischen Zeit?

Awasum: Ich mag den Humor der Leute. Alle lachen über sich, jeder macht Witze. Niemand nimmt sich selbst zu ernst.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht einfach ein großes Besäufnis in Verkleidung?

Awasum: Das denken viele. Meine Kollegen haben zu mir gesagt: Oh Samy, jetzt wirst du fünf Kilo zunehmen wegen des Alkohols. Aber sprechen Sie mal mit jemandem, der in der dritten Generation in einem Karnevalsverein ist. Oder gucken Sie sich die Gardetänzer an, die das ganze Jahr üben. Karneval ist deutsches Brauchtum, es ist mir eine Ehre, daran teilzunehmen.

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SPIEGEL ONLINE: Sie engagieren sich im Integrationsrat Ihrer Heimat Ratingen und kämpfen dort gegen Rassismus. Stört es Sie, wenn sich Narren als Afrikaner verkleiden und sich schwarz anmalen?

Awasum: Es kommt darauf an. Ich bin ein offener und relaxter Mensch. Zum Karneval soll sich jeder ausdrücken, wie er möchte. Aber: Eine Rasse ist keine Verkleidung. Es nervt mich, wenn die Verkleidung benutzt wird, um Afrikaner zu beleidigen.

SPIEGEL ONLINE: Viele schwarz bemalte Narren würden wohl sagen, dass sie niemanden beleidigen wollen - es gehe einfach um Spaß. Ist die Verkleidung dann in Ordnung?

Awasum: Die Menschen, die sich so verkleiden, sollten sich ihrer Intention bewusst sein. Sich einfach schwarz anzumalen ist keine Verkleidung. Ich finde es okay, wenn es darum geht, eine Figur oder Berühmtheiten darzustellen. Wenn jemand zum Beispiel als der südafrikanische Freiheitskämpfer Nelson Mandela auftritt, habe ich nichts dagegen.



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