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Katarina Witt: "Man kann nicht zu zwei verschiedenen Hymnen heulen"

Katarina Witt: Die Eisprinzessin Fotos
AP

Sie konnte sich ein vereintes Deutschland nicht vorstellen: In jungen Jahren genoss sie große Privilegien in der DDR, nach der Wende erlebte sie harte Momente. Eiskunstlauf-Star Katarina Witt im Interview über ihr Leben in den beiden deutschen Staaten.

Zur Person
  • DPA
    Katarina Witt, geboren 1965, ist sechsfache Europameisterin, vierfache Weltmeisterin und wurde zweimal Olympiasiegerin im Eiskunstlauf: 1984 in Sarajevo, 1988 in Calgary. Sie zählte zu den bekanntesten Sportlern der DDR und ist weltweit eine der erfolgreichsten Eiskunstläuferinnen. 1994 nahm sie in Lillehammer noch einmal an Olympischen Spielen teil, als Mitglied der gesamtdeutschen Mannschaft. Heute ist sie unter anderem Unternehmerin.
SPIEGEL ONLINE: Frau Witt, Sie werden bald 50 Jahre alt - die erste Hälfte Ihres Lebens haben Sie in der DDR verbracht, die zweite in der Bundesrepublik. Welche Zeit hat Sie mehr geprägt?

Witt: Na, die Zeit des Kindseins, des Jungseins, die prägt einen nachhaltig, glaube ich. Das ist wie mit der Musik: Den Song, den man mit der ersten Liebe, dem ersten Herzschmerz oder dem ersten Ausflippen verbindet, den behält man für immer in dieser emotionalen Verbindung im Kopf.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn so ein prägendes Moment ihrer Kindheit?

Witt: Zuerst natürlich meine unbeschwerte Kindheit in meiner Familie und dann der Sport: die Disziplin, die einem abverlangt wurde. Und trotz des Korsetts, in der DDR konnte man sich gerade da Freiheiten, die nicht selbstverständlich waren, erarbeiten …

SPIEGEL ONLINE: … und die Ihnen als Sportstar dann gewährt wurden.

Witt: Klar, es war ein großer Vorteil für mich, dass ich reisen durfte, schon in jungen Jahren. Dies war das wahre Privileg. Auch wenn es natürlich keine Freizeitreisen waren. Alles hatte mit dem Sport zu tun, ein Wettkampf hier, ein Schaulaufen dort. Da ging es ja nicht darum, den Bauch in die Sonne zu halten. Dennoch war es eine Riesenchance, staunend das Unbekannte zu entdecken und etwas zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Die Eisstadien der Welt?

Witt: Die natürlich, aber auf dem Weg dorthin auch einiges mehr. Man hält ja die Augen offen, wenn man mit dem Bus durch die Stadt fährt. Und darauf hat Frau Müller …

SPIEGEL ONLINE: … Ihre Trainerin …

Witt: … immer sehr geachtet, das rechne ich ihr hoch an. Ihre Einstellung war: "Kindchen, wer weiß, ob du jemals wieder nach Paris kommst, jetzt fahren wir erst mal zum Eiffelturm." Das hat mich sehr weitergebracht: dass ich reisen konnte, dass ich auch dadurch früher reifen musste. Ich habe gelernt, offen zu bleiben für neue Eindrücke, anders als viele Menschen gerade nicht zu sagen: "My way or no way".

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie damals im Ausland gefragt wurden, woher Sie kommen, haben Sie dann gesagt: "Ich bin Deutsche" oder "Ich komme aus der DDR"?

Witt: Das war für mich ganz klar getrennt, die Antwort war immer: Ich komme aus der DDR.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich in erster Linie als DDR-Bürgerin gefühlt?

Witt: Ja, eindeutig. Ich war in ein Land geboren worden, in dem dieselbe Sprache gesprochen wurde wie in Westdeutschland, das ich aber immer als eigenständiges, unabhängiges Land gesehen habe. Das habe ich nie in Zweifel gezogen. Auch wenn es heute zwangsläufig oder logisch erscheinen mag, dass es die Wende geben würde und dann die deutsche Einheit - das hat sich doch damals niemand vorstellen können. Ich jedenfalls habe es als sehr junger Mensch nicht gekonnt.

SPIEGEL ONLINE: Ihre sportlichen Erfolge wurden ja politisch genutzt, als Sportstar waren Sie auch eine Botschafterin der DDR und, wie es immer hieß, "das schönste Gesicht des Sozialismus" …

Witt: … was übrigens ein amerikanischer Journalist erfunden hat, ein Reporter des "Time Magazine", der vor den Olympischen Spielen 1988 sinngemäß schrieb: "Wenn Kati Witt das wahre Gesicht des Sozialismus ist, dann kann Amerika gern sozialistisch werden." Klar, ich bin als Vertreterin der DDR wahrgenommen worden. Und zugleich als so etwas wie der Gegenentwurf dazu.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Witt: Das Image der DDR war ja eher: grau, freudlos, uniformiert. Und ich kam dann - sagen wir es so: etwas anders daher. Weil ich immer fröhlich war und meine Kostüme bunter und ausgefallener waren. Die Show und der Glamour gehören zum Eiskunstlauf dazu: selbst wenn einem alles wehtut, so zu tun, als hätte man Federn an den Füßen und nicht Blut in den Schuhen.

SPIEGEL ONLINE: 1988, noch vor der Wende, begannen Sie Ihre Profikarriere: Eisshows, Film und große Tourneen durch die USA. Ein großer Schritt, oder?

Witt: Ja, das war ein großer Einschnitt. Auch weil ich jetzt keine Sportlerin mehr war. Bis dahin hatten die Zeitungen auf den Sportseiten über mich berichtet, viele Journalisten hatten mich über Jahre begleitet und bewundernd den Aufstieg miterlebt. Und dann fiel ich von einem Tag auf den anderen in die Yellow Press rein. Kein Dreifachsprung war wichtig, sondern erfundene Geschichten mit Prinz Albert oder Boris Becker.

SPIEGEL ONLINE: Dann kam die Wende …

Witt:… und für mich noch mal eine neue Situation. In Amerika habe ich große Anerkennung bekommen, war dort riesig erfolgreich mit nun eigenen Tourneen. Und zu Hause gab es so eine Welle gegen mich, zum Teil Anklage, zum Teil - ach, wissen Sie, es ist so yesterday.

SPIEGEL ONLINE: Der SPIEGEL schrieb einmal von einer "Hexenjagd" gegen Sie: Die einst volkseigene Kati sei zur, wie die "Bild"-Zeitung Sie nannte, systemtreuen "SED-Ziege" geworden.

Witt: Das war hart damals. Es war ein wirklich merkwürdiger Gegensatz. In Amerika war ich das Symbol der Freiheit: "She's coming from behind the iron curtain", "Finally, she is free", "She can do whatever she wants". Die Amerikaner hatten eine ganz andere Einstellung. Damit habe ich natürlich auch gespielt - und mich zugleich den Diskussionen hier gestellt, ohne die Menschen zu verraten, die mich gefördert und unterstützt hatten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mal daran gedacht, Deutschland dauerhaft zu verlassen?

Witt: Nein, dafür war meine Bindung an meine Eltern und meine Freunde viel zu groß. Und auch meine Neugier darauf, was jetzt mit unserem Land passiert - wobei es ein bisschen gedauert hat, bis ich "unser Land" sagen konnte. Ich wollte jedenfalls die Veränderung sehen, vor allem die in Berlin. Ich hatte eine Wohnung mit direktem Blick auf den Potsdamer Platz, da wollte ich miterleben, was in meiner Stadt passiert.

SPIEGEL ONLINE: Seit wann sagen Sie denn "unser Land"?

Witt: Das hat nach der Wende schon noch länger gedauert. Bei den Olympischen Spielen 1994 in Lilllehammer, wo ich zum ersten Mal in einem gesamtdeutschen Team war - das war schon ein guter Anfang, aber ein paar Jahre mehr habe ich schon gebraucht.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist es ja gut, dass Sie 1994 nicht noch mal die Goldmedaille gewonnen haben. Sonst hätten Sie plötzlich mit der bundesdeutschen Hymne klarkommen müssen.

Witt: Ach, dass ich nicht gewinne, war mir von vornherein klar, das wäre ja ein Weltwunder gewesen. Aber es stimmt: Es wäre schon eigenartig gewesen. Man kann doch nicht zu zwei verschiedenen Hymnen ehrlich heulen.

SPIEGEL ONLINE: Und heute sprechen Sie von Deutschland als "unserem Land"?

Witt: Ja, selbstverständlich. Und ich empfinde durchaus Stolz. Ich finde, wir können schon zufrieden sein mit dem, wofür dieses Land steht, Frieden, Demokratie, ein gewisser Wohlstand, auch Gastfreundschaft. Das wissen wir Deutschen selbst vielleicht gar nicht immer so zu schätzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gut kennen Sie Deutschland?

Witt: Ach Gott, da merkt man dann auch wieder, wie sehr man geprägt ist von dem, was man als Kind lernt oder eben nicht. Wenn ich zu Quizsendungen eingeladen bin und es um Fragen zu Geografie, Musik oder Filmen geht: Da weiß ich einfach anderes als die Gäste, die im Westen aufgewachsen sind. Allerdings hält sich mein Beitrag zur westdeutschen Geschichte und Kultur dann leider auch in Grenzen. Kürzlich habe ich mich über die Bundesländer unterhalten - 15 sind es, glaube ich, oder?

SPIEGEL ONLINE: 16.

Witt: Hm, erwischt. Wir hatten in der DDR 15 Bezirke. Daran sieht man, wie nachhaltig das Gelernte aus der Jugend für immer im Kopf bleibt. Obwohl täglich Neues dazukommt. Das zeigt, wie wichtig die Erziehung, der Sport und gelebte Werte sind und bleiben.


Dieses Interview stammt aus dem neuen SPIEGEL ONLINE-Taschenbuch "Wie gut kennen Sie Deutschland?"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 87 Beiträge
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1. Klasse!
Europa! 21.09.2015
Was für eine sympathische Frau.
2.
egyptwoman 21.09.2015
Sehr geehrte Frau Witt, sie sprechen von Berlin als Ihrer Stadt, ist es Ihnen zu peinlich, das Sie in Chemnitz geboren und aufgewachsen sind? - Ich achte Sie aufgrund ihrer großen sportlichen Leistungen, denke aber wären Sie ganz normal wie so viele Menschen in der DDR aufgewachsen würden Sie wohl etwas anders über die DDR denken. Viele sind sehr froh das es die Einheit gab (auch wenn einige sich wohl wieder die Mauer wünschen würden). Sie haben sehr viele Privilegien gehabt die der normale Bürger nicht hatte, eben die vielen Reisen ins Ausland und durch Ihren weltweiten Bekanntheitsgrad haben Sie es auch einfacher gehabt in Amerika Fuß zu fassen.
3. Verständlich
widower+2 21.09.2015
Für mich als im Jahr des Mauerbaus geborenen Westdeutschen war die DDR immer feindliches Ausland und keineswegs Teil meines Heimatlandes. Dass das aus der anderen Perspektive von der anderen Seite der Mauer aus auch nicht so einfach ist, ist doch klar.
4. Schwierig
argonaut-10 21.09.2015
ich habe sie immer so wahrgenommen, dass sie nie ernsthaft die DDR hinterfragt hat; ist ja auch nicht so einfach, wenn man dort ein Star war... aber etwas umschauen konnte man sich auch dort. Also... besonders kritisch wscheint sie mir nicht zu sein.
5. Ehrlich und offen.
alterego13 21.09.2015
Auf diese Frau kann man auch heute noch als DDR-Bürger stolz sein. Anders als solche Prominente wie Gunter Emmerlich oder Startrompeter Ludwig Güttler, die ja in der DDR soooo verfolgt waren. Nur mit Abscheu haben sie Preise und Vergünstigungen angenommen. Ich bin einige Jahre älter als Frau Witt und auch in der DDR aufgewachsen. Und ich bin froh darüber. Eine glückliche, unbeschwerte Kindheit ist durch nichts zu ersetzen.
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