Kaya Yanar im Interview "Mein Comedy-Programm ist eine Danksagung an die Deutschen"

Er hat die Frage "Was guckst du?!" populär gemacht: Kaya Yanar, Sohn türkisch-arabischer Einwanderer, parodiert die Marotten in Deutschland lebender Ausländer. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über schlechtes Türkisch, das Frankfurter Rotlichtmilieu und Grenzen des Humors.


SPIEGEL ONLINE: Herr Yanar, wie viele Worte Türkisch kennen Sie?

Yanar: Ich könnte behaupten: viele. Aber tatsächlich ist mein Türkisch so schlecht, dass es für alle Türken eine Beleidigung wäre, zu behaupten, ich spräche die Sprache.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Familie lebt in dritter Generation in Deutschland - wie kam es, dass Sie Deutsch als erste Sprache er- und Türkisch verlernten?

Yanar: Mit der Einschulung ins altsprachliche Gymnasium habe ich aufgehört, im Alltag Türkisch zu sprechen. Auf der Schule gab es nur einen weiteren Türken - und das war mein Bruder. Dazu kam, dass sich unsere Eltern gerade getrennt hatten. Mein Vater sprach lieber Deutsch mit uns, um es selbst zu lernen. Außerdem war seine Sorge immer sehr groß, dass es seine Kinder genauso schwer haben würden mit der deutschen Sprache wie er.

Kabarettist Yanar: "Die Leute haben an meinem Plüschschwanz gezogen."
DDP

Kabarettist Yanar: "Die Leute haben an meinem Plüschschwanz gezogen."

SPIEGEL ONLINE: Wie pflegen Sie denn mit rudimentären Sprachkenntnissen den Kontakt zu Ihren Verwandten in der Türkei?

Yanar: Das klappt schon. Im Dezember hatte ich einen Auftritt auf dem Kapali Carsi, dem Großen Basar in Istanbul. Dort bin ich vor rund tausend Deutsch sprechenden Türken und Deutschen aufgetreten. Beyaz, eine Art türkischer Stefan Raab, hatte mich dann anschließend zu seiner TV-Show eingeladen - das war sehr lustig.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als Paradebeispiel für erfolgreiche Integration ...

Yanar: Ich kann nur meine persönliche Sichtweise darlegen, wie mich die Deutschen behandelt haben: Ich bin hier noch nie Fremdenfeindlichkeit begegnet, wurde noch nie diskriminiert. Ich wurde immer gefördert - in der Schule, an der Universität, im Showbusiness. Das hört sich unglaubwürdig an, ist aber so. Deshalb ist mein Comedy-Programm "Made in Germany" auch eine Art Danksagung an die Deutschen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Comedy beruht sehr stark auf der Wahrnehmung von kulturellen Unterschieden und dem Spiel damit. Gab's da so was wie frühkindliche Prägung bei Ihnen?

Yanar: Wenn ich als Kind deutsche Mitschüler zu Hause besucht hab', war das pure Exotik, weil bei uns zu Hause eine ganz andere Stimmung herrschte. Jedes Abendessen war bei uns lebendiger, es wurde aufgeregt diskutiert, gestikuliert. Bei meinen deutschen Mitschülern war es ruhiger. Es gab am Tisch Sprechpausen - das war eine ganz neue Erfahrung für mich!

SPIEGEL ONLINE: Die Sie anscheinend des öfteren wiederholt haben ...

Yanar: Ich habe das immer als bereichernd empfunden, mich auf verschiedene Kulturen einzulassen, auch mal bei einem griechischen oder einem italienischen Mitschüler daheim zu sein, zu sehen, was die anders machen als wir.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt Ihr Sinn für Humor?

Yanar: Mein Vater hat uns viele lustige Geschichten erzählt, meine Mutter lachte immer viel. Und ich habe immer schon gern gelacht und mich gern unterhalten lassen. Mit 14 Jahren sah ich zum ersten Mal Ethno-Stand-Up-Comedy aus den USA, das hat mich berührt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind im Frankfurter Rotlichtviertel aufgewachsen - unter solchen Voraussetzungen muss man Comedian werden, oder?

Yanar: Es war nicht das bekannte Rotlichtviertel rund um den Hauptbahnhof, sondern ein Viertel mit einer einzigen Puffstraße in der Stadtmitte. Durch die bin ich jeden Tag zur Schule und zurück gelaufen, von meinem 14. bis zum 17. Lebensjahr.

SPIEGEL ONLINE: Wie der Junge in "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran"?

Yanar: So ähnlich. Nur hat mir der Junge eines voraus: Er hat die Dienste einer Prostituierten angenommen. Ich dagegen noch nie.

SPIEGEL ONLINE: Eine weitere gute Schule für Ihren späteren Beruf waren die "Deppenjobs" während Ihrer Studentenzeit.

Yanar: Das stimmt! Es gab etliche Idiotenjobs. Ich bin zum Beispiel in einem Hamsterkostüm durch die Discos und habe Flyer verteilt - unter dem Fell hatte es 45 Grad. Die Leute haben an meinem Plüschschwanz gezogen! Ich war für die wie eine Schießbuden-Figur.

SPIEGEL ONLINE: Wo hat Ihr Humor Grenzen? Welche Art Witz würden Sie nie reißen?

Yanar: Meine Einstellung ist relativ simpel: Ich will Leute zum Lachen bringen. Und dazu lasse ich alles weg, was diese Leute verletzen könnte. Ich scherze grundsätzlich nicht über Religion oder über tragische Ereignisse. Und diese Grenze setze ich tagtäglich neu.

SPIEGEL ONLINE: Könnte ein Deutscher Ihr Programm aufführen?

Yanar: Eines Tages wird es möglich sein, dass auch ein deutscher Comedian einen Türken oder einen Holländer imitiert, ohne dass die sich angegriffen fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater war Atheist, Ihre Mutter ist Muslimin, Sie waren im evangelischen Unterricht, Ihr Bruder im katholischen. Welche Rolle spielt Religion in Ihrem Leben?

Yanar: Mein Vater war gottgläubig, ohne einer Religion anzugehören. Und so gab es vier verschiedene religiöse Möglichkeiten, mit dem Leben zurechtzukommen - und das innerhalb einer Familie. Für mich war das ganz normal und es hat meine liberale Einstellung sehr geprägt.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie 2001 erstmals im Fernsehen auftraten, wusste Ihr Vater noch gar nichts von dieser Ambition - oder davon, dass Sie das Studium geschmissen hatten. Gab's Ärger?

Yanar: Ich habe still und heimlich an meiner Karriere gebastelt. Bevor ich das erste Mal im Fernsehen auftrat, sagte ich ihm: Ich studiere nicht mehr, schimpf nicht, schalt erst einmal um 21.15 Uhr den Fernseher an und sieh es Dir an.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Yanar: Er hat nicht geschimpft. Er sagte "Du bist ein schlauer Kerl" und war von Stund an mein größter Fan. Obwohl ihm mein Studium sehr wichtig war. Er hat es als Symbol dafür gesehen, dass sein Sohn in einem fremden Land integriert ist. Mein Bruder promoviert übrigens gerade in Mathematik. Er hat das, was uns unser Vater immer predigte, wohl zu ernst genommen (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Der türkische Premier Erdogan sagte kürzlich bei seinem Auftritt in der Köln Arena, Assimilierung sei ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Ihre Meinung dazu?

Yanar: Jede Familie muss individuell entscheiden, inwieweit sie sich integriert. Ich persönlich würde mich in einer Gesellschaft, deren Sprache ich nicht beherrsche, nicht wohl fühlen. Man muss seine Kultur ja nicht komplett aufgeben, wenn man sich anpasst.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sich gelungene Integration vor?

Yanar: Ich bin das beste Beispiel dafür. Bei mir hat es funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Die jüngste Migranten-Generation gilt als schwer integrierbar. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Yanar: Kinder können nur adaptieren, was sie gelernt haben. Das Elternhaus spielt eine Schlüsselrolle: Mein Vater hat uns unmissverständlich klar gemacht, was ihm wichtig ist. Ich musste meine Schulnoten vorzeigen, und ich wollte ihn nicht enttäuschen. Ich habe nur für ihn Latein gelernt! Mein Vater wollte die volle Integration. Heute bin ich ihm dankbar dafür.

SPIEGEL ONLINE: Als deutschtürkischer Comedian sind Sie ein Politikum. Warum sparen Sie in Ihren Programmen das Thema Politik aus?

Yanar: Politik ist nicht unterhaltsam, sondern anstrengend. Als Comedian, der ständig unter Beobachtung steht, macht das keinen Spaß, mich von anderen vor ihren Karren spannen zu lassen. Ich bin ein deutscher Comedian mit türkischen Wurzeln. Und mein derzeitiges Bühnenprogramm wird das letzte mit dieser Thematik sein. Ich bin mal gespannt, ob ich danach noch wahrgenommen werde. Wenn ein deutschtürkischer Comedian auf die Bühne gehen kann, ohne zu thematisieren, dass er Deutschtürke ist - das ist vollendete Integration.

Das Interview führte Julia Jüttner


"Made in Germany": 22.3., 22.15 Uhr, RTL

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