Kind bei Pflegeeltern "Man kann das mit einer Amputation vergleichen"

Ihre Kinder sagen zu anderen Mama und Papa: Zehntausende Eltern sind wegen Sucht oder psychischer Probleme von ihren Kindern getrennt. Eine Mutter erzählt, wie sie damit lebt.

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Es trifft sie unvorbereitet. Wenn Nadine, 33, kleine Mädchen mit blauen Augen und braunen Locken auf der Straße sieht, hat sie sofort ihre Tochter Marie vor Augen. "Dann kommt der Schmerz, dann spüre ich diese Sehnsucht", sagt sie. Denn Marie wohnt nicht bei ihrer Mutter. Das Jugendamt hat das Kind "in Obhut" genommen, wie es im Amtsdeutsch heißt, und in einer Pflegefamilie in Hamburg untergebracht.

Obwohl Nadine mit dem Bus nur eine halbe Stunde dorthin braucht, ist Marie für sie die meiste Zeit unerreichbar weit entfernt. Ein Gericht hat festgelegt, wie oft und wie lange sie ihr Kind sehen darf: alle vier Wochen, zwei Stunden. Denn als Marie vor neun Jahren geboren wurde, war Nadine drogensüchtig. Ihr Baby auch.

Es konnte dem Rauschgift während der Schwangerschaft nicht ausweichen. Danach machte das Kind einen harten Entzug im Krankenhaus durch, während Nadine zu einer Entgiftung ging. Aber das Heroin hatte ihr Leben so fest im Griff, dass sie ihrer Tochter nur unregelmäßig beistand.

Nadine kümmerte sich nicht um frische Windeln oder das Fläschchen, sondern dachte immer nur an den nächsten Schuss. Das Jugendamt griff deshalb ein, um das Kind zu schützen. Marie wurde aus dem Krankenhaus direkt in ein Kinderschutzhaus gebracht, mit zehn Monaten kam sie zu Pflegeeltern.

So wie Nadine geht es in Deutschland Zehntausenden Eltern. Suchterkrankungen, psychische Krankheiten oder andere Probleme stiften so viel Chaos in ihrem Leben, dass ein Kind keinen Platz darin hat. Wenn so eine "Gefährdung des Kindeswohls" besteht, greift das Jugendamt ein. Wie viele Kinder und Jugendliche aus diesem Grund in Heimen oder Pflegefamilien leben, ist statistisch nicht genau erfasst. Insgesamt sind nach Daten des Statistischen Bundesamtes rund 140.000 Kinder und Jugendliche "fremduntergebracht".

"Anfangs war ich so unglaublich wütend"

"Verständnis hat fast keiner. Du hast als Mutter versagt. Damit bist du schuldig", sagt Nadine bitter. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer, umgeben von Wänden voller Kinderfotos, und erzählt bereitwillig, warum ihre Tochter in einer Pflegefamilie lebt. Ihr richtiger Name soll trotzdem nicht in dem Artikel stehen. Zu oft hat sie erlebt, dass sich andere von ihr abwenden, wenn sie von Marie erfahren. "Dabei bin ich doch gestraft genug", findet Nadine.

Bis zum Schluss hat sie in den Monaten nach der Geburt gehofft, dass sie mit ihrer Tochter zusammenbleiben darf. "Es war schrecklich, als das nicht geklappt hat. Anfangs war ich so unglaublich wütend, so sauer. Auf die Behörden, eigentlich auf die ganze Welt. Aber dann war da noch der gesunde Menschenverstand."

Nadine ließ den Gedanken zu, dass das Baby nicht gut bei ihr aufgehoben wäre. "Wenn man Drogen nimmt, ist man ein anderer Mensch. Es hätte viel schiefgehen können", sagt sie. "Der Wille, mich um mein Kind zu kümmern, war da. Aber ich war dazu weder körperlich noch psychisch in der Lage."

Nadine zog deshalb nicht vor Gericht, um Marie zu sich zu holen. "Letzten Endes hätte ich meinem Kind damit nur geschadet." Sie nahm hin, dass ihre Tochter bei Pflegeeltern groß wird und zu einer anderen Frau Mama sagt. Gleichzeitig machte sie sich daran, das Chaos in ihrem Leben aufzuräumen. Über ein Methadonprogramm kämpfte sie sich aus der Sucht, suchte eine Wohnung und Arbeit. Sie fing ein völlig neues Leben an - auch als Mutter.

"Viele verstehen nicht, dass ich nicht wie eine Löwin kämpfe"

Nadine wurde noch einmal schwanger. Ungeplant. "Zuerst hatte ich große Angst, dass ich dieses Kind auch nicht behalten darf", sagt sie. "Damals habe ich noch Methadon genommen. Deshalb bin ich zu einer Beratungsstelle gegangen und habe denen gesagt: 'Ich brauche Hilfe.'" Nadine findet, dass dieser erste Schritt extrem schwer war: vor sich selbst und anderen einzugestehen, dass man es alleine vielleicht nicht schafft.

Aber so bekam sie die Unterstützung, die sie brauchte, und durfte ihren Sohn nach der Geburt mit nach Hause nehmen. Zunächst als Mutter auf Bewährung. Fünf Tage pro Woche kam eine Beraterin, um zu helfen und zu kontrollieren. Inzwischen ist das Jahre her. Nadine versorgt ihren Sohn längst allein. Trotzdem verzichtet sie bis heute darauf, vor Gericht um seine Schwester zu streiten - obwohl Freunde und Familie genau das erwarten.

"Viele verstehen nicht, dass ich nicht wie eine Löwin um mein Kind kämpfe", sagt Nadine. "Aber ich weiß: Sie hat es gut bei den Pflegeeltern. Dafür stelle ich meine eigenen Wünsche und Ansprüche zurück."

"Viele Mütter hassen sich selbst"

Irmela Wiemann, Fachfrau für Pflegeeltern, Pflegekinder und deren leibliche Eltern, kennt viele Frauen, die ihre Kinder freiwillig abgeben oder bei Pflegeeltern lassen, weil sie Sorge haben, dass sie nicht die Mütter sein können, die ihre Kinder brauchen. Seit rund 40 Jahren schreibt Wiemann Bücher zur Pflegekinder-Thematik, berät Familien und hält im gesamten deutschsprachigen Raum Seminare ab.

"Die Trennung von ihrem Kind ist ein riesiger Schmerz für die Mütter, man kann das mit einer Amputation vergleichen", sagt Wiemann. "Aber die Mütter treffen eine sehr verantwortungsvolle Entscheidung, die viel Respekt verdient. Das wird noch zu selten erkannt."

Die meisten Mütter, die getrennt von ihren Kindern leben, müssten vielmehr mit Empörung, Missachtung, Ablehnung und Ausgrenzung leben - und zwar mehr als die Väter. "Sie werden stark stigmatisiert", sagt Wiemann. Dass eine Mutter ihre gesellschaftliche Rolle nicht erfüllt, werde ihr bis heute nicht erlaubt. Die Mütter selbst würden das meist nicht anders sehen. Sie plagten sich mit schweren Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen.

"Viele Mütter hassen sich selbst. Es ist für sie dramatisch, diese Niederlage hinzunehmen: Sie werfen sich vor, dass sie ihre eigenen Ansprüche und die der Gesellschaft nicht erfüllt haben." Einige Mütter würden das nicht ertragen und auch deshalb in endlosen Gerichtsprozessen um ihre Kinder kämpfen.

"Sie wollen sich rehabilitieren", sagt Wiemann. "Sie wollen doch noch eine gute Mutter werden und meinen, das zu schaffen, indem sie ihre Kinder wieder zu sich holen. Aber wenn das klappt, ist der Wiederanfang oft extrem schwer."

Kinder würden sich nach längerer Zeit in einer Pflegefamilie meist dort zu Hause fühlen. Es wäre dann oft besser, die Kinder in der Pflegefamilie zu lassen. "Das bedeutet keineswegs, dass die Mütter ihre Kinder ganz loslassen sollen", betont die Expertin. "Die Kinder brauchen ihre Mütter, aber diese müssen als Mutter, die keine Jeden-Tag-Mutter mehr ist, eine neue Rolle finden."

Erste Begegnungen: "Weiß sie, dass ich ihre Mama bin?"

Nadine hat erlebt, wie schwer das ist. Anfangs steckte sie so tief in ihren Drogenproblemen, dass sie ihr Kind ein Jahr lang gar nicht sah. Erst nach Maries zweitem Geburtstag fingen die sogenannten "Besuchskontakte" an. "Das war anfangs ein ganz strenges Programm, damit wir uns annähern können. Ich durfte Marie nur alle acht Wochen sehen, und nur unter Aufsicht."

Gegenüber den Pflegeeltern war Nadine misstrauisch. "Ich wusste nicht, was die Marie über mich erzählen. Ich dachte: Weiß sie überhaupt, dass ich ihre Mama bin? Reden die schlecht über mich?" Nadine fühlte sich abgelehnt, ein unzuverlässiger Junkie, der nicht in das geordnete Leben der Pflegeeltern passte, ein Störfaktor. Aber sie hielt all das aus und stellte sich den Begegnungen. "Ich glaube, sie hatten Angst, dass ich Marie wieder zurückhaben will", sagt Nadine heute.

"Eltern in zweiter Reihe"

Nadine konnte ihrer Tochter keinen größeren Gefallen tun, da ist sich Elke Meyer vom Hamburger Fachdienst für Pflegekinder PFIFF gGmbH sicher. "Für die Kinder bleiben die Eltern enorm wichtig, auch wenn sie getrennt von ihnen leben", sagt die Familientherapeutin. "Sie brauchen ihre leiblichen Mütter und Väter, um einen Teil ihrer Identität zu entwickeln." Die Kinder würden sich außerdem nicht so verlassen und zerrissen fühlen, wenn ihre beiden Lebenswelten - die der Eltern und der Pflegeeltern - im Einklang miteinander seien, sagt Meyer.

Bei Marie scheint das geklappt zu haben. "Inzwischen haben wir zum Glück alle ein gutes Verhältnis zueinander", findet Nadine. Mutter in zweiter Reihe zu sein, fällt ihr trotzdem nicht immer leicht. "Wenn ich bei wichtigen Sachen nicht dabei sein kann, ist das schwer auszuhalten, zum Beispiel an Maries Geburtstag. Ich werde an dem Tag nie eingeladen, nur kurz davor oder danach. Ich fühle mich dann ausgeschlossen, aber ich sage dazu nichts."

In den zwei gemeinsamen Stunden alle vier Wochen mit Marie will sie mehr Freundin als Mutter sein, die Zeit einfach genießen. "Wir spielen oder toben herum. Ich möchte, dass sie eine gute Erinnerung daran hat. Dann kann ich ihr später mal erzählen, wie alles gekommen ist. Ich hoffe, dass sie das versteht."

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