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Klatsch-Website TMZ: Paparazzi-Inferno im Internet

Aus Los Angeles berichtet

Niemand war schneller: Sechs Minuten vor dem Gerichtsmediziner verkündete die Klatschseite TMZ den Tod von Michael Jackson. Die US-Website schlägt nicht zum ersten Mal renommierte Medien. Das bringt ihren Machern Anerkennung - und Kritik an zweifelhaften Recherchemethoden.

Als die Gründer der Internet-Seite TMZ ein Büro suchten, wurden sie im Westen Hollywoods direkt am Sunset Boulevard fündig. Hier bietet sich dem jungen angesagten Traumfabrik-Menschen alles, was er braucht: noble Nightclubs wie die "Hyde Lounge", schicke Sonnenbräunungsstudios - und Fitness-Center mit dem schlichten Namen "Crunch", was frei übersetzt nahelegt, den eigenen Körper für die perfekte Figur ordentlich in die Zange zu nehmen.

Genau die Welt von TMZ also, eine Abkürzung für "Thirty Miles Zone", den Dreißigmeilen-Radius rund um Los Angeles, in dem die meisten Showstars leben - und die vielen Sternchen, die unbedingt berühmt werden wollen. TMZ bildet ab, wer in dieser Gegend in ist und wer out. Dies schafft die Website mittlerweile so gut, dass sie nach gerade einmal vier Jahren Bestehen längst ihre Konkurrenten in die Zange nimmt, darunter die renommiertesten Medien.

Dem Rest der Welt wurde das spätestens mit der TMZ-Berichterstattung über Michael Jacksons Tod klar. "Wir haben gerade erfahren, dass Michael Jackson gestorben ist. Er war 50", meldete die Seite knapp am vergangenen Donnerstagnachmittag um 14.20 Uhr Ortszeit in Los Angeles - und war damit noch sechs Minuten schneller als der Gerichtsmediziner, der den Tod feststellte.

Blitzschnell verbreitete sich die Nachricht, sie wurde um den Erdball gejagt von Internet-Diensten wie Twitter und Facebook. Zwar trauten die US-Medien der TMZ-Enthüllung lange nicht recht, doch am Ende mussten sie dieser hinterherlaufen. "TMZ lag bei den Berichten über Jacksons Tod weit vorne", gestand die New York Times zerknirscht ein.

Die Website-Macher schlachteten ihren Triumph weidlich aus. Fast stündlich liefern sie seit der Todesmeldung Aktualisierungen in Sachen Jackson auf ihrer Website - über Autopsien, den Polizei-Notruf, den Sorgerechtskampf um Jacksons Kinder, die Beerdigungsplanungen. "Dies war der beeindruckendste in einer langen Reihe von TMZ-Triumphen", attestierte die Los Angeles Times, die von der Website regelmäßig auf ihrem Heimatmarkt geschlagen wird.

Die Liste der Paparazzi-Scoops von TMZ ist lang. So war TMZ das erste Medium, das eine antisemitische Tirade von Superstar Mel Gibson dokumentierte. Es ertappte den prominenten Seriendarsteller Alec Baldwin, wie er seine kleine Tochter auf dem Anrufbeantworter als "gedankenloses, kleines Schwein" beschimpfte. Party-Ikone Paris Hilton blieben die TMZ-Rechercheure so hartnäckig auf den Fersen, dass sie mit schmeichelhaften Zettelnachrichten um einen Burgfrieden zu werben versuchte.

Wer hat sich operieren lassen, wer knutscht mit wem?

Mehr als vier Millionen Besucher zählt die Website mittlerweile im Schnitt pro Monat. In einer täglichen TV-Sendung präsentiert zudem Mitgründer Harvey Levin, ein Ex-Anwalt und Reporter, mit seinem Team aus meist sehr jungen Internet- und Videoreportern die Klatsch-Highlights des Tages - wer hat in der Thirty Miles Zone wo gegessen, welches Gesicht zeigt Narben von Schönheitsoperationen, wer knutscht gerade mit wem? Gerade die umkämpften jüngeren US-Zuschauer schalten ein, wenn Levin abends den Hohepriester der Popkultur des Tages gibt und an einem Softdrink saugend die Bilder des Tages von seinen Helfern abfragt.

Zum Tod von Michael Jackson
Sony BMG/Reuters

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Das rund acht Millionen Dollar große Jahresbudget für Sendung und Seite stellt Mediengigant Time Warner, der damit Berichten zufolge einen kleinen Profit erwirtschaftet. Schon wegen der Time-Warner-Finanzierung - zu deren Reich unter anderem das Ur-Nachrichtenmagazin "Time" gehört - rücken die zweifelhaften Recherchemethoden von TMZ mehr und mehr ins Blickfeld.

Levin gibt beispielsweise offen zu, Informationshonorare zu zahlen - eine Praxis, die unter vielen US-Medienorganisationen verpönt ist. Konkurrenten halten TMZ vor, seine Mitarbeiter schreckten gar vor Zahlungen an Polizisten oder Krankenschwestern nicht zurück, etwa im Fall Jackson. "Warum sollte ihnen ein Mitarbeiter des Krankenhauses diese Information geben? Aus reiner Gutherzigkeit?", zürnt Rob Silverstein von der Promiklatschsendung "Access Hollywood" in der Los Angeles Times über die rasche Todesmeldung.

Es ist nicht das erste Mal, dass Web-Seiten oder Boulevardmedien etabliertere US-Medienorganisationen ausstechen. Der Drudge Report, damals noch weitgehend unbekannt, enthüllte Bill Clintons Lewinsky-Affäre. Den Seitensprung des ehemaligen demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Edwards brachten Reporter des Revolverblatts National Enquirer durch hartnäckige Recherche ans Licht.

Knallharte Paparazzi-Methoden

Doch erst TMZ scheint mit seiner aggressiven Bildersprache Paparazzi-Methoden massenfähig zu machen - und sorgt so für Frösteln in Los Angeles, das knallharte Kolumnisten und üblen Klatsch eigentlich gewöhnt ist. Als die Sängerin Rihanna im März dieses Jahres von ihrem Freund übel zugerichtet wurde, war auf der Klatsch-Website rasch das Foto der schwerverletzten Sängerin zu sehen. Entsprechend unbeliebt sind die Internet-und Videorechercheure bei vielen Prominenten. Sänger Seal, Ehemann von Model Heidi Klum, nannte sie "Abschaum". Und auch Michael Jackson flüchtete regelmäßig vor den Promi-Jägern - die das letzte Video mit ihm nach seinem Tod genüsslich auf der TMZ-Website präsentierten.

Levin ficht solche Kritik nicht an. Im Gegenteil: Er wirbt selbst für strengere Paparazzi-Standards, es dürfe nicht zu verrückt da draußen werden. Doch er argumentiert in Interviews zugleich, ein bisschen wilder Klatsch und bunte Bilder bedeuteten ja nicht das Ende der westlichen Zivilisation - das Leben sei nun mal wie ein buntes Magazin, nicht wie die Titelseite einer Nachrichtenzeitung.

Graue Schlagzeilen kennt freilich auch Levin. Denn sobald Höhepunkte wie der Jackson-Tod vorbei sind, kehrt auch für TMZ wieder der Alltag ein - und der besteht selbst in Los Angeles an vielen Tagen aus langweiligen Bildern und Videos von Stars ohne Make-up, von verrutschten Brüsten oder einem angetrunkenen Jungstar.

Sogar kurz nach Jacksons Tod schleicht sich dieser Alltag langsam wieder auf die TMZ-Seite. Nach dem globalen Rummel um den "King of Pop" ist eine aktuelle Top-Nachricht etwa der plötzliche Tod von Billy Mays. Der erlangte Berühmtheit als marktschreierischer Fernsehverkäufer für Glamour-Produkte wie Oxi Clean - einen Teppichreiniger.

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