Von Karl-Ludwig Günsche, Bangkok
Rodriguez ist nicht die größte Gemeinde der Philippinen, aber eine der reichsten. Erst 1982 erhielt die schnell wachsende Stadt am Fuße der Sierra Madre zu Ehren des ersten Stadtpräsidenten Eulogio Rodriguez ihren heutigen Namen. Bis dahin hieß sie Montalban. Die meisten der rund 250.000 Einwohner nennen sie immer noch so. Viel Aufregendes hat die Provinzmetropole nicht zu bieten. Die größte Attraktion ist wahrscheinlich der Zoo, eine Art Safari-Park, der allerdings in der Regenzeit nur von Autos mit Vierrad-Antrieb befahren werden kann.
Mit der Ruhe und Abgeschiedenheit soll es in Montalban jetzt vorbei sein - wenn es nach Perry Berry geht. Touristen, so die Vision des rund 1,20 Meter kleinen Mannes, werden bald scharenweise anrücken und die Stadt noch reicher machen, Reiseveranstalter die Destination zum Pflichtprogramm erklären. "Dwarf-City", die "Zwergen-Stadt", eine kleine Gemeinde für kleine Menschen, die der Fantasie J.R.R. Tolkiens entsprungen sein könnte, will Perry Berry dort bauen, eine Märchenwelt mit "echten" Hobbits.
"Stellen Sie sich das einmal vor" schwärmte er der BBC-Reporterin Kate McGeown vor, "wir planen da ein Hausbauprojekt, das genau auf die Bedürfnisse von uns kleinen Menschen zugeschnitten ist. Wir schaffen etwas Einzigartiges. Unsere Häuser werden wie Riesenpilze oder große Schuhe aussehen. Jeder kann sein Haus nach seinen ganz persönlichen Phantasien bauen". Kein Superlativ ist zu groß für sein Projekt "Zwergen-Stadt". "Eines Tages werden die Menschen verstehen, dass wir, auch wenn wir so klein sind, groß denken", sagt Perry Berry bedeutungsschwer.
Ein 6000 Quadratmeter großes Grundstück in den Bergen habe er bereits, erklärt der rührige kleine Mann. Ein anonymer reicher Gönner habe es ihm und der von ihm geleiteten "Little People Association of the Philippines" (LPAP) geschenkt, damit sie dort ihren Lebenstraum verwirklichen könnten. Berry hat die Vereinigung schon 1989 gegründet, um "alle kleinen Menschen zu sammeln, eine Gemeinschaft zu bilden und einander zu helfen".
Körperliche Nachteile in Vorteile ummünzen
"Von all denen, die wegen ihres Äußeren als behindert angesehen werden, sind diese kleinen Menschen die einzigen, bei denen Außenstehende glauben, sie könnten sie verlachen und verspotten", schreibt der mehrfach ausgezeichnete philippinische Journalist Howie Severino. Jobs finden sie meist nur in der Gastronomie, im Zirkus, als Schau-Boxer - sie verdienen ihr Geld, indem sie ihren Makel zur Schau stellen, indem sie zur Sensation gemacht werden.
Mit seinem Projekt "Zwergen-Stadt" will Berry ihnen Selbstvertrauen geben, sie herausführen aus dem für sie oft so demütigenden Alltag als so genannte Skurrilität. So oft er kann, pilgert er deshalb an den Wochenenden mit anderen Kleinwüchsigen in die Berge von Montalban. Sie machen Picknick auf dem künftigen Baugrund und träumen davon, wie die "Zwergen-Stadt" einmal aussehen soll: Märchen-Häuser, an denen Tolkien seine Freude hätte, ein Flohmarkt, eine Kapelle, Kneipen, Hotels - der kleine Mann, der seinen körperlichen Nachteil in einen Vorteil ummünzen will, sprudelt geradezu über von Ideen.
47 Familien gehören zur LPAP, kein Mitglied ist größer als 1,20 Meter, einige sind nur 90 Zentimeter hoch - und alle wollen mitziehen nach Montalban, erklärt das künftige Stadtoberhaupt. "Wenn die Existenz unserer kleinen Gemeinde erst bekannt geworden ist, werden andere nachkommen, um mit uns zu leben", sagt er voll Überzeugung. Nach inoffiziellen Schätzungen leben in den Philippinen ein paar Hundert Kleinwüchsige. "Sie alle werden kommen - und unsere Stadt wird größer und größer werden", träumt Berry. Finanzieren will er seine Gemeinde durch Einnahmen aus dem Tourismus. Denn wer die Märchen-Welt bestaunen will, soll selbstverständlich Eintritt zahlen.
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