Klimawandel Malediven wollen gesamte Bevölkerung umsiedeln

Steigender Meeresspiegel, Sturmfluten, Tsunamis - weil der Klimawandel die Malediven bedroht, sucht der künftige Präsident des Inselstaates eine neue Heimat für seine Landsleute. Für den Umzug wird bereits gespart. Bleibt nur die Frage: wohin?


Hamburg - Mohammed Nasheed ist ein vorsichtiger Mann. Wenn der 41-Jährige künftig aus dem Fenster seines Regierungssitzes in der maledivischen Hauptstadt Malé blickt, kann er sie vielleicht noch erahnen, die paradiesischen Strände, die Palmen, die Idylle seines Inselreichs mitten im Indischen Ozean. Doch der designierte Präsident, der am Dienstag das Amt vom 30 Jahre herrschenden Vorgänger Maumoon Abdul Gayoom übernehmen wird, traut dem Frieden nicht.

Nasheed treibt die Angst um - die Angst vor dem Untergang. Wie die britische Zeitung "Guardian" berichtet, plant das erste demokratisch gewählte Oberhaupt der Malediven ein weltweit einmaliges Projekt: Um sein Volk vor dem Klimawandel und dem damit verbundenen Anstieg der Meeresspiegel in Sicherheit zu bringen, spart der Präsident für den Umzug der gesamten Bevölkerung.

"Wir können nichts tun, um den Klimawandel zu stoppen, deshalb müssen wir uns gegen das Schlimmste wappnen und woanders Land kaufen", sagte das Insel-Oberhaupt dem "Guardian".

Immerhin mehr als 300.000 Menschen wären von den kühnen Evakuierungsplänen des Präsidenten betroffen. Sie bewohnen 200 der aus 1192 Inseln bestehenden Republik, rund 500 Meilen vor der indischen Küste. Am höchsten Punkt ragt die Inselgruppe gerade einmal zweieinhalb Meter aus dem Wasser. An den meisten Stellen sind es nur ein Meter oder weniger.

Geld aus dem Tourismus

Sogar ein "geringer Anstieg" der Meere, könnte, so der besorgte Präsident gegenüber dem "Guardian", weite Teile des Inselstaats unter Wasser setzen. Ein ganzes Volk wäre dann verdammt zur Flucht, zum ziellosen Herumwandern.

Nicht mit Nasheed: Er wolle vermeiden, "dass wir zu Klimaflüchtlingen werden, die Jahrzehnte lang in Zelten leben müssen", sagte das Insel-Oberhaupt der Zeitung. Doch es gibt keine Notfallpläne für Völker, die ihr Land durch Umweltveränderungen verlieren.

Das Geld für die Rettung soll aus dem Tourismus kommen. Mehr als 600.000 Besucher kamen auf die Malediven im Jahr 2007, um einsame Strände, Palmenhaine und Korallenriffe zu genießen. Die Touristeneinnahmen machen rund 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Jedes Jahr, so der Plan des Präsidenten, soll ein gewisser Prozentsatz des Staatshaushalts für den Erwerb eines neuen Landes abgezweigt werden. Doch dürfte das kaum ausreichen, sollte Nasheed seine Mammutpläne in die Tat umsetzen wollen.

Welches Land hätten's denn gern?

Vor allem stellt sich die Frage: Wohin? Der Staatschef gibt sich wählerisch. Indien und Sri Lanka seien denkbar, sagt Nasheed, aufgrund des ähnlichen Klimas. Auch Australien komme in Frage, immerhin ist es mit 21 Millionen Menschen auf rund siebeneinhalb Millionen Quadratkilometern nur dünn besiedelt.

Doch ob sich die Wunschländer des Präsidenten über den Bevölkerungszuwachs freuen würden, darf bezweifelt werden: Indien kämpft schon seit langem mit gravierender Überbevölkerung und Armut. Australien war noch bis vor kurzem bekannt für seine rigide Einwanderungspolitik. Der neue Premierminister Kevin Rudd hatte erst im Juli die automatische Internierung von Asylbewerbern ohne Visa in sogenannten Detention Camps beendet. Zudem hat Australien selbst auch im eigenen Land mit dem sich wandelnden Klima zu kämpfen.

Nasheed selbst spricht von einer positiven Resonanz auf seine Idee. Doch die drohende Umsiedlung ist nicht das einzige Problem, mit dem der Präsident zu kämpfen hat. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft auseinander, die Arbeitslosigkeit liegt laut Aussage des Inselpräsidenten bei 20 Prozent.

Erst im vergangenen Monat hatte der ehemalige Menschenrechtler den bisherigen Präsidenten Maumoon Abdul Gayoom in Wahlen geschlagen. Dieser hatte seit 1978 autoritär über den Inselstaat geherrscht - Nasheed selbst landete als Oppositioneller mehrfach im Gefängnis. In Asien wurde der Demokrat schon mit Nelson Mandela verglichen.

Eigentlich, so sagt Nasheed dem "Guardian", wolle er die Malediven gar nicht verlassen. Doch laut Uno-Klimaexperten muss bis 2100 mit einem Anstieg der Meere von 25 bis 58 Zentimetern gerechnet werden. Nasheed will gewappnet sein - und spart.

ber



Forum - Umsiedlungspläne für die Malediven - ein Modell für die Zukunft?
insgesamt 80 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Rainer Helmbrecht 10.11.2008
1.
Zitat von sysopSteigender Meeresspiegel, Sturmfluten, Tsunamis - weil der Klimawandel die Malediven bedroht, sucht der Präsident des Inselstaats, Mohamed Nasheed, eine neue Heimat für seine Landsleute. Doch die südostasiatische Inselregion ist längst nicht die einzige vom steigenden Meeresspiegel bedrohte Küstenregion. Nasheeds Umsiedlungspläne - ein Modell der Zukunft?
Halte ich für eine gute Idee, ich mach mal ne Liste von Politikern, die man auf den Mond schießen sollte;o). MfG. Rainer
der_durden 10.11.2008
2.
Zitat von sysopSteigender Meeresspiegel, Sturmfluten, Tsunamis - weil der Klimawandel die Malediven bedroht, sucht der Präsident des Inselstaats, Mohamed Nasheed, eine neue Heimat für seine Landsleute. Doch die südostasiatische Inselregion ist längst nicht die einzige vom steigenden Meeresspiegel bedrohte Küstenregion. Nasheeds Umsiedlungspläne - ein Modell der Zukunft?
Es macht mich einfach nur traurig, wie viele (sehr sehr arme) Menschen auf diesem Planten die Zeche der Industriestaaten zahlen müssen. Die Malediven werden am Ende von jedem Staat ein Stück Land verwehrt bekommen...
lalito 10.11.2008
3. . . . jo;-))
Zitat von Rainer HelmbrechtHalte ich für eine gute Idee, ich mach mal ne Liste von Politikern, die man auf den Mond schießen sollte;o). MfG. Rainer
. . . von schwerer Last befreien, welches Trägersystem da wohl genug Nutzlast aufweist . . .
Erich72 10.11.2008
4. Malediven
Zitat von sysopSteigender Meeresspiegel, Sturmfluten, Tsunamis - weil der Klimawandel die Malediven bedroht, sucht der Präsident des Inselstaats, Mohamed Nasheed, eine neue Heimat für seine Landsleute. Doch die südostasiatische Inselregion ist längst nicht die einzige vom steigenden Meeresspiegel bedrohte Küstenregion. Nasheeds Umsiedlungspläne - ein Modell der Zukunft?
Ich kenne die Malediven von einigen Urlauben. Beim ersten mal habe ich die Riffe noch in voller Schönheit erlebt. Es war traumhaft! Beim nächsten Mal - nach dem el ninjo Effekt - sind mir die Tränen gekommen. Die Riffe sahen aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Jahre später war beim Riff Erholung zu sehen, aber unglaublich langsam. Man konnte aber auch erkennen, dass die Fluten gefährlicher geworden waren. Immer mehr Schutzmauern vor den Inseln im seichten Wasser. Schon das alles war ein beängstigendes Zeichen des Klimawandels. Aber es gibt ja immer noch Ignoranten, die das bestreiten und den Umstieg auf alternative Energien bremsen. Wieviele Menschen werden zu Flüchtlingen werden, wenn in Bangladesch das Wasser steigt? Unsere Kinder werden es teuer bezahlen, wenn wir heute nicht handeln! Erich72
Jörn75 10.11.2008
5.
Ich halte dies für eine Super Idee, denn dort wo früher die Bewohner gelebt haben, kann man ja "vorübergehend" ein paar Hotels bauen, bis die Flut kommt - oder auch nicht. Damit dürfte der Urlaub dort günstiger werden und ich kann auch dort hin.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.