Kommissar Toni Feller "Nur die guten Richter urteilen knallhart"

Toni Feller ist täglich mit Abgründen der menschlichen Natur konfrontiert. Seit 1985 arbeitet der Ermittler bei der Mordkommission Karlsruhe. Nun beschreibt er in einem Buch die Verlogenheit von Tätern, die Schutzlosigkeit von Opfern. Und warnt vor den Gefahren des Polizeiklüngels.


SPIEGEL ONLINE: Herr Feller, schon wieder ein Buch von einem Kommissar. Musste das sein?

Toni Feller: Das ist eine etwas unorthodoxe Frage, denn es gibt ja auch abertausende Krimis oder Liebesromane, die immer wieder gern gelesen werden. Mord, Tod, Verbrechen - das löst bei den Menschen zweifellos eine Faszination aus.

SPIEGEL ONLINE: Geht es nicht schlichtweg um die Befriedigung von Voyeurismus?

Feller: Sicher gibt es einige wenige Menschen, die so ein Buch nur lesen, um sich an den beschriebenen Taten zu ergötzen. Aber die meisten Leser wollen wissen, wie eine Mordkommission arbeitet und an der Spannung teilhaben, die so ein Fall mit sich bringt. Und ich denke, dass man es den Opfern und ihren Angehörigen auch schuldig ist, diese grausamen Verbrechen nicht einfach zu verschweigen, sie quasi unter den Teppich zu kehren.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehen sehr ins Detail, beschreiben etwa, wie Sie von einem homosexuellen Informanten angemacht wurden, und sparen nicht mit Wertungen und Kritik.

Feller: Pauschaliert zu erzählen ist nicht meine Sache. Für mich gehören die Details einfach dazu - so auch der von Ihnen angesprochene Annäherungsversuch dieses Homosexuellen. Mir ging es schon immer darum, Personen genauer zu beschreiben. Was ist das für ein Typ? Wie sieht er aus? Wie verhält er sich?

SPIEGEL ONLINE: Sie preisen die Aufklärungsquote von über 90 Prozent bei Mordfällen im Raum Karlsruhe. Passiert denn überhaupt so viel in der drittgrößten Stadt Baden-Württembergs?

Feller: Ich kann mich erinnern, dass wir einmal in einem Jahr an die zehn oder elf Mordfälle hatten, ansonsten sind es pro Jahr zwischen zwei und sechs. Aktuell bearbeiten wir den Mord an einem türkischen Staatsangehörigen, der in seiner Wohnung erstochen wurde. Bei diesem Fall ist viel Geschick und Fingerspitzengefühl erforderlich, da das Umfeld des Opfers und damit die Zeugen bekannterweise eine komplett andere Mentalität haben als wir Deutschen. Viele können nur mit einem Dolmetscher vernommen werden, was die Sache wesentlich erschwert.

SPIEGEL ONLINE: Einmal kamen Sie zum Tatort und erkannten den Getöteten. Er hatte Ihnen Wochen zuvor in einem Kaufhaus eine Lederjacke verkauft. Das klingt sehr nach Kleinstadt.

Feller: Bei dieser Szene wollte ich deutlich machen, dass ich ein unglaubliches Personengedächtnis habe. Meine Frau wundert sich immer wieder: Ich laufe durch die Fußgängerzone und scanne im Vorübergehen die mir entgegenkommenden Leute und - zack! - manchmal treffe ich sie wieder und erkenne sie gleich.

SPIEGEL ONLINE: Im Zusammenhang mit der entführten und ermordeten Bankiersfrau Maria Bögerl erklärte ein ehemaliger Kriminalexperte, grundsätzlich habe man als Opfer in Großstädten bessere Chancen, gerettet und geschützt zu werden, als auf dem platten Land. Sehen Sie das auch so?

Feller: Das würde ich so pauschal nicht sagen. Wichtig ist immer, wie ein Fall anläuft und in der ersten heißen Phase von der Polizei angegangen wird. Im Fall Bögerl wurden, so stand es in der Presse, Fehler von Seiten des Ehemannes aber auch von der Polizei gemacht. Das wurde der Frau zum Verhängnis. Doch hinterher ist man immer schlauer.

SPIEGEL ONLINE: Der Fall Harry Wörz deckte eine desolate Arbeit Ihrer Kollegen im benachbarten Pforzheim auf. Erfahrene Ermittler behaupten, solche Klüngel auf der Wache seien in einer Großstadt nicht möglich.

Feller: Das würde ich so nicht unterschreiben. Den mit dem Fall betrauten Richtern zufolge haben die Kollegen aus Pforzheim offensichtlich große Fehler gemacht. Ob das auf ein klüngelähnliches Verhalten zurückzuführen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber natürlich ist es fatal, wenn Polizisten aus einem falschen Ehrenkodex heraus Kollegen schützen, die schwere Fehler gemacht oder gar Straftaten begangen haben. Das hängt aber nicht damit zusammen, ob die Kollegen in der Großstadt oder auf dem Land ihren Dienst verrichten.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch beschreiben Sie das Zusammentreffen mit dem Informanten Manni, der nur bei einem Vier-Augen-Gespräch auspackt. Was hat ein Manni davon, wenn er aus der Szene Tipps gibt?

Feller: Leute wie Manni gibt es immer wieder. Manche wollen sich mit ihrem Wissen vor der Polizei rühmen und Teil der Aufklärungsmaschinerie sein. Manche machen es schlichtweg aus Rache. Und andere wollen einfach nur Geld - so wie Manni. Der brüstete sich mit heißen Tipps und spekulierte auf die Belohnung. Hätte sein Tipp zur Festnahme geführt, hätte er das Geld auch bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Also keine Gefälligkeiten anderer Art?

Feller: Auf keinen Fall! Um sie bei Laune zu halten, gibt man allenfalls so einer Auskunftsperson mal einen Rat, zum Beispiel, wenn einer wissen will, was ihm wegen eines Knöllchens droht oder so.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind als Kriminalhauptkommissar nonstop abrufbar, müssen grausige Anblicke ertragen, auf der Seite der Angehörigen und Opfer erleben Sie oft Dramen. Was fasziniert Sie an diesem Beruf?

Feller: Man lernt das Leben und die menschlichen Abgründe kennen. Ich bin immer wieder erstaunt, zu was Menschen fähig sind. Auf der anderen Seite kann ich in meinem Beruf Menschen auch helfen. Das sind dann meine persönlichen Sternstunden.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch schildern Sie Lügengeschichten, die Ihnen Ihre "Kundschaft" - Tatverdächtige, Täter und deren Rechtsanwälte - teilweise auftischen. Sind die Ausreden tatsächlich so hanebüchen?

Feller: Absolut. Zum Teil sind sie richtig primitiv, so schlimm, dass sich sprichwörtlich die Balken biegen. Andere lügen raffiniert. Aktuell bearbeite ich einen Fall, da hat eine Frau versucht, ihren getrennt lebenden Ehemann zu erschießen und wollte das dann als Selbstmord tarnen. Die Täterin verstrickte sich regelrecht in ein Lügenkonstrukt. Am Ende glaubte sie wohl selbst daran.

SPIEGEL ONLINE: Sie sparen nicht mit Kritik am deutschen Rechtssystem, bekunden Zweifel an psychiatrischen Gutachten. Kann man als Kriminalhauptkommissar überhaupt nach gutem Gewissen arbeiten?

Feller: Selbstverständlich. Es gibt eben Gutachter, die sich in gravierender Weise irren. Und es gibt leider auch einzelne Richter, die aus Unsicherheit und Inkompetenz milde Urteile fällen, weil sie befürchten, dass diese sonst angefochten werden. Nur die guten Richter urteilen knallhart, weil sie ihrer Sache sicher sind.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem Sexualstraftäter und Freigänger bekommen ihr Fett ab. Was schlagen Sie für ein Verfahren vor mit solchen Tätern?

Feller: In dem Fall, den ich in meinem Buch schildere, lehnte ein Sexualtäter der allerschlimmsten Sorte eine Therapie ab und kam dennoch in den Freigang und das auch noch Jahre zu früh. Ein Skandal, der seinesgleichen sucht! Andere Täter nehmen dem Schein nach an einer solchen Therapie teil und kommen dann auch in den Freigang oder werden frühzeitig entlassen, obwohl die Therapie in keinster Weise gefruchtet hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie bemängeln vor allem den Umgang mit den Opfern.

Feller: Es ist leider gängige Praxis, dass Mördern und anderen brutalen Verbrechern in Prozessen und in der Haft alle Aufmerksamkeit zuteil wird, wohingegen die Opfer und Hinterbliebenen sich selbst überlassen werden. Sie werden im Zeugenstand vor Gericht auch oft ohne Schutz dem gegnerischen Rechtsanwalt ausgeliefert. Ich habe schon einige weinend aus dem Saal stürzen sehen. Anschließend müssen sie noch in langwierigen Zivilprozessen um Schadensersatz kämpfen. Das dürfte nicht sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind über Umwege zur Polizei gekommen, haben erst eine Handwerkerlehre gemacht und dann Maschinenbau studiert. Als Polizeischüler kamen Sie dann zum Tatort des von der RAF getöteten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, wurden fünf Meter neben dessen Leiche positioniert. Verfolgen Sie den Prozess gegen Verena Becker?

Feller: Natürlich, der Prozess interessiert mich sehr. Wobei ich glaube, dass Verena Becker mit einem blauen Auge davonkommen könnte. Den Anblick des toten Generalbundesanwalts habe ich noch sehr gut in Erinnerung. Dieses Bild werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Das Interview führte Julia Jüttner



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