Komponisten-Schwindel "Japans Beethoven" gar nicht taub?

Er komponierte nicht selbst, sondern engagierte einen Ghostwriter - und taub ist "Japans Beethoven" Mamoru Samuragochi möglicherweise auch nicht. Das sagt zumindest der Mann, der dem vermeintlichen Musikgenie fast zwei Jahrzehnte half.

AP/Kyodo News

Tokio - Mamoru Samuragochi ist offenbar ein größerer Schwindler als angenommen: Der angeblich gehörlose Starmusiker hat für seine Kompositionen nicht nur einen Ghostwriter beschäftigt - offenbar war "Japans Beethoven" nicht einmal taub.

Samuragochis langjähriger Helfer Takashi Niigaki sagte bei einer live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz, er habe als Komplize bei einem sorgfältig inszenierten Schwindel mitgewirkt. "Vom ersten Tag an bis heute hatte ich nie das Gefühl, dass er taub ist", sagte der Ghostwriter. "Ich habe keine Anzeichen dafür, dass er nicht hören konnte." Samuragochi könne nicht einmal Partituren schreiben.

Die Plattenfirma Nippon Columbia Co. stellte den Verkauf von Samuragochis Werken ein. Der Komponist ließ seine Anwälte ausrichten, er entschuldige sich für den Betrug an den Fans. Samuragochi sei emotional zu labil, um in der Öffentlichkeit aufzutreten.

Groß angelegter Schwindel

Niigaki sagte, er habe Stücke komponiert und manchmal Samuragochi vorgespielt. Dieser habe sich dann die Werke ausgesucht, die ihm gefallen hätten. "Die Musik entstand aus meiner Zusammenarbeit mit ihm", sagte Niigaki. Er habe bei allen Kompositionen sein Bestes gegeben.

Samuragochi hatte am Mittwoch eingeräumt, er habe über knapp zwei Jahrzehnte hinweg Hilfe beim Komponieren gehabt. Der populäre 50-jährige Musiker hatte seinen Helfer nach eigenen Worten schon Ende der neunziger Jahre engagiert, "weil mein Gehör immer schlechter wurde". Niigaki habe bei etwa der Hälfte seiner Werke mitkomponiert.

Anscheinend war der Schwindel aber noch viel größer angelegt: Er habe ursprünglich gedacht, ihm sei lediglich die Rolle des Assistenten zugedacht gewesen, sagte Niigaki. "Aber später fand ich heraus, dass er nicht einmal Partituren schreiben kann." Nach und nach sei er deshalb zum Komplizen geworden. Doch zuletzt habe ihn der Rummel um den "Beethoven des digitalen Zeitalters" zunehmend genervt.

"Ich glaube, es fiel ihm schwer, sich taub zu stellen"

Manchmal habe Samuragochi über Handzeichen und Lippenlesen kommuniziert - zumindest zu Beginn von Gesprächen, sagte Niigaki dem Wochenmagazin "Shukan Bunshun". Je länger sie aber andauerten, schien er sich nach dem Bericht seines 43-jährigen Ghostwriters zu vergessen und "beteiligte sich ganz normal". "Ich glaube, es fiel ihm schwer, sich taub zu stellen. Vor kurzem habe ich ihn allein zu Hause getroffen - wir haben von Beginn an ganz normal miteinander gesprochen."

Niigaki entschloss sich, den Schwindel auffliegen zu lassen, als er von Plänen des japanischen Eiskunstläufers Daisuke Takahashi erfuhr. Dieser wollte für eine seiner Küren bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi eine angeblich von Samuragochi komponierte Sonate verwenden. Er habe befürchtet, "dass eine solch kostbare Gelegenheit" Samuragochis falschen Ruhm endgültig festigen könnte, sagte Niigaki. Deshalb habe er sich entschlossen, mit der Fiktion ein für alle Mal aufzuräumen.

Samuragochi war Mitte der neunziger Jahre mit klassischen Kompositionen zu Videospielen wie etwa Resident Evil berühmt geworden. Mit 35 Jahren wurde er nach seinen eigenen Angaben taub, setzte seine Arbeit aber fort. Damals entstand auch sein berühmtestes Stück, "Sinfonie No. 1, Hiroshima", eine Ehrung der Opfer des Atombombenangriffs von 1945. In einem Interview 2001 bezeichnete Samuragochi seinen angeblichen Gehörverlust als "Geschenk Gottes".

ulz/AFP/AP



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
medicus22 06.02.2014
1. Bonus
Ist seine Musik jetzt Mist, weil der Behindertenbonus fehlt? War das Lob vorher geheuchelt? Freut Euch doch über die angeblich tolle Musik und wenn er wieder hören kann, super! Ein WUnder, ein Wunder..
Reissverschlussverfahren 06.02.2014
2. Ghostwriter
Zitat von medicus22Ist seine Musik jetzt Mist, weil der Behindertenbonus fehlt? War das Lob vorher geheuchelt? Freut Euch doch über die angeblich tolle Musik und wenn er wieder hören kann, super! Ein WUnder, ein Wunder..
War wohl aber nicht "seine Musik".Er komponierte auch nicht selbst...
THINK 06.02.2014
3.
Zitat von sysopAP/Kyodo NewsEr komponierte nicht selbst, sondern engagierte einen Ghostwriter - und taub ist "Japans Beethoven" Mamoru Samuragochi möglicherweise auch nicht. Das sagt zumindest der Mann, der dem vermeintlichen Musikgenie fast zwei Jahrzehnte half. http://www.spiegel.de/panorama/leute/komponist-mamoru-samuragochi-ist-offenbar-nicht-taub-a-951875.html
Alles nächstes wird sicher berichtet, dass Mamoru gar kein japanischer, tauber Komponist ist, sondern ein chinesischer, blinder Dichter.
Gwendo 06.02.2014
4.
Das erinnert mich an die Geschichte des blinden Fotografen Boris Moshe Kokoschelnikow aus Warschau, der durch seine preisgekrönten Fotokalender große Berühmtheit erlangte. Bis sich herausstellte, Herr Kokoschelnikow war weder blind, noch hatte er seine wohl hervorragendste und bekannteste Bilderserie zum Gedenken an Auschwitz selbst fotografiert. Er hatte zahlreiche Ehrungen und Sonderpreise erhalten, die er sämtlich wieder zurückgeben musste, nachdem sich herausgestellt hatte, nicht er hatte all die Bilder geschaffen, sondern sein Bekannter Udo Knevekow, den er Ende der 70er Jahre am Plattensee kennengelernt hatte, und letzterer hatte die Bilder auch nur aus diversen Fotografien früherer Dokumentationen zusammengeschnitten, und das noch ganz ohne Photoshop, was schon eine beachtliche Leistung war, das muss man sich mal vorstellen. Udo Knevekow über Boris Kokoschelnikow: "Ich habe ihn ein paarmal zuhause besucht. Überall lagen Heftchen herum, obwohl er alleine wohnte und ja gar nichts sehen und überhaupt nichts lesen konnte. Er hatte wahre Adleraugen. Einmal gingen wir gemeinsam spazieren, da schaute er in den Himmel und entdeckte in einem Baum, etwa hundert Meter von uns entfernt, ein Eichhörnchen. Bei all dem konnte er aber noch nicht einmal eine simple Polaroid-Kamera bedienen. Einmal bat ich ihn, ein Gruppenfoto vor meinem Wohnblock zu machen. Am oberen Bildrand konnte man noch die Nasen der abgebildeten Leute erahnen."
meckerziege24 07.02.2014
5. @think
you made my day !!!
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