Kreml-Flieger Rust: "750.000 Euro beim Pokern gewonnen"

Ein Glücksspiel war seine Landung auf dem Roten Platz allemal: Der als "Kreml-Flieger" bekanntgewordene Mathias Rust verdient seinen Lebensunterhalt jetzt als Pokerprofi. Seine haarsträubende Aktion von 1987 begreift er heute als Beitrag zur Öffnung des Ostblocks.

Berlin - Es war eine waghalsige Aktion, die ihn weltberühmt machte. Mit seiner gemieteten Cessna F 172 P manövrierte der erst 19 Jahre alte Hobbypilot Mathias Rust am 28. Mai 1987 in halsbrecherisch niedriger Höhe über den Roten Platz, vorbei am Lenin-Mausoleum, um schließlich sicher im Herz der russischen Hauptstadt Moskau zu landen - mitten im Kalten Krieg. Es war reines Glück - und die Verwirrung der sowjetischen Behörden und Militärs -, dass Rust nicht abgeschossen wurde.

"Kreml-Flieger" Rust (2001): "Ich zieh' das hier durch"
DPA

"Kreml-Flieger" Rust (2001): "Ich zieh' das hier durch"

"Auch aus heutiger Sicht war mein Entschluss richtig. Zwischenzeitlich habe ich das mal bereut. Hätte ich es nicht gemacht, hätte ich zwar ein einfacheres Leben gehabt. Aber ich denke, meine Aktion hat zur Wende beigetragen", sagte Mathias Rust, heute 41, jetzt der "Bild am Sonntag".

Die Idee zu dem riskanten Flug sei ihm im Herbst 1986 nach dem Treffen von US-Präsident Ronald Reagan und dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow auf Island gekommen. "Ich dachte, ich muss ein Zeichen setzen und kam auf die Idee, mit der Cessna eine imaginäre Brücke zwischen West und Ost zu schlagen." Bis zuletzt habe er allerdings gezögert, in den sowjetischen Luftraum einzudringen. In Finnland, wo er nach seinem Aufbruch im schleswig-holsteinischen Uetersen Zwischenlandung machte, "habe ich drei Tage lang nachgedacht, ob ich das Richtige tue. Doch zehn Minuten nach dem Start war ich sicher: Ich muss es tun, das ist mein Schicksal".

Unmittelbar nach der Landung nahe dem Roten Platz in Moskau habe er "überlegt, ob ich nicht gleich wieder starten und abhauen sollte", sagte er der Zeitung. "Doch dann dachte ich: Ich zieh' das hier durch!" Rust wurde damals zu vier Jahren Haft verurteilt und nach rund 14 Monaten vorzeitig begnadigt.

Finanziell ausgesorgt dank Glücksspiel

Tatsächlich könnte Rust, der als "Kreml-Flieger" berühmt wurde, ein entscheidendes Rädchen im Getriebe gewesen sein. Nach der peinlichen Durchdringung des vermeintlich gegen jeden Eindringling eisern gesicherten Luftraums der Sowjetunion entließ Gorbatschow einige Militär-Hardliner, darunter seinen Verteidigungsminister - und verschaffte sich so Luft für seine "Perestroika" (Umstrukturierung) genannten Reformen des politischen Systems.

Rust brachte seine spektakuläre Landung auf dem Roten Platz zwar Ruhm und Medienöffentlichkeit, aber kein privates Glück. Nachdem er 14 Monate Haft in Russland absolviert hatte, stach er 1989 als Zivildienstleistender in einem Hamburger Krankenhaus eine Schwesternschülerin nieder und wurde zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Inzwischen gehe es ihm jedoch gut, erklärte Rust im Gespräch mit der "Bild am Sonntag": "Ich lebe die meiste Zeit als Kaufmann in Estland, veranstalte Events wie Boot- und Autorennen und bin an Maschinenbaufirmen beteiligt. Für meinen Lebensunterhalt muss ich nicht mehr arbeiten." Zudem spiele er professionell Poker. Nach eigenen Angaben pendelt Rust zwischen Estland, Wedel und der Karibik, wo er das Kartenspiel als neue Einnahmequelle entdeckt habe. "Auf einer Yacht habe ich mal an nur fünf Abenden 750.000 Euro gewonnen", erzählte er dem Blatt.

Gerne, so Rust, würde er noch einmal nach Moskau fliegen und auf dem Roten Platz landen - "aber nur mit Genehmigung". Außerdem würde er sich gerne einmal mit Gorbatschow treffen.

Die Strafe für die Verletzung der Krankenschwester, sagt Rust heute, sei "angemessen" gewesen. Als Hintergrund der Tat gab er an: "Ich sprach das Mädchen an. Und sie hat dann etwas gesagt, was mich ins Mark getroffen hat. Was, weiß ich nicht mehr. Sie muss mich verspottet haben." Seinen Versuch, sich mit einem Blumenstrauß zu entschuldigen, habe das Opfer später zurückgewiesen.

Rust schreibt zurzeit an seinen Memoiren, die der Zeitung zufolge 2012, zum 25. Jahrestag des Kreml-Flugs, erscheinen.

bor/AP/ddp

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