Krimi-Star Jack Klugman "Das macht mich böse"

2. Teil: "Ich wusste, es ist vorbei"


SPIEGEL ONLINE: 1984 wurde bei Ihnen Kehlkopfkrebs diagnostiziert. Bangten Sie um das Ende Ihrer Karriere oder gar um das Ende Ihres Lebens?

Klugman: Beides. Denn die Schauspielerei war mein Leben. Ich fühlte mich nach der Diagnose sehr allein. Eine Krebs-Interessengemeinschaft bat mich damals, nach Atlanta zu reisen und eine Rede zu halten. Ich wollte das nicht, sagte am Ende aber doch zu. Dort sollte ich 250 Lebensbäume einweihen. Jeder davon symbolisierte einen Krebskranken, der seine Krankheit überlebt hatte. Nach der Rede kamen die Menschen von allen Seiten auf mich zu und sagten: Wir lieben Dich! Du siehst großartig aus! Auch Du wirst Deine Krankheit meistern! Ich wollte diese Art von Liebe nicht! Ich fühlte mich wie ein Wrack, wie ein Krüppel. Aber dann schritt ich diese Reihe von Bäumen ab und musste plötzlich lächeln. Das war ein Wendepunkt in meinem Leben und im Umgang mit der Krankheit.

SPIEGEL ONLINE: 1989 wurden Sie an den Stimmbändern operiert und ein Teil Ihres Kehlkopfs entfernt. Was geht in einem Schauspieler vor, der sein wichtigstes Arbeitsinstrument, die Stimme, einbüßt?

Klugman: Es war schrecklich und ich wollte niemanden mehr sehen. Ich wusste: Es ist vorbei. Dann rief irgendwann mein wundervoller Freund Tony Randall an, mit dem ich seit 1970 die Serie "Ein seltsames Paar" gedreht hatte. Er sagte: Wir können eine Million Dollar pro Woche verdienen, wenn wir die Fortsetzung "Sunshine Boys" machen, als Theaterstück! Tony zu Liebe ließ ich einen Sprechlehrer zu mir kommen. Der war zuversichtlich, mich innerhalb von sechs Monaten bühnenreif zum Sprechen bringen zu können. Also rief ich Tony an und sagte: In sechs Monaten könnte es klappen.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie hielten Wort.

Klugman: Ja, aber als ich bei der Probe den ersten Satz sagen sollte, kam kein Ton heraus. Es war totenstill und für alle im Theater war es eine sehr seltsame Situation. Ich wusste: Ich werde die kommenden zwei Stunden nicht überstehen. Ich hasste meinen Freund Tony dafür, dass er mich überredet hatte und ich jetzt zum Scheitern verdammt war.

SPIEGEL ONLINE: Oh je, das Ganze war ein Desaster?

Klugman: Nein, im zweiten Anlauf klappte es dann, zumal das Mikrofon meine Stimme auch künstlich verstärkte. Und die Vorführung war ein voller Erfolg. Meine Kinder sagten mir hinterher: Das war der beste Auftritt, den wir jemals von Dir gesehen haben. Da merkte ich, dass an dem alten Sprichwort etwas dran ist: Wenn Du einen Arm verlierst, wird der andere umso stärker.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind der letzte Überlebende von den zwölf Schauspielern aus "Die zwölf Geschworenen". Macht Sie das traurig?

Klugman: Sehr traurig. Ich kannte all diese Leute, sie waren großartige Schauspieler und viele von ihnen gute Freunde. Als 2006 auch noch Jack Warden starb, war ich drauf und dran zu rufen: Gott, jetzt kannst Du mich auch holen!

Das Interview führte Michael Scholten.



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