Luci van Org Lucilectric-Sängerin findet "Mädchen"-Text aus heutiger Sicht antiquiert

Vor fast 25 Jahren kam ihr Lied "Mädchen" raus: Was Luci van Org heute über ihren größten Hit denkt - und warum sie "mit aller Härte" reagiert, wenn sie als Frau weniger ernst genommen wird.

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"Und da lehn' ich mich zurück und lass dem Mann den ersten Schritt. Mir geht's so gut, weil ich 'n Mädchen bin, weil ich 'n Mädchen bin. Komm doch mal rüber Mann und setz dich zu mir hin, weil ich 'n Mädchen bin, weil ich 'n Mädchen bin."

Vor fast 25 Jahren veröffentlichte die Musikerin Luci van Org unter dem Namen Lucilectric ihr bekanntestes Lied: "Mädchen". Inzwischen sieht die heute 47-Jährige das Lied allerdings auch kritisch.

Auf die Frage der "Neuen Osnabrücker Zeitung", ob der Text nicht ein antiquiertes Frauenbild transportiere, weil darin ein Mädchen von einem Mann angesprochen werden wolle und nicht selbst aktiv werde, sagte sie: "Aus heutiger Sicht ist das so."

Allerdings würde sie es nicht wagen wollen, über dieses Stück etwas Schlechtes zu sagen, "weil es mir so viel Glück und Schönes gebracht hat". Damals seien Text und Botschaft total weit vorn gewesen. "Es ist ein Zeitphänomen, und es ist fast ein Vierteljahrhundert her", sagte van Org der Zeitung. "Dass eine Frau solche Sachen ausspricht, dass sie ein Recht auf ein eigenes Sexualleben hat, dass sie sich ihre Partner selbst aussucht, dass sie daran auch noch Spaß hat - das war damals eine Sensation."

Luci van Org als Lucilectric-Sängerin
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Luci van Org als Lucilectric-Sängerin

Sie selbst habe damals ihre eigene Strategie gehabt, um mit dem plötzlichen Starrummel umzugehen, als "Mädchen" im Jahr 1994 ein Hit wurde: "Ich habe intuitiv gegengesteuert, mir die Haare abgeschnitten, mich als bisexuell geoutet, angefangen, mich danebenzubenehmen, alles, was ging", sagt van Org der "NOZ". Das habe funktioniert. Außerdem habe ihr Harald Schmidt damals ein paar Tipps gegeben, wie man durch den Plötzlich-Star-Dschungel kommt.

Seither sei die Gleichberechtigung jedoch kaum weitergekommen, meint van Org, die als Produzentin, Autorin und Sängerin in ihrer Heimatstadt Berlin arbeitet: "Wenn ich mit einem männlichen Kollegen einen dienstlichen Termin wahrnehme, spricht man erst mal nur mit ihm, weil alle denken, er sei mein Chef. Das macht mich unglaublich wütend."

Und es werde aktuell sogar eher wieder schlimmer, meint die Musikerin. "Das frustriert mich. Ich bin jetzt bald 50." Mittlerweile reagiere sie auf solche Situationen "mit aller Härte", wie sie sagt: "Wenn mir heute in guter, alter Manier ein Mann ein Mischpult erklärt, erzähle ich ihm anschließend, wie viele ich von den Geräten zu Hause habe und wie viele Platten ich schon produziert habe."

lgr/dpa

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Mehrleser 15.12.2018
1.
Früher war es Zeichen von Höflichkeit, jemandem etwas zu erklären, heute wird „mit aller Härte“ reagiert. So entsteht kein respektvoller Umgang. Als alter weißer Mann erlebe ich hin und wieder die Situation, daß mir junge Kolleginnen social media erläutern wollen (Girlsplaining). Das nehme ich dann entspannt hin - vielleicht weil ich nichts beweisen muss?
c124048 15.12.2018
2.
Zitat von MehrleserFrüher war es Zeichen von Höflichkeit, jemandem etwas zu erklären, heute wird „mit aller Härte“ reagiert. So entsteht kein respektvoller Umgang. Als alter weißer Mann erlebe ich hin und wieder die Situation, daß mir junge Kolleginnen social media erläutern wollen (Girlsplaining). Das nehme ich dann entspannt hin - vielleicht weil ich nichts beweisen muss?
Nein. War es nicht. Jemanden ungefragt zu belehren oder etwas "zu erklären" war noch NIE hoflich. Es unterstellt, damals wie heute, Unwissenheit und die Angst, nachzufragen.
hfsfn 15.12.2018
3. Echt hart
"... erzähle ich ihm anschließend, wie viele ich von den Geräten zu Hause habe und wie viele Platten ich schon produziert habe." Oh Mann, das ist echt hart. Aber für sie ist es eben auch hart, dass die Männer sie nicht gleich erkennen und wissen, dass sie schon so und so viele Platten produziert hat.
vulcan 15.12.2018
4.
Ein alter, alberner Song 'transportiert ein Frauenbild...." herrje...als ob es heute gang und gäbe wäre, dass Frauen (Mädchen) Männer/Jungs ansprechen. Ist einfach nicht so und das weiß auch jeder. Aber heute dürfte man so etwas nicht mehr 'transportieren'...auf keinen Fall. Die Realität ist unwichtig. Natürlich muss der Artikel auch aus Frau Lucilectric-Dingsda eine heroische Kämpferin für Frauenrechte machen.....sie reagiert mit aller Härte....und zeigt es allen (Männern), die ihr irgendetwas erklären wollen. Ich bin schwer beeindruckt. Hört sich allerdings auch etwas zickig an....aber ich will nicht vorschnell urteilen; nachher 'transportiere' ich hier noch gottweißwas....
larsmach 15.12.2018
5. "Sie können gut schwimmen" - "Ich bin ja auch ein Mann" (Quelle: Bond)
Ach, natürlich... die Welt entwickelt sich, und leben ist ein dynamischer Prozess! Wer heute einen Connery-Bondfilm schaut, sieht Frauen, die mit körperlicher Gewalt auf Stroh gepresst und zwangsgeküsst werden (...um dann - logisch! - sich zu ergeben und Gefallen daran zu finden; so wie in "Goldfinger"). Vorschlag: Wir nehmen das hin und ordnen es historisch richtig ein, ok? Früher gab es auch noch Telefonzellen, und der Kriminalassistent konnte während der Beschattung Verdächtiger keine Textnachrichten an seinen Chef schicken - nein: Er brauchte 20 Pfennige und Adleraugen...
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