Matthias Reim: Verdammt, ich mach mich lächerlich!

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Ein abgebrannter Schlagerstar feiert Auferstehung: In einem Blödel-Werbespot hüpft Matthias Reim mal mit blondierter Vokuhila-Frisur, mal absurd verkleidet über Mallorca und trällert: "Verdammt, ich hab nix!" Die Geschichte eines Barden, der sich Stolz nicht mehr leisten kann.

Hamburg - Es gab Zeiten, da sonnte er sich auf der Terrasse seiner Villa in Florida oder auf der 20-Meter-Jacht, die, ebenfalls im Sunshine State vor Anker, sanft vor sich hin dümpelte. Auf seinem Konto stapelten sich die Millionen. Schlagersänger Matthias Reim war dick im Geschäft. Er komponierte Hits für Roberto Blanco und Jürgen Drews. 1990 schoss er sich selbst mit "Verdammt, ich lieb' dich" auf Platz 1 der Charts. Ein bombastischer Erfolg: Der Ohrwurm verkaufte sich mehr als zwei Millionen Mal.

Reim schwamm im Geld. Mehr als 30 Firmen, Dutzende Wohnungen liefen auf seinen Namen. Dubiose Immobilien-Steuersparmodelle bescherten ihm 1999 allerdings ein böses Erwachen - Reim stand plötzlich vor einem riesigen Schuldenberg.

"Ich war so tief unten, da ging es nur nach oben", sagt der 49-Jährige SPIEGEL ONLINE. Und siehe da: Reims Pleite-Misere animierte eine Hamburger Agentur jetzt zu einem Werbespot, in dem ausgerechnet der blanke Reim eine Luxuskarosse fährt ("Wenn selbst ich mir ein Cabrio leisten kann, können Sie das auch") und noch einmal den Hit seiner Karriere schmettert: "Verdammt, ich lieb' dich" – nur neu betextet.

"Ich habe schon Tränen gelacht, als mir die Agentur nur das Bild mailte, das mich in einem gemieteten Cabrio zeigt", erinnert sich Reim. "Als sie dann noch den umgeschriebenen Songtext hinterherschickten, hab ich mich weggeschmissen."

"Die arme Sau hat doch kein' Groschen mehr"

Wacker macht sich Reim zum Hanswurst. Ein Schlagersänger mit Selbstironie - und ohne Stolz. Nur kurz habe er den Gedanken gehabt, dass seine Fans ihm das übelnehmen könnten, sagt Reim. "Der Spaß, mit den Klischees zu spielen, hat ganz klar überwogen. Das ist eine Karikatur meiner selbst - großartig."

So stellt sich Reim im weißen Leinenanzug vor die Meereskulisse, stülpt seine Hosentaschen nach außen und schmettert aus voller Brust: "Wo hat der's Cabrio her? Die arme Sau hat doch kein' Groschen mehr." Massenhaft verbreitet der Autovermieter jetzt den Film im Internet, auch als Werbung auf SPIEGEL ONLINE; in Rundmails weisen Tausende Amüsierte einander auf die bizarre Reklame-Aktion hin - Fun-Marketing par excellence.

Es regnet Büstenhalter auf die Windschutzscheibe eines Mercedes-SLK-Cabrio, mit dem Reim über die Insel braust. Bei Szenen hoch zu Ross ließ sich Reim, der "furchtbare Angst vor Pferden" hat, von seinem Schwager doubeln. Er selbst schwang sich lediglich vor der Bluescreen auf einen Holzbock und wackelte zum Rhythmus hin und her. "Es war alles so verdammt dämlich!" Er habe "großen Spaß" dabei gehabt, für die Autovermietung zu arbeiten - angeblich ohne Gage.

Geld soll es nicht gegeben haben - auch nicht für die Gläubiger

"Keiner wurde bezahlt. Nur das Filmteam bekam seine Kosten erstattet", behauptet Reim. "Ich sehe es als Sponsoring meiner Karriere." Seine im Mai erschienene CD "Männer sind Krieger" versauert nämlich auf den hinteren Plätzen der deutschen Album-Charts.

Wie hoch der einstige Schuldenberg von rund 15 Millionen Euro derzeit ist, will Reim nicht sagen. "Es ist ein laufendes Verfahren. Ich hoffe, dass ich alles in zwei Jahren hinter mir habe und dann mein Leben wieder relativ normal verläuft." Im November werde er 50 Jahre alt. "Ich bin also gezwungen, noch zehn, zwölf Jahre mindestens zu arbeiten, um in Rente gehen zu können".

Vor der selbstironischen "Ich hab' nix"-Blödelei lag das Tal der Tränen: "Ich war so tief unten, tiefer geht's nicht", sagt Reim. Tiefpunkt war ein Gang zum Kiosk, wo ihm die Schlagzeile "Matthias Reim: Mein verpfuschtes Leben" entgegensprang. "Ich dachte: Mensch, mein Leben ist nicht verpfuscht! Es geht mir gut, auch wenn ich in Schulden ertrinke", kratzt er mit rauchiger Stimme. "Ich bin ein Beamtensohn, habe tolle Eltern, die mir ein wunderbares Leben bereitet haben. Ich hatte bis dahin nicht ein einziges Mal mein Girokonto überzogen!"

Peinliche Angebote, mickrige Gagen

Statt vor ausverkauften Hallen musste der vierfache Vater nun vor 200 bis 400 Fans auftreten. "Ich dachte, die kommen, um ein gescheitertes Monster, einen Typen mit drei Messern im Rücken auf der Bühne zu sehen." Es gab würdelose Angebote und mickrige Gagen, Möbelhaus-Eröffnungen, Firmenfeiern, das volle Programm, bei dem man als Ex-Star seinen Stolz über Bord werfen muss. "Das gehört wohl dazu, wenn man bei der Achterbahn auf Talfahrt ist", sagt Reim. "Das war eine sehr schmerzhafte Zeit - auch, weil der Absturz aus heiterem Himmel kam."

Doch die Krise, sagt er rückblickend, habe ihm ein besseres Leben beschert. "Beruflich wie privat. Mit dem Verlust des Geldes begann für mich nach der ersten bitteren Phase ein glücklicheres Leben, auch wenn das abgedroschen klingt."

Mit dem Spot wolle er auch dokumentieren, dass sich Lebenssituationen wenden können. In Zukunft soll Reims Achterbahn wieder himmelwärts steigen: Wenn es auch, wie er behauptet, keine Gage für den Werbespot gegeben hat, so will Reims Plattenfirma den "Verdammt"-Song nun aufgefrischt erneut auf den Markt bringen.

Als er von der Unterstützung erzählt, die er in Zeiten der Not von der Familie erfuhr, erwähnt Reim einen seiner drei Brüder, Broker in Mailand, der Reims Mallorca-Finca samt Tonstudio unterhält: mit Pool und idyllischem Garten und einem Teich voller japanischer Koi-Karpfen. Ins Prekariat ist Matthias Reim nicht wirklich abgestürzt. Nein, verdammt.

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Matthias Reim: Zum singen verdammt