Die USA und die Markles Royal Knatsch

Die USA waren immer schon fasziniert vom Treiben der früheren Kolonialherren. Doch die königliche Hochzeit löst ganz besonderen Wirbel aus - auch dank Meghan Markles US-Familie.

AFP

Von , New York


Amerikas Klatschzeitschriften haben eine neue Obsession. Nicht abgestürzte Hollywood-Stars, rivalisierende Rapper oder die Kapriolen des Kardashian-Clans - sondern die Royal Wedding. Genauer gesagt: das transatlantische Melodrama drumherum.

"Meghan Markles traurige Hochzeitsprobe - die Inside-Story!", plärrte der "National Enquirer". "Wird Dad sie zum Altar führen?", bangte die "Sun" . Die Paparazzi-Website "TMZ", sonst kein Hort aristokratischer Leidenschaft, widmet der US-britischen Vermählung eine laute Schlagzeile nach der anderen: "Königliche Hochzeitskrise", "Dad kommt nicht", "Yoga-Mom kommt dafür".

Amerika war immer schon seltsam fasziniert vom Treiben seiner früheren Kolonialherren. Doch die Vermählung des US-Starlets Meghan Markle mit Prinz Harry, dem Enkel der Queen, sorgt für einen Wirbel, wie es ihn hier lange nicht mehr gab in der "special relationship" beider Staaten.

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Prinz Harry und Meghan Markle: Verliebt, verlobt, bald verheiratet

Das liegt daran, dass die Braut die erste Amerikanerin, Schauspielerin und Person mit einem schwarzen Elternteil ist, die ins Königshaus einheiratet. Aber auch an Markles Familie, die teils nicht minder schrill ist als die Royals, doch völlig unvorbereitet darauf, wie gnadenlos die Medien sie durch den Schmutz ziehen - eine Tradition der britischen Yellow Press, der sich deren US-Cousins jetzt gierig anschließen.

Während sich Markles schwarze Verwandtschaft vornehm im Hintergrund hält, liefert der weiße Zweig der Familie saftige Schlagzeilen - und nicht immer unverschuldet. Ihr Vater verhökerte Paparazzi-Bilder und bleibt der Hochzeit nun wegen Herzproblemen fern. Ihre Stiefschwester hört nicht auf, unratsame Interviews zu geben. Ihr Stiefbruder nannte die Heirat in einem Brief voller Schreibfehler ein "Fake-Märchen" und riet Harry zur Flucht: "Es ist noch nicht zu spät." (Mehr zur Familie Markle lesen Sie hier.)

Dass die New-Age-Idylle der Markles da schon lange beendet war, war bisher freilich eine Privatangelegenheit gewesen. Der Beleuchter Thomas Markle und die Maskenbildnerin Doria Ragland hatten sich am Set der Seifenoper "General Hospital" kennengelernt. Markle stammte aus einer weißen Arbeiterfamilie, Raglands Vorfahren waren Sklaven. Meghan wurde 1981 geboren, doch schon zwei Jahre später trennten sich die Eltern, 1987 wurden sie geschieden.

Thomas Markle, 73, lebt heute in Mexiko, "als Einsiedler", wie es die "New York Times" beschreibt. Seine angeblich prekären finanziellen Umstände kamen aber erst unter die Lupe, als die Verlobung seiner Tochter offiziell wurde. Die soll lange keinen Kontakt zu ihm gehabt haben. Was an ihrem Erfolg in der Fernsehserie "Suits" gelegen haben könnte, deren siebte Staffel und Markles Rolle (Achtung, Spoiler) mit ihrer TV-Hochzeit endete.

Zuletzt rüstete sich der Vater für die echte Hochzeit, wie im April veröffentlichte Paparazzi-Fotos zeigten. Hanteltraining, Bücher über Großbritannien, das Vermessen eines Anzugs: Die Bilder entpuppten sich als gestellt, Markle habe sich mit bis zu 100.000 Pfund bezahlen lassen, so die Londoner "Daily Mail". Seitdem vermeldet "TMZ" atemlos jeden Wasserstand: Markles beschämtes Geständnis, seine Hochzeitsabsage, seine SMS mit Meghan, seine Doch-wieder-Zusage, seine Herzoperation, seine endgültige Absage, die Meghan Markle selbst bestätigte.

Es ist die Demontage eines Mannes, der den unbarmherzigen Blick der "Royal Watchers" nicht gewohnt ist. Seine Kinder aus erster Ehe, Tom und Samantha, helfen wenig. Tom nennt seine Stiefschwester Meghan eine "dumme, arrogante Frau". Samantha schreibt eine Autobiografie mit dem Titel "Eine Geschichte von zwei Schwestern". Beide sind am Samstag nicht eingeladen.

Für die US-Medien ist all das ein dankbares Thema: Es verbindet die Sensationsgier der Amerikaner mit ihrer skurrilen Begeisterung fürs Königshaus, von dem sie sich einst per blutiger Revolution getrennt hatten. Diese Begeisterung offenbarte sich schon 1981, sechs Tage vor Meghan Markles Geburt, als 17 Millionen US-Zuschauer die Hochzeit von Prinz Charles und Lady Diana mitverfolgten, und 1997, als Dianas Beerdigung doppelt so viele vor die Bildschirme lockte.

Tausendjährige Realityshow mit Krone und Zepter

"Die Amerikaner mögen die Königsfamilie", sagte US-Präsident Barack Obama vor drei Jahren, als Prinz Charles ihn besuchte. "Sie mögen sie viel lieber als ihre eigenen Politiker." Auch wenn deren Clans - die Kennedys, Bushs, Clintons, selbst die Obamas - gern als "American Royalty" präsentiert werden, ist das nicht mehr als Wunschdenken des disneyfizierten US-Bürgertums.

Zumal das Leben der Originale eine reale Seifenoper ist, eine tausendjährige Realityshow mit Krone und Zepter. Kein Wunder, dass Hollywood sie verklärt, mit Filmen wie "The Queen" und "The King's Speech" oder zuletzt mit der Netflix-Serie "The Crown", die mit Elizabeths Jugend begann und irgendwann, in einer späteren Staffel, bei Harry und Meghan landen könnte.

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Royal-Hochzeiten: Hochadel unter der Haube

All das prallt am Samstag aufeinander, die Lust am Glanz und die Lust am Gossip. Jedes US-Network überträgt live, assistiert von Hollywood-Korrespondenten und "Royal Commentators". Es ist der perfekte Eskapismus zu Zeiten, die sonst von düsteren Polit-Nachrichten beherrscht sind: Für ein paar kurze Stunden wird Twitter nur ein Thema haben, und es heißt nicht Trump.

insgesamt 4 Beiträge
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a.maassen 19.05.2018
1. "Royals" gehören ...
... auf die Müllhalde der Geschichte. Und mit Ihnen der ganze Hype der um die Bande gemacht wird.
Akonda 19.05.2018
2. ....wobei nicht vergessen werden sollte....
....dass nicht die Royals diesen "ganzen Hype" machen. Daher sollte man die Dinge einfach laufen lassen und sich entweder dafür interessieren oder aber nicht. Kann doch nicht so schwer sein ;-)
stoffi 19.05.2018
3. Wie dumm sind die Leute eigentlich?
Schon mein Vater sagte:,, das sind alles Parasiten, die nur noch vom dummen Volk leben." Sie haben überhaupt keine Funktion mehr, als zu repräsentieren, denn regieren tun längt Parlamente. Aber für das Wohlergehen dieser sogenannten Hochadligen, werden Unsummen ausgegeben und das Volk jubelt Ich denke da wie er, aber sehr viele Frauen fasziniert diese ,,schöne Idylle" Leute, wir schreiben das Jahr 2018 und nicht 1818.
PaulchenGB 19.05.2018
4. Asterix: Die Briten sind bekloppt
80 % der Bevölkerung sind für die Beibehaltung der Monarchie, warum ein Staatsoberhaupt wählen, wenn die Zustimmung so hoch ist. Und nun haben sich doch sage und schreibe 2000 (Zweitausend) Journalisten einschließlich Fernsehsender aus aller Welt für die Hochzeit von Harry, der kaum eine Chance hat, jemals König zu werden, akkreditieren lassen. Nun ja, die Engländer, die immerhin 0,57 Pfund Sterling pro Person und Jahr für die Royales ausgeben, verfolgen immer ganz genau, was die bereits 66 Jahre „regierende“ Königin, Prinz Charles, Prinz William und sein Bruder Harry, Prinzessin Anne usw. so treiben. Elisabeth II und Prinz Charles kommen allein auf 500 öffentliche Auftritte/Termine pro Jahr. Es vergeht kaum ein Tag, an dem BBC nicht über die Royales berichtet. Von Steinmeier hört man so gut wie Null Komma Null. Und nun die Hochzeit von Harry, die von der Weltöffentlichkeit, höchstwahrscheinlich sitzen mehr als 3 Mrd. Menschen vor den Bildschirmen, verfolgt wird. Okay, die 53 Commonwealth-Staaten mit 2,4 Mrd. meist englischsprechenden Menschen wollen eben auch schauen, was die Royales so machen. Und die Amerikaner haben nach Grace Kelly (Heirat 1956 mit Fürst Rainier/Monaco) und Wallis Simpson (Heirat 1937 mit Ex-König Edward VIII/England) jetzt die Aufmerksamkeit auf Meghan, eine „misch-rassige“ US-Amerikanerin gerichtet. Und die anderen Ländern der Welt, z.B. Deutschland? Ja, da schaut man halt TV mit dem notwendigen Desinteresse. Man will ja schließlich mitreden können und sich über den Pomp und Protz und unnötige Ausgaben aufregen. Sendungen, wie die Geissen’s, Dschungelcamp usw. mit Millionenpublikum werden ja schließlich auch nur deswegen angeschaut, um sich über Promis verächtlich zu mokieren. Geht Otto Walkes ins Camp? Wer kauft eigentlich GALA und BUNTE? Die Engländer jedenfalls stehen zu ihren Royales. In der 1000jährigen Geschichte gab es immer mal wieder auf und ab’s mit „König’s“, der eine und andere Monarch wurde verjagt oder hingerichtet, auch gab es 11 Jahre eine Republik unter Cromwell, aber sein Leichnam wurde exhumiert und einer symbolischen Hinrichtung als Königsmörder unterzogen. Royales sind irgendwie Exoten, die den Briten lieb und teuer sind, zumal die Welt daran Anteil nimmt und Touristen jährlich geschätzte 2.5 Mrd. Pfund Sterling in die britische Kasse spülen. Allein diese Hochzeit beschert der britischen Wirtschaft schätzungsweise umgerechnet 1,13 Milliarden Euro bei Hochzeitskosten von nur 36 Mio €. Da kommt richtig Neid auf. Jede Firma würde in die Hände klatschen bei so einem Kosten-Nutzen-Verhältnis. Warum weltweit so viel kostenlose Werbung für die BREXIT-Insel gemacht wird, verstehe wer will. God save the Queen. Harry, His Royal Highness The Duke of Sussex, Earl of Dumbarton and Baron Kilkeel und Meghan, der zukünftigen Princess Henry of Wales The Duchess of Sussex alles Gute. Hoffentlich stellt sich bald Nachwuchs ein, dann haben wir wieder etwas zu feiern, natürlich mit dem notwendigen Desinteresse und Kopfschütteln.
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