First Lady Das Rätsel Melania

Melania Trump ist das First Model Amerikas. Je weniger sie sagt, desto wichtiger wird, was sie trägt.

AFP

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Das Kleid war hellblau und gut gewählt. Mit einer kurzen Jacke darüber, deren hoher Schalkragen schräg geschlossen wurde. Elegant, ohne Firlefanz. Am Tag der Inauguration verlieh Melania Trump ihrem Mann ein wenig Stil. Denn auch wenn das Protokoll dieser Machtinszenierung keine Kleiderordnung für die First Lady vorsieht, setzt sie mit ihrem Auftritt ein Zeichen.

Dass Melania Trump keine kreischende Farbe wählte, dass sie nicht auftrumpfend sexy erschien, ließ für kurze Zeit die Hoffnung zu, sie könne ihrem Mann vielleicht doch noch vermitteln, dass es eine würdevolle Aufgabe ist, Präsident der USA zu sein. Doch dann kam es zu dieser Szene vor dem Weißen Haus. Die Trumps statteten den Obamas den traditionellen Besuch vor dem Amtswechsel ab. Ihre Limousine hielt, die Autotür wurde geöffnet, Trump stürmte hinaus, die Treppe hoch, kein Gedanke an seine Frau, die noch auf der Rückbank saß. Er half ihr nicht aus dem Wagen, er ließ sie nicht als Erste die Stufen zum Weißen Haus hinaufsteigen. Stattdessen bemühte sie sich, auf hellblauen Pumps irgendwie hinterherzukommen.

Die "Washington Post" hat über Melania Trump geschrieben, sie sei ein wandelnder "Rorschachtest in Louboutins" - ein Rätselbild auf sehr hohen Schuhen, das viele verschiedene Deutungen zulässt. Fast ein Jahr ist seit Trumps Amtseinführung vergangen, und von Melania ist seitdem leider wenig mehr bekannt als im Januar: Sie ist ein Model, und sie sieht gut aus. Sie stammt aus Slowenien. Heerscharen von Reportern reisten in die Kleinstadt Sevnica, um in Interviews mit alten Schulfreunden und Nachbarn irgendetwas über die Vergangenheit der neuen First Lady der USA zu erfahren. Die Recherchen ergaben: Sie sah schon damals sehr gut aus.

Bis zum Sommer blieb Melania Trump in New York wohnen, um ihrem Sohn Barron keinen Schulwechsel mitten im Schuljahr zuzumuten. Wohlwollende Menschen sahen darin einen Hinweis darauf, dass Melania Trump vielleicht eine moderne Mutter ist. Spätestens seit Jackie Kennedy gilt in den USA für eine First Lady die Devise: Stand by your man - steh deinem Ehemann zur Seite, in jeder Situation. Sollte ausgerechnet Melania diejenige sein, die dieses Rollenbild infrage stellt? Vielleicht blieb sie auch deshalb in New York, weil es dort einfach bessere Pilates-Trainer und bessere plastische Chirurgen gibt. Außerdem kann man in New York gut shoppen.

Wochen, Monate gingen ins Land, Melania blieb ein Rätsel. Je weniger sie sagte, desto stärker wurde interpretiert, was sie tat und vor allem: was sie trug. Ein pinkfarbenes Kleid beim Besuch in Saudi-Arabien und keine Kopfbedeckung; zur Papstaudienz wenige Tage später ein schwarzes Spitzenkleid mit Spitzenschleier. War das als politisches Schleier-Signal gemeint? Schwer zu sagen. Wiederum wenige Tage später erschien die First Lady in Italien in einer bunten Jacke von Dolce & Gabbana, die laut einer Nachrichtenagentur rund 50.000 Euro kosten soll. Der erste klare Fehlgriff von Melania Trump.

Als First Lady an der Seite des amerikanischen Präsidenten geht es bei der Kleiderwahl nicht darum, Geschmack zu beweisen. Solange Melania Trump bloß die Ehefrau eines reichen Geschäftsmanns war, schien es ihr und ihm zu genügen, dass sie gut aussah und teure Kleider trug. Vermutlich wurde sie nicht gefragt, ob sie First Lady werden möchte. Und sie kann einem fast schon leidtun dafür, dass sie ausgerechnet auf die fabelhafte Michelle Obama folgte. Doch nun ist sie eine Repräsentantin. Millionen Frauen betrachten sie als Vorbild. Und wenn das wenige, was man von ihr erfährt, ergänzt wird um den Eindruck einer abgehobenen Gattin, die jegliches Maß verloren hat, beschädigt sie das Ansehen ihres Landes.

Es gehört Einfühlungsvermögen dazu, sich angemessen zu kleiden. Nicht zufällig tritt die britische Königin seit Jahrzehnten in Kleidern auf, die der Mode enthoben sind. Für offizielle Anlässe ist der neueste Trend ein schlechter Leitfaden.

Deshalb war ein Tiefpunkt erreicht, als Melania Trump sich in Stilettos auf den Weg nach Texas machte, um den Opfern der Flutkatastrophe zuzulächeln. Sie trug eine Bomberjacke und eine übergroße Pilotensonnenbrille. Die Fotos gingen um die Welt. Die Empörung war groß. In ihr verbarg sich auch Enttäuschung. Es hätte Feingefühl verlangt, bei der Begegnung mit Menschen, die vielleicht ihren gesamten Besitz verloren haben, die um ihre Angehörigen bangen, die richtigen Gesten zu finden.

An der Seite eines empathiefreien Präsidenten läge hier eine Aufgabe. Es ging deshalb um mehr als um Schuhe. Ein halbes Jahr nach der Inauguration signalisierte die stöckelnde Melania Trump der Welt: Von mir könnt ihr nicht mehr erwarten als die neueste Mode.



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