Michael Kessler "Fast alles am Fernsehen ist Fake"

Er parodiert Günther Jauch, Florian Silbereisen und Adolf Hitler. Michael Kessler gehört zu den wandlungsfähigsten Komikern Deutschlands - und den besten. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über seine Riesennase, plumpe Pointen und die Schmerzgrenze bei "Führer"-Witzen.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Kessler, was ist an Adolf Hitler komisch?

Kessler: Der Bart und Scheitel, seine Sprache, Gestik und Mimik - er war eine Karikatur seiner selbst.

SPIEGEL ONLINE: Über Hitler macht man keine Witze, war in Deutschland lange die Parole.

Kessler: Für mich war immer klar, dass man sich auch über dieses Monster lustig machen muss. Ich spiele ihn als intriganten, bösen und dummen Bürofiesling. Allerdings sind wir bei "Switch Reloaded" sehr vorsichtig beim Schreiben der Texte.

SPIEGEL ONLINE: Können Ihre Eltern über Ihre Hitler-Parodie lachen?

Kessler: Nein. Meine Eltern finden das nicht lustig. Jüngere Leute schon - diese Art von Humor ist eine Generationsfrage.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie Florian Silbereisen parodieren, sind Sie fast besser als das Original. Als Sie beide sich bei Kerner mal gegenübersaßen, reagierte Silbereisen vor der Kamera mit Humor. Hinter den Kulissen auch?

Kessler: Ja, er war ganz entspannt. Lustigerweise ließ er vor kurzem verlauten, ich hätte mich nicht getraut, in seine Sendung zu kommen. Stimmt nicht. Ich wahre zu meinen "Opfern" einfach die nötige Distanz und möchte mich mit ihnen nicht verbrüdern.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es für Sie, den wahren Jauchs, Plasbergs und Kloeppels zu begegnen?

Kessler: Ich bin da immer etwas nervös. Schließlich wollen wir niemanden wirklich verletzen. Nach dem großen Erfolg unserer Sendung finden mehr und mehr Promis alles unheimlich lustig - aber das kann ich mir nicht vorstellen. Gut, dass wenigstens Super-Nanny Katharina Saalfrank ihre Parodie ganz und gar nicht witzig findet.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie schon mal für eine Ihrer Figuren gehalten?

Kessler: Beim "Führer" weiß zumindest ein Großteil der Bevölkerung, dass er nicht mehr lebt. Aber als ich neulich als Ranga Yogeshwar durch die Originalkulisse seiner Sendung "Wissen vor 8" gegangen bin, mussten einige am Set zweimal hinschauen. In der "Wochenshow" kaufte ich mal in einem Supermarkt als Alfred Biolek ein. Auch das hat funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Wen würden Sie gern parodieren - können es aber wegen Ihrer Statur oder Physiognomie nicht?

Kessler: Ach, eigentlich geht heute mit unseren tollen Masken fast alles. Ich habe mir etliche neue Charaktere vorgenommen. Wen, werden Sie sehen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es einfacher, jemanden zu parodieren, den man selbst lächerlich findet?

Kessler: Das hilft sehr. Frank Plasberg schätze ich als Journalisten sehr - diese Rolle war schwieriger als Florian Silbereisen, dessen Jodel-Leidenschaft ich nicht teile. Aber wir finden bei jedem Menschen etwas zum Parodieren. Sympathien halten uns von nichts ab, wir nehmen auf niemanden Rücksicht.

SPIEGEL ONLINE: Soll "Switch Reloaded" die Zuschauer zu Medienkritikern machen?

Kessler: Der Zuschauer hat längst gemerkt, wie die Medien heute funktionieren. Um so mehr genießt er die Abrechnung mit den Medien, die wir bei "Switch" für ihn erledigen. "Switch" ist Medienkritik - böse, bissig, scharf.

SPIEGEL ONLINE: Warum lechzt das Publikum nach Parodie?

Kessler: Weil die Qualität des Fernsehens in den vergangenen zwei Jahrzehnten so gelitten hat. Fernsehen ist nicht mehr ehrlich. Fast alles ist Fake. Die Medien entwickeln sich zu wertelosen und gewinnorientierten Gelddruckmaschinen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Ihrer Heimatstadt Wiesbaden, in Zürich, Frankfurt, Bochum und Mannheim als Schauspieler am Theater gearbeitet. War das besser?

Kessler: Nein. Theater ist mir oft zu krank, depressiv, elitär - humorlos. Ich musste mich Regiekonzepten unterwerfen, die ich nicht mittragen wollte. Ich stand drei Stunden mit einer Glatze und einem Fetzen am Leib auf einer schrägen Bühne. Theater muss verzaubern, unterhalten und berühren. Das tut es kaum noch.

SPIEGEL ONLINE: Mit Ihren Kollegen Christoph Maria Herbst und Bastian Pastewka spielen Sie "Männerhort". Ist solches Boulevardtheater nicht zu trivial?

Kessler: Wir spielen modernes Boulevard. Entstaubt und intelligent. Alle Vorstellungen waren ausverkauft, mit viel jungem Publikum. Darüber schreibt das Feuilleton natürlich nicht. Ich spiele für das Publikum. Das ist der Beruf. Darüber sollten viele Theater-"Künstler" mal wieder nachdenken.

SPIEGEL ONLINE: Bastian Pastewka zieht Sie in seiner Sitcom auf, weil sie in "Manta Manta" der Klausi waren. Empfinden Sie diese Kinorolle selbst als Makel?

Kessler: Überhaupt nicht. Das ist ein echter Kultfilm, der noch immer unzähligen Zuschauern Freude bereitet. Das ist doch wunderbar! Ich bin dankbar für die Rolle des Klausi.

SPIEGEL ONLINE: Außerdem verspottet Pastewka Ihre große Nase. Ganz ehrlich: Hätten Sie gern eine andere?

Kessler: Never ever. Ein Kollege hat mich mal gefragt, ob ich mir die so habe machen lassen. Quatsch! Diese Nase gehört zu mir. Über die Sprüche kann ich nur lachen, das kratzt mich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Privatleben riegeln Sie ab. Es ist nur bekannt, dass Sie mal mit Christoph Maria Herbst und Bastian Pastewka in einem Haus lebten ...

Kessler: Ich habe mich dafür entschieden, die Menschen durch mein Können zu unterhalten und nicht durch Skandale und Geschichten aus meinem Privatleben.

SPIEGEL ONLINE: Sie fahren für den RBB TV-Taxi und hatten schon mehr als 700 Gäste auf der Rückbank. Worüber sprechen Sie selbst, wenn Sie in ein Taxi steigen?

Kessler: Ich gucke erst, wer am Lenkrad sitzt. Oft kommen die Fahrer aus der Türkei oder dem Iran. Mich interessiert ihre Herkunft, wie und warum sie nach Deutschland kamen, die politischen Hintergründe. Ich sehe mich aber auch als Kollege - mit dem man auch mal bespricht, wo und wann eine gute Tour zu holen ist.

Das Interview führte Julia Jüttner


"Switch Reloaded": Di, 24.3., 22.10 Uhr, ProSieben



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
JamesClayton 24.03.2009
1. ...
Er ist einer der besten Komiker, den wir hier haben.
Carrie, 24.03.2009
2. ...
Switch gehört zum Besten, was derzeit im Fernsehen läuft. Obwohl ich die Stromberg-Hitler-Parodie zu den weniger lustigen zähle, finde ich es gut, dass es mittlerweile nicht mehr politisch unkorrekt ist, über Hitler zu lachen. Wie gesagt - er war eigentlich eine Parodie seiner selbst.
nvf 24.03.2009
3. bla
Imo die beste Comedy, sofern man es Comedy und nicht Satire nennen will, die auf einem der Privaten läuft. Dagegen stinken RTL und Sat.1 (ich weiß gehört zusammen mit Pro7) gnadenlos ab. Jetzt kann man endlich mal TV-Müll anschauen, sofern von Switch verarscht und drüber lachen, da die oft genauso lustig sind wie die Parodie.
MisterT1982 24.03.2009
4. Theaterkritik
"Nein. Theater ist mir oft zu krank, depressiv, elitär - humorlos. [...] Theater muss verzaubern, unterhalten und berühren. Das tut es kaum noch." Danke, Michael Kessler, für diese leider allzu wahren Worte! Ich kann mir diese modernen Stücke nicht mehr anschauen. Die meisten sind so düster und verkopft. Man muss geradezu Mitleid haben mit den Regisseuren und Dramaturgen, die offensichtlich die ganze Last der Welt auf ihren Schultern zu tragen haben und in einem völlig verkommenen Land leben müssen, das ihren Beitrag zur Gesellschaft nicht zu schätzen weiß und weg bleibt. Da geht das ständige Wehklagen über gekürzte Budgets erst recht auf die Nerven. Warum sollte der Steuerzahler für Veranstaltungen bezahlen, die offensichtlich nur noch eine kleine Elite ins Theater lockt (und auch die vermutlich nur, weil man sich dann besser abgrenzen kann vom normalen Volk)? Der Theaterbetrieb muss sich endlich erneuern und darf keine Angst davor haben, gleichzeitig zu unterhalten und den Finger in die Wunde zu legen, anstatt nur mit platten Skandalen, die den Zuschauer aber längst nicht mehr aufregen, Publikum zu generieren. Wer jetzt denkt, ich wollte nur das Theater schlecht machen, liegt falsch: Ich liebe es! Ich wünschte nur, es hätte mal jemand den Mut, einen echten Könner wie Shakespeare ohne an den Haaren herbei gezogenen Modernisierungen aufzuführen. Nur, wenn Theater "verzaubert, unterhält und berührt", kann es die Liebe des Publikums zurückgewinnen. Und für eine gute Aufführung kann man getrost jeden Kinoblockbuster sausen lassen!
Emil Santinelli 24.03.2009
5. Hitler
Zitat von CarrieSwitch gehört zum Besten, was derzeit im Fernsehen läuft. Obwohl ich die Stromberg-Hitler-Parodie zu den weniger lustigen zähle, finde ich es gut, dass es mittlerweile nicht mehr politisch unkorrekt ist, über Hitler zu lachen. Wie gesagt - er war eigentlich eine Parodie seiner selbst.
Aber über Hitler lacht man doch nun schon seit ca. 60 Jahren! In Deutschland nicht so viel, aber da lacht man ja auch nicht so gerne über sich selbst (z.B. den Hitler in sich selbst), sondern lieber über andere, möglichst schwächere (s.a. Mario Barth, Stefan Raab).
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