Ende einer Doppelgänger-Karriere "Miss Barbies" Angst vor dem Alter

Vor zwei Jahrzehnten tauschte Angela Vollrath ihre Identität - gegen die von "Miss Barbie". Doch Barbie altert nicht, Angela Vollrath schon.

Von Gesa Fritz

Gesa Fritz

Mit dem Wichtigsten platzt sie gleich zur Begrüßung raus: "Ich suche einen Mann", erklärt Angela Vollrath. Später will sie ausführen, wie er sein soll, dieser Mann, den sie so verzweifelt braucht. So viel schon einmal: Er muss Geld haben, viel Geld.

Angela Vollrath hat sich einen Namen gemacht als "Miss Barbie". In der schillernden Welt der Boulevard-Medien war sie lange Stammgast: "Miss Barbie" beim Schaulaufen mit sparsam bekleideten Frauen. "Miss Barbie" verstrickt im Rosenkrieg mit Ex-Freund, Ex-Knacki und Ex-Box-Weltmeister René Weller. Als optisches Beiwerk bei Bällen. Im Trash-Talk. Und immer wieder: "Miss Barbie" halbnackt unterm Skalpell bei einer Schönheitsoperation. Das war früher. Und heute? Heute ist sie alt.

Wie alt genau?

Angela Vollrath lässt sich nicht festlegen: "Nur so viel: Ich bin im Lesebrillen-Alter. Viel zu alt, um noch Barbie zu sein."

Das Lesebrillen-Alter - beginnt es Mitte, Ende 40?

"Tja", sagt sie. "Und ich brauche schon lang eine Lesebrille."

Wie fühlt es sich an, alt zu werden als "Miss Barbie"?

"Furchtbar, ich hasse das, es ist ein einziger Alptraum."

Mit dem Alter zerbröselt ihr Traum von einem sorgenlosen Luxusleben im Jetset.

Angela Vollrath lebt heute in einem kleinen Apartment in Wiesbaden. Die Wohnungstür öffnet sich in jenen Raum, der Küche, Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer zugleich ist. Überall hängen "Miss-Barbie"-Bilder, viele sind vergilbt.

Vor fast zwei Jahrzehnten begann sie, die Rolle als lebende Spielzeugpuppe auszufüllen. Sie ist Perfektionistin, hat sich und ihren Körper für diese Rolle geformt. 1999 wurde sie im ZDF-Fernsehgarten zur "Miss Barbie Deutschland" gewählt.

Die Schule hatte sie ein halbes Jahr vor dem Abitur geschmissen. In Latein und Kunst soll sie gut gewesen sein. "Ein naives, dummes Blondchen bin ich schon mal überhaupt nicht", sagt sie. Statt einer Ausbildung startete sie dann als Go-Go-Girl und Erotik-Model.

Seit drei, vier Jahren ist es sehr still um sie geworden. Auftritte als "Miss Barbie" hat sie heute keine mehr. "Ich will damit aufhören, bevor es peinlich wird", sagt sie.

Die Angst vorm Älterwerden

Angela Vollrath hat auf einem rosa Plastikstuhl Platz genommen. Die kindlich dünnen Beine stecken in einer rosa Hose. Über den schmalen Hüften wirken die von zahlreichen Chirurgenhänden geformten Brüste irritierend groß.

Wie viele Schönheitsoperationen hinter ihr liegen?

"Allein die Lippen wurden siebenmal operiert", sagt sie. Nach dem ersten Eingriff waren sie ihr viel zu dick. Weitere Operationen folgten, gingen schief, sie konnte den Mund nicht mehr ganz schließen. Also legte sie sich wieder unters Messer.

Ihre Brüste wurden mehrfach operiert, auch die Nase. An Hüften, Bauch und Po wurde Fett abgesaugt. Mit Botox kämpft sie bis heute die Falten im Gesicht nieder.

Viel zu oft gab es bei den Operationen Komplikationen. Eine Brust hätte sie fast verloren, ihr Körper sei von Narben gezeichnet, sagt sie. Trotzdem: "Meine Angst, alt auszusehen, ist größer als die Angst vor schiefgelaufenen Operationen." Der nächste Eingriff ist nur eine Frage der Zeit - oder besser: des Geldes.

"Ich lebe von meiner Prominenz"

Geld. Das ist auch so ein Thema. Angela Vollrath erzählt, dass es lange einen sehr reichen älteren Mann gab, der ihr Luxus ermöglicht hat. Dann ist er gestorben und sie geriet in Geldnot. Ein normaler Beruf, jeden Tag zur Arbeit gehen, das kann sie sich nicht vorstellen. "Ich habe doch nie etwas anderes gemacht, als Barbie zu sein", sagt Angela Vollrath. Vor ein paar Jahren verkündete die Regenbogenpresse, dass sie als Prostituierte arbeite. "Nein", sagt sie. "Ich war eine Escort-Lady. Ich wurde an hochkarätige Männer vermietet. Da geht es nicht immer um Sex."

Und wie verdient sie heute ihre Miete? "Ich lebe von meiner Prominenz." Mehr will sie dazu nicht sagen.

Tatsächlich lebt sie zurückgezogen, einsam, verbringt viel Zeit in dem kleinen Appartement. Schon mehrfach hat sie versucht, sich neu zu erfinden. Sängerin wollte sie werden - ihre CD floppte. Werbe-Ikone war auch so ein Traum. Ihre Ideen zur Existenzsicherung heute: Sie hätte gerne eine Klatschkolumne. Oder eine eigene TV-Sendung - Beauty-Beratung oder so. Außerdem wünscht sie sich eine Villa am Meer, tolle Ballkleider, silberne Schuhe.

Klingt alles sehr unrealistisch, schiebt sie hinterher. "Das sind eigentlich Kinderwünsche, oder?"

Dann zückt sie einen vorbereiteten Zettel, greift ihre schwarz gefasste Lesebrille und liest vor: "Ich suche einen stattlichen, niveauvollen Mann. Er muss nicht schön sein. Nur reich, großzügig und humorvoll sollte er sein. Und gut zu mir. Er soll mich behandeln wie eine Prinzessin und mir ein angenehmes Leben bieten."

Vielleicht ist das von all ihren Träumen jener, der am ehesten wahr werden kann.



© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.