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Polanski-Opfer Geimer: "Ich würde lieber den Abend mit Roman noch einmal erleben"

Samantha Geimer: "Niemals so traumatisiert, wie die Leute das gern wollten" Zur Großansicht
REUTERS

Samantha Geimer: "Niemals so traumatisiert, wie die Leute das gern wollten"

Als Samantha Geimer 13 war, verging sich Regisseur Roman Polanski an ihr. Nun äußert sich die heute 50-Jährige im SPIEGEL zu dem Fall: Sie habe weniger unter der Tat gelitten als unter der ihr zugedachten Opferrolle.

Hamburg - Samantha Geimer sieht sich nicht als Opfer von Regisseur Roman Polanski, sondern als Opfer der Justiz, der Öffentlichkeit und der Medien. "Ich würde lieber den Abend mit Roman noch einmal erleben als das Verhör vor Gericht", sagte die 50-Jährige im SPIEGEL-Gespräch.

1977 hatte Polanski Geimer, damals 13, während eines Fototermins sexuell missbraucht. Geimer schwieg jahrzehntelang zu dem Thema. Nun hat sie sich im SPIEGEL erstmals öffentlich in Deutschland äußert. Sie habe weniger unter der Tat als unter der ihr bis heute zugedachten Opferrolle gelitten, sagt Geimer: "Ich war niemals so am Boden zerstört und traumatisiert, wie die Leute das gern wollten."

Polanski, der inzwischen 80 Jahre alt ist, habe sich damals schuldig bekannt und sei für 42 Tage ins Gefängnis gegangen. Das sei mehr als genug Strafe für das, was er ihr angetan habe.

Weil ihm eine langjährige Haftstrafe in den USA drohte, setzte sich Polanski nach Frankreich ab, wo er als französischer Staatsbürger sicher war und einer weiteren Strafe entging. Im September 2009 wurde er in der Schweiz festgenommen, unter Hausarrest gestellt, dann aber doch nicht ausgeliefert in die USA. Zu Polanskis jahrzehntelanger Flucht vor der US-Justiz sagte Geimer: "Ehrlich gesagt, ich kann das verstehen."

Als Polanski 2009 in der Schweiz erneut festgenommen wurde und in Auslieferungshaft kam, empfand Geimer nach eigener Aussage keine Genugtuung. "Ich bin jeden Morgen aufgewacht und dachte: Oh Gott, Roman ist Mitte 70. Er hat Kinder. Das ist grauenhaft."

Der Regisseur hatte die 13-jährige Geimer am 10. März 1977 in Los Angeles zum Alkohol- und Drogenkonsum animiert und gegen ihren Willen Sex mit ihr gehabt. "Dafür gibt es keine Rechtfertigung", sagt Geimer. Dennoch mahnt sie, man müsse Polanskis Verhalten im Kontext der in den siebziger Jahren in fortschrittlichen Kreisen propagierten Sexualvorstellungen sehen.

Sie erinnerte auch an große Hollywood-Filme der siebziger Jahre wie "Taxi Driver", "Pretty Baby" oder Woody Allens "Manhattan", die sehr junge Mädchen zum Sexualobjekt machten. "Die Sexualisierung von Mädchen in meinem Alter war Mainstream. Es war überall."

Auch in Hinblick auf die Pädophilie-Debatte der Grünen in Deutschland warnt Geimer vor einer ahistorischen Betrachtungsweise: "Erotische Erfahrungen wurden als etwas Förderliches betrachtet. Man glaubte auch, dass die emotionale Reife durch eine weiter ausgedehnte - oder auch frühe - Sexualität gefördert wurde." Im Jahr 2009, 32 Jahre nach der Tat, habe Polanski sich schließlich in einem Brief bei ihr entschuldigt, berichtete Geimer dem SPIEGEL.

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Roman Polanski
Biografie
Roman Polanski wurde am 18. August 1933 in Paris geboren. 1936 zogen seine jüdischen Eltern mit ihm nach Krakau. Seine Mutter kam in Auschwitz ums Leben, sein Vater überlebte den Holocaust in einem KZ, er selbst wurde von einem katholischen Bauern vor den Nazis in einem Stall versteckt. Nach dem Abitur studierte Polanski zunächst Malerei, Bildhauerei und Graphik an der Kunstakademie von Krakau und arbeitete nebenher als Schauspieler.

Später wechselte er an die Filmhochschule in Lodz, wo er für seinen Abschlussfilm "Zwei Männer und ein Schrank", in dem er selbst mitspielte, fünf internationale Preise erhielt. Anschließend drehte Polanski mehrere Filme unter anderem in Polen und Frankreich, bevor er in die USA emigrierte. 1968 gab er mit "Rosemaries Baby" sein Hollywood-Debüt. Der Film bescherte ihm zwei Oscar-Nominierungen, einen für die beste Regie und einen für das beste Drehbuch, das ebenfalls von Polanski stammte. 1975 erlangte Polanski die französische Staatsbürgerschaft.

Seit seiner Flucht nach Frankreich vor einem Prozess wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen lebt der Regisseur überwiegend dort und in Polen. Ende September 2009 wurde Polanski deswegen bei der Einreise in die Schweiz festgenommen. Er befand sich dort bis Juli 2010 unter Hausarrest. Die Schweizer Justizministerin erklärte schließlich, der Regisseur werde nicht an die USA ausgeliefert und könne sich fortan frei bewegen.
Privates
Nach erster Ehe mit der Schauspielerin Barbara Lass heiratete Polanski 1968 die junge Schauspielerin Sharon Tate. Tate fiel am 8. August 1969 hochschwanger im Haus, das sie mit Polanski bewohnte, in Los Angeles einem grauenvollen Verbrechen der Manson-Family, einer okkulten Hippie-Sekte um den Folkrock-Musiker Charles Manson zum Opfer.

1977 wurde Polanski beschuldigt, ein 13-jähriges Mädchen mit Drogen und Alkohol im Haus von Jack Nicholson gefügig gemacht und dann zum Sex gezwungen zu haben. Polanski wurde daraufhin verhaftet. Während des Verfahrens floh er aus Angst vor einer Verurteilung 1978 nach Frankreich und kehrte nie mehr in die USA zurück. Heute ist Polanski mit der 30 Jahre jüngeren Schauspielerin Emmanuelle Seigner verheiratet, mit der er zwei Kinder hat.

Der Regisseur hat sich bei seinem damaligen Opfer entschuldigt, und die inzwischen 45-Jährige hat ihm öffentlich verziehen. Trotzdem scheiterten Polanskis bisherige Anträge bei Gericht, das Missbrauchsverfahren einzustellen. Nach wie vor droht ihm eine mehrjährige Haftstrafe, da der Tatbestand der Vergewaltigung in den USA nicht verjährt.
Berufliches Wirken
Polanski wirkte während seines Studiums bereits als Schauspieler und Regieassistent. Mit seinen Arbeiten als Regisseur und Drehbuchautor mehrerer Kurzfilme (1958 und 1960) konnte er schließlich jenseits der polnischen Landesgrenzen erstes Interesse erregen. Obwohl 1961 bereits in Paris wohnhaft, drehte er seinen ersten Spielfilm "Das Messer im Wasser" wieder in Polen. Der Film wurde jedoch von der staatlichen Kulturbehörde und der Fachkritik abgelehnt, in den meisten westlichen Ländern hingegen als Sensation gefeiert.

Einen silbernen Bären erhielt er 1965 für "Ekel" mit Cathérine Deneuve und einen goldenen für "Wenn Katelbach kommt" im darauf folgenden Jahr. International bekannt wurde er vor allem mit dem Horror-Streifen "Rosemaries Baby" (1968). Es folgte die Verfilmung von literarischen Stoffen wie "Macbeth" im Jahr 1971 und "Tess", eine Adaption des viktorianischen Romans von Thomas Hardy (1980) mit Nastassja Kinski in der Hauptrolle. Nach dem Flop mit "Piraten" (1986) gelang Polanski mit dem Thriller "Frantic" ein ansehnliches Comeback. Große Beachtung fand auch sein 1995 gedrehter Film "Der Tod und das Mädchen" nach dem gleichnamigen Theaterstück von Ariel Dorfman und "Der Pianist" mit Adrien Brody aus dem Jahr 2002 über das Leben des polnischen Pianisten und Komponisten Wladyslaw Szpilman während der NS-Zeit. Brody erhielt für seine Leistung in dem Holocaust-Drama 2003 den Oscar als bester Hauptdarsteller.

Neben seiner Filmarbeit ist Polanski immer wieder für das Theater, sowohl als Regisseur wie als Bühnenschauspieler, tätig.

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