Model mit 65: "Männer halten fit!"

Eveline Hall ist eines der derzeit gefragtesten Models in Deutschland - im Alter von 65 Jahren. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht die Hamburgerin über Konkurrenzkämpfe, hartes Training für eine gute Figur und ihre Vorliebe für Königsberger Klopse.

Eveline Hall: "So viele bösartige Wettbewerbe" Fotos
obs/ P&G

"Das ist eine junge Alte", scherzt Ted Linow, Mitbegründer von Mega-Models, einer der größten Model-Agenturen Deutschlands, über seine derzeit gefragteste Mitarbeiterin: Eveline Hall. Sie hat die Maße 84-60-90, Konfektionsgröße 36 und ist 1,74 Meter groß. Für die Modewelt ist das eher Durchschnitt. Doch Eveline Halls Alter ist das nicht: Die Hamburgerin ist 65 Jahre alt.

Scheu betritt Eveline Hall das Büro ihres Agenten. Sie ist eine aparte Schönheit, die sich anmutig bewegt. Lächelnd streckt sie zur Begrüßung ihre Hand aus. Ihre blauen Augen leuchten unter silberfarbenem Lidschatten. Sie trägt enge Jeans. Ihre langen, grauen Haare fallen auf einen transparenten, enganliegenden grauen Rollkragenpullover.

Im Alter von 60 Jahren suchte sich Eveline Hall - ausgebildete Balletttänzerin und Schauspielerin - eine Agentur, weil sie "noch ein bisschen was machen will". Sie warb seither für Produkte für die ältere Generation, aber der Durchbruch kam mit ihrem Auftritt bei der Fashion Week vergangene Woche, als sie für Michael Michalsky über den Laufsteg schwebte. Seither häufen sich bei Ted Linow die Anfragen. "Mit der Resonanz habe ich nicht gerechnet", sagt Eveline Hall. Mit 65 Jahren will sie jetzt noch einmal richtig als Model durchstarten.

SPIEGEL ONLINE: Frau Hall, was war das für ein Gefühl, bei der Fashion Week in Berlin zwischen all den jungen Models zu stehen?

Eveline Hall: Es war eine wunderbare Atmosphäre! Sie waren süß zu mir. Ich wurde ja nicht wie eine Alte geschminkt, sondern wie die jungen auch. Ich glaube, ich habe ihnen dadurch eine Perspektive gegeben, wie es in diesem Beruf auch gehen kann: Dass man eben auch im Alter damit Geld verdienen kann.

SPIEGEL ONLINE: Kein unerträglicher Konkurrenzkampf hinter den Kulissen?

Hall: Ich habe mein ganzes Leben lang in Konkurrenz gelebt - als Tänzerin und als Schauspielerin. Der alljährliche Kampf, wer beim Schwanensee tanzen darf. Oder wer bei Theaterstücken die Hauptrolle bekommt. Es waren so viele so bösartige Wettbewerbe, die ich überstanden habe, dass man sich wundert, dass ich das überlebt habe. Ohne meine Eltern hätte ich das wohl auch nicht. Ich habe mehr Tränen vergossen, als in die Alster passen. Das möchte ich nicht mehr erleben.

SPIEGEL ONLINE: Kann man diese Konkurrenzkämpfe nicht in den Griff bekommen?

Hall: Nein. Ich wurde als 15-Jährige zur Solo-Balletttänzerin aufgebaut, da kann man den Neid an der Stange riechen. Der Druck, dass Tänzer in einer relativen kurzen Zeitspanne so viel wie möglich erreichen müssen, ist unerträglich. Und Tänzer ist einer der wenigen Berufe, in denen man nicht lügen kann. Nur die Besten kommen weiter. Wer nicht gut ist, fliegt raus und alles war vergeblich. Da ist der Konkurrenzkampf auf dem Laufsteg nichts dagegen.

SPIEGEL ONLINE: Mit 26 Jahren - auf dem Höhepunkt Ihrer Tanzkarriere - sind Sie 1971 vom klassischen Ballett in die Glitzer-Welt von Las Vegas gewechselt. Wie haben Sie das damals erlebt?

Hall: Ich tanzte dort in der berühmten Bluebell-Gruppe im Lido, arbeitete mit Siegfried und Roy zusammen. Das war das komplette Gegenteil: Da kommst du in eine Garderobe mit 40 bildschönen Frauen und alle sind lieb zu dir, keiner sieht dich als Konkurrentin. Die Frauen sind nicht verbissen, sondern hilfsbereit und haben meistens unheimlich viel Humor. Der geht uns Deutschen ja grundsätzlich eher ab. Ich lernte eine ganz andere Art von Tanz. Ich war vorher noch nie auf hohen Schuhen gegangen, ich lernte, mich in aufwendigen Kostümen zu bewegen - so wie auf einem Laufsteg. Für mich war diese Ära so wie es André Heller einmal sagte: "Das war eine Zeit aus erster Qualität wie echte chinesische Seide."

SPIEGEL ONLINE: Sie feierten nach der Show mit Stars bis in die frühen Morgenstunden. Wie darf man sich solche Partys vorstellen?

Hall: Wir Tänzerinnen nannten uns Gypsys, brauchten kein Geld, weil wir überall eingeladen wurden. Las Vegas war damals eine kleine Stadt, in der Showszene kannte jeder jeden und da saß man abends eben mit Barbra Streisand, Diana Ross, Elvis Presley und Tina Turner an der Bar. Ich kann rückblickend nur sagen: Was hab ich nur für Schwein gehabt, damals dabei sein zu dürfen!

SPIEGEL ONLINE: Ausschweifende Partys traut man Ihnen gar nicht zu.

Hall: Oh doch! Ich bin meist die Letzte, die geht. Ich trinke nur keinen Alkohol, außer ein Glas Wein zum Essen. Ich muss auf meinen Körper achten, der ist nun mal mein Kapital. Ich habe ja nicht umsonst jeden Tag dafür trainiert.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist vermutlich auch kalorienreiches Essen tabu?

Hall: Ich liebe Essen. Ich war sieben Jahre lang mit einem französischen Koch liiert. Und ich weiß, es klingt peinlich, aber es stimmt wirklich: Ich kann essen so viel ich will, ich nehme kein Gramm zu. Wenn es anders wäre, äße ich natürlich auch weniger.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht liegt es eher daran, dass Sie noch immer täglich trainieren?

Hall: Das stimmt. Ich trainiere jeden Tag 45 Minuten. Für mich ist das wie Zähneputzen, das gehört fest zu meinem Tagesablauf dazu. Ich will, dass mein Körper so bleibt wie er ist. Außerdem lerne ich jeden Tag eine Stunde Englisch und eine Stunde Französisch, aus Angst, die Sprachen zu verlernen.

SPIEGEL ONLINE: Sie trainieren mit Zehn-Kilo-Gewichten - und gemeinsam mit Ihrer 89-jährigen Mutter. Wie funktioniert das?

Hall: Meine Mutter ist meine beste Freundin, sie wird bald 90. Sie tanzte selbst im Admiralspalast in Berlin und sagt immer zu mir: "Püppi, wir wollen noch ein bisschen mitmischen, mehr nicht." Ich lege sie auf den Boden und reiche ihr die Gewichte, danach macht sie ihre Tanzübungen.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben mit Ihrer Mutter zusammen. Wer kocht für wen?

Hall: Mami für mich. Sie macht die beste Hausmannskost überhaupt, ihre Königsberger Klopse sind nicht zu toppen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie je darüber nachgedacht, sich für Ihr Äußeres unters Messer zu legen?

Hall: Nein, niemals. Wer das Bedürfnis hat, soll das tun, ich verurteile das nicht. Ich selbst bin ein Angsthase. Ich setze mich in meinem hohen Alter doch keiner Narkose aus, wenn ich es nicht brauche. Außerdem werde ich dem lieben Gott nicht ins Handwerk pfuschen, nachdem er jahrzehntelang so gut zu mir war.

SPIEGEL ONLINE: Was nervt Sie besonders, wenn andere Ihr Aussehen kommentieren?

Hall: Wenn die Leute sagen, ich sähe jünger aus. Das stimmt einfach nicht. Ich habe vielleicht eine tolle Figur, sehe schöner aus als andere 65-Jährige - und das ist harte Arbeit. Aber ich sehe nicht jünger aus, als ich bin, und das will ich auch gar nicht. Man kann sich sexy machen, elegant, attraktiv - aber nicht jung.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Ihr Aussehen und Ihr Beruf harte Arbeit sind, woran haben Sie Spaß im Leben?

Hall: An gutem Essen und an Männern. Mit ihnen auszugehen gehört zu meinem Fitnessprogramm. Männer halten fit! Es macht einfach Spaß, sich umgarnen zu lassen, ich genieße das. Und da ich nicht noch einmal heiraten will, bin ich auch ganz locker.

SPIEGEL ONLINE: Woran ist Ihre Ehe mit David Hall, einem Cherokee-Indianer, gescheitert?

Hall: David war der schönste Mann, den ich je gesehen habe. Gemeinsam waren wir ein wunderschönes Paar. Er hat eine faszinierende Ruhe ausgestrahlt. Aber ich fühlte mich bei ihm eingesperrt wie in einem Käfig. Als er mich nach Hamburg begleitete, wo ich arbeiten musste, hieß es immer nur: "I'm so alone." Er ließ mir keinen Raum.

SPIEGEL ONLINE: Sie ließen sich nach sieben Jahren scheiden. Wie ist Ihr Verhältnis heute?

Hall: Ich suche ihn über die amerikanische Botschaft. Ich habe ihn noch einmal gesehen, das war 1995. Seither nicht mehr. Ich habe nie einen Mann so geliebt wie ihn. Er war meine große Liebe und mein erster Mann.

SPIEGEL ONLINE: Was würde er sagen, wenn er Sie noch mit 65 über den Laufsteg schweben sehen würde?

Hall: Ich weiß es nicht. Ich selbst darf darüber nicht nachdenken, dass ich schon 65 bin, bevor ich den Laufsteg betrete. Sonst könnte ich das gar nicht.

Das Interview führte Julia Jüttner

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Zur Person
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Eveline Hall, 1945 in Greifswald geboren, wuchs in Hamburg auf. Ihre Mutter war Tänzerin, ihr Vater der Berliner Schauspieler Kurt Klopsch ("Stahlnetz", "Tatort"). Eveline ließ sich zur Balletttänzerin ausbilden, rackerte sich unter Rolf Liebermann hoch zur Solistin an der Staatsoper Hamburg. Mit 26 Jahren ging sie nach Las Vegas, tanzte dort in der berühmten Bluebell-Gruppe im Lido. Zurück in Hamburg trat sie in Musicals auf. Mit 32 Jahren nahm sie Schauspielunterricht, spielte Shakespeare, Arthur Miller und den Kaiser Wilhelm, am Thalia in Hamburg, in Basel und Wien. 1990 nahm sie zusätzlich Gesangsunterricht, zog nach Paris, erlernte die Kunst der Chansons. 2003 kehrte sie an die Elbe zurück.