Münchner Millionärsmesse: Geld verbrennen wie die Profis

Von , München

Eine Edelyacht ist im Angebot, ein diamantenbesetztes Kopfkissen - und ein Superluxusedelklohäuschen: Auf der Münchner "Millionaire Fair" findet die reiche und neureiche Gesellschaft alles, was sie zum Leben nicht braucht. Hat da etwa jemand "Finanzkrise" gesagt?

München – Es regnet in Strömen. Unterm schützenden Vordach singt ein Mann mit weiß gebleichten Haaren und Dauergrinsen vom Sommerwind, der vom Meer her bläst. Und eine junge Frau schickt sich an, das Rote-Teppich-Sternchen des Abends zu werden. Jacke aus, darunter violettes Kleid, tief ausgeschnittenes Dekolleté.

Die Fotografen rufen "Hey" und lassen es blitzen. Sie beugt sich vor und zurück. Die Fernsehleute halten ihre Mikros hin. Sie legt ihren Kopf nach rechts, nach links. Schmollmund. Wer sie ist? "Niemand", sagt einer. Doch da verteilt sie schon ihre Visitenkarten.

So beginnt sie, die Millionärsmesse auf dem Münchner Messegelände. Zur VIP-Night versammeln sich die wichtigen Persönlichkeiten, die noch niemand kennt.

Pelzjäckchen werden präsentiert

Sie haben das Privileg, die ersten zu sein auf den 16.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche in Halle A6. Nach Amsterdam, Shanghai und Moskau ist die "Millionaire Fair" nun auch nach Deutschland gekommen. Natürlich in die Bussi-Bussi-Metropole an der Isar. Pelzjäckchen werden da präsentiert, frisch Operiertes mit durchgedrücktem Kreuz zur Schau gestellt. Weißbehandschuhte Diener geleiten Damen und Herren nach drinnen. Es ploppen die Champagner-Korken, man lehnt sich illuminiert vom Blitzlicht an rote Roadster der Marke Ferrari, Männer versammeln sich vor einem Trommelkünstler auf Riesenbildschirm mit Riesenlautsprechern. Nebenan singt ein Tenor mit Puccinis "Vincero!" dagegen an. Es ist ein Abend für echte Sieger.

Denn am nächsten Tag kommt neben den Millionären auch das Volk zur Luxusmesse. Für 39 Euro darf man staunen, was sich die oberen Zehntausend alles so gönnen können. Zum Beispiel eine mit Hunderten von Diamanten besetzte Bettdecke plus Kissen für 300.000 Euro. Oder gleich ein goldenes Bett mit integriertem - natürlich vergoldetem - Flachbildschirm am Fußende.

Es gibt Autos von Lamborghini, Maserati, Ferrari und Audi. Und eine Art Luxus-Toi-Toi-Klohaus, die "exCLOsiv Event-Toiletten". Ein Künstler bietet 3D-Ganzkörperstatuen der Kunden an. "Stellen Sie sich vor, Sie und Ihre Frau stehen in Ihrer eigenen Empfangshalle", wirbt er. Ein anderer bietet mit 23-Karat-Blattgold überzogene Zigarren an. Das Stück zwischen 300 und 500 Euro. Für die Frauen gibt es 100-Euro-Zigarillos, in jedem hundertsten versteckt sich ein Brillant. Und am anderen Ende der Halle steht natürlich auch eine Luxusyacht, für 500.000 Euro. Plus Mehrwehrtsteuer, versteht sich.

Die Finanzkrise? Der Welternährungstag am Donnerstag? Die Commerzbank hat einen Stand auf der Luxusmesse, Fragen zu den Finanzmärkten aber lehnt man freundlich ab. Andere bieten eine "Millionär-Police" an. Bei einem Anfangsinvestment von 607.000 Dollar könne man sich bei einer maximalen Laufzeit von vier Jahren schließlich eine Million auszahlen lassen. "Millionaire-Fair"-Geschäftsführer Klaas Obma setzt nach der Katastrophe am Finanzmarkt sogar auf einen positiven Effekt: "Die Kunden sagen eher, ich traue meiner Bank und meinen Aktien nicht mehr." Da kaufe man sich jetzt lieber ein schönes Stück, das man sich schon lange wünsche.

Draußen protestieren ein paar Leute vom Münchner Sozialforum unter dem Motto "Euer Reich-Tun kotzt uns an". Drinnen gibt es einen Stand, bei dem man Sicherheitsglas ordern kann, dass sogar Maschinengewehrfeuer widersteht. Zur Illustration hängt ein deutsches G3-Sturmgewehr daneben.

Oliver Pocher in Kroko-Lederjacke

Die Imitation eines solchen hält nun auch Oliver Pocher in Händen. Der Blödelbarde zieht in Kroko-Lederjacke und Cowboy-Stiefeln durch die Halle, drängt sich auf Fotos mit Messe-Hostessen: "Mach dich doch oben rum mal 'nen bisschen frei", geht er eine von der Seite an. Das koste aber was, entgegnet sie. Er: "30 Euro hab' ich auch noch." Nein, sagt sie, unter drei Millionen gehe da gar nichts. Die Münchner Luxusmesse - sie erscheint als Karikatur ihrer selbst.

Mit 20.000 Besuchern rechnen die Veranstalter bis Sonntag, am ersten Tag jedoch herrscht auf den Gängen von Halle A6 nur wenig Betrieb. Ein Aussteller findet es hier "einfach nur provinziell". Der "Geist der Idee vom Luxus" komme nicht wirklich rüber, den Veranstaltern scheine es darum zu gehen, sich am Luxus zu bereichern. Die Finanzkrise und die Armut mancher Menschen tue ihm leid. Er helfe, in dem er den "biblischen Zehnten" seines Einkommens an wohltätige Einrichtungen gebe, sagt er. Aber Luxus als Symbol von Macht werde wohl "erst sichtbar, wenn die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird".

Nebenan am Maserati-Stand stehen Mutter und Sohn. Nur knapp über 100.000 Euro koste der schnittige Wagen, sagt der Sohn. Das sei nicht wirklich teuer, immerhin komme die ganze Elektronik von Bosch und der Motor von Ferrari.

Und sonst? Klar, die Finanzkrise draußen und hier die "Schickimickiveranstaltung". Aber andersrum: Es würden eben auch Firmen ausstellen, die Arbeitsplätze im Inland schaffen und zudem den Leuten Hilfe anbieten. Da sei etwa der Zahnarzt, der zusätzlich zu den dentalen Notwendigkeiten ein Rundum-Sorglos-Paket mit 5-Sterne-Übernachtung und Wellness anbiete: "Da wird den Angstpatienten wirklich geholfen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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1. Dekadenz
Zyklotron 17.10.2008
Abstoßend. Man kann Geld auch sinnvoller "verschwenden".
2. Unfassbar
Basti1979 18.10.2008
Diese Messe ist ein Verbrechen. Die Welt nippelt ab und einige Herrschaften haben nichts besseres zu tun, als so einen Blödsinn. Das zeigt die Verantwortungslosigkeit bestimmter Kreise ganz drastisch!
3. Schoen,
suum.cuique 18.10.2008
dass es immer noch findige Geschaeftsleute gibt, die es schaffen, Neureichen und anderen dekadenten Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen und damit selber ein Stueck vom Kuchen abzubekommen. Eine Geschaeftsidee fuer Hartz-IV-ler: Bestickt gueldene Kissen!
4. Lächerliche Veranstaltung
Tobermory 18.10.2008
Zitat von sysopEine Edelyacht ist im Angebot, ein diamantenbesetztes Kopfkissen - und ein Superluxusedelklohäuschen: Auf der Münchner "Millionaire Fair" findet die reiche und neureiche Gesellschaft alles, was sie zum Leben nicht braucht. Hat da etwa jemand "Finanzkrise" gesagt? http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,584855,00.html
Solides Publikum wird man da bestimmt nicht treffen. Welcher Millionär, der sein Geld nicht im Lotto oder beim Drogenhandel verdient hat, braucht so eine Messe? Was ist denn inzwischen ein Millionär? Hat er eine Million, dann tut er gut daran, die auf einem Festgeldkonto zu bunkern. Jährlicher Ertrag 50.000.- € vor Steuern. Nach Steuern bleibt da nicht viel für Luxus übrig. Davon kann er gerade mal für sich und seine Frau eine einigermaßen komfortable Alterspflege kaufen und wird dennoch seinen Kapitalstock angreifen müssen. Die Leute, die einige Millionen und etwas Kultur haben, brauchen doch bestimmt keine Anleitung, wo man Luxusgüter kauft. Ich kenne die Liste der Aussteller nicht, aber vermute mal, dass allein in den Läden in Maximilianstraße in München mehr "Pulver" zu sehen ist, als auf dieser obskuren Veranstaltung. Wie man hört, ist die Messe ja für jeden zugänglich. Man rechnet mit 20.000 Besuchern. Den mittelständischen Unternehmer, der für seine Millionen hart gearbeitet hat, wird man dort sicher mit der Lupe suchen müssen. Ich war in der glücklichen Lage, Millionäre als Eltern zu haben. Wenn ich als Kind von meinen Eltern ins Restaurant mitgenommen wurde, dann waren das in 95% der Fälle keine Luxusrestaurants, sondern ganz einfache Lokale auf dem Land, wo meine Eltern nicht erkannt wurden, sondern ihre Ruhe hatten. Das war allerdings noch zu einer Zeit, als man mit gewissem Recht jeden Besitzer eines S-Klasse Mercedes für einen Millionär halten konnte. Also parkte man den Wagen unauffällig. Luxus war für mich, dass ich nie billige Schuhe oder Kleidung tragen musste. Aber diese Attribute waren alles andere als modisch. Jeans habe ich nie besessen, ich bin in Cord- und Flanellhosen aufgewachsen. Klar, es gab auch Luxus. Meine Mutter besaß schon vor vierzig Jahren eine Hermes-Tasche. Um so etwas zu kaufen, musste man nach Paris fahren. In Deutschland kannte das damals niemand, also fiel man damit auch nicht auf. Eine Tasche von Goldpfeil wurde schon eher der Millionärin zugerechnet. Als ich 1962 nach einem Aufenthalt in der Schweiz mit einem Lacoste-Hemd nach den Sommerferien in meiner Klasse auftauchte, haben sich alle köstlich amüsiert. Ein Krokodil auf dem Hemd? Lächerlich. Hermes, Lacoste sind inzwischen ziemlich sozialisiert und zumindest als Fakes für jeden verfügbar. Die wirklich Reichen (ich kenne einige) werden sich bestimmt nicht auf dieser obskuren Messe informieren. Die arbeiten hart und brauchen keine "diamantenbesetzte Kopfkissen". Die meisten haben auch ein ausgeprägtes soziales Gewissen, das sie von dem Besuch einer solchen Veranstaltung abhält, die mit Recht von Menschen, die in ärmlichen Verhältnissen leben, als pure Provokation empfunden wird.
5. Reich-Tun
alsur99 18.10.2008
Auch in solchen Veranstaltungen fallen sie rum - die Entscheidungsträger in Sachen Weltwirtschaft. Wahrscheinlich mehr davon als man glaubt. Da sollte man sich einfach nur wundern, warum Finanzkrisen nicht jedes Jahr auftreten. Und das Wohlergehen Milliarden kleiner Leute liegt in den Händen solcher Protzdoofis. Arme Welt. Ich weiß, ich bin ja nur neidisch ...
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