Von Sebastian Fischer, München
München – Es regnet in Strömen. Unterm schützenden Vordach singt ein Mann mit weiß gebleichten Haaren und Dauergrinsen vom Sommerwind, der vom Meer her bläst. Und eine junge Frau schickt sich an, das Rote-Teppich-Sternchen des Abends zu werden. Jacke aus, darunter violettes Kleid, tief ausgeschnittenes Dekolleté.
Die Fotografen rufen "Hey" und lassen es blitzen. Sie beugt sich vor und zurück. Die Fernsehleute halten ihre Mikros hin. Sie legt ihren Kopf nach rechts, nach links. Schmollmund. Wer sie ist? "Niemand", sagt einer. Doch da verteilt sie schon ihre Visitenkarten.
So beginnt sie, die Millionärsmesse auf dem Münchner Messegelände. Zur VIP-Night versammeln sich die wichtigen Persönlichkeiten, die noch niemand kennt.
Pelzjäckchen werden präsentiert
Sie haben das Privileg, die ersten zu sein auf den 16.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche in Halle A6. Nach Amsterdam, Shanghai und Moskau ist die "Millionaire Fair" nun auch nach Deutschland gekommen. Natürlich in die Bussi-Bussi-Metropole an der Isar. Pelzjäckchen werden da präsentiert, frisch Operiertes mit durchgedrücktem Kreuz zur Schau gestellt. Weißbehandschuhte Diener geleiten Damen und Herren nach drinnen. Es ploppen die Champagner-Korken, man lehnt sich illuminiert vom Blitzlicht an rote Roadster der Marke Ferrari, Männer versammeln sich vor einem Trommelkünstler auf Riesenbildschirm mit Riesenlautsprechern. Nebenan singt ein Tenor mit Puccinis "Vincero!" dagegen an. Es ist ein Abend für echte Sieger.
Denn am nächsten Tag kommt neben den Millionären auch das Volk zur Luxusmesse. Für 39 Euro darf man staunen, was sich die oberen Zehntausend alles so gönnen können. Zum Beispiel eine mit Hunderten von Diamanten besetzte Bettdecke plus Kissen für 300.000 Euro. Oder gleich ein goldenes Bett mit integriertem - natürlich vergoldetem - Flachbildschirm am Fußende.
Es gibt Autos von Lamborghini, Maserati, Ferrari und Audi. Und eine Art Luxus-Toi-Toi-Klohaus, die "exCLOsiv Event-Toiletten". Ein Künstler bietet 3D-Ganzkörperstatuen der Kunden an. "Stellen Sie sich vor, Sie und Ihre Frau stehen in Ihrer eigenen Empfangshalle", wirbt er. Ein anderer bietet mit 23-Karat-Blattgold überzogene Zigarren an. Das Stück zwischen 300 und 500 Euro. Für die Frauen gibt es 100-Euro-Zigarillos, in jedem hundertsten versteckt sich ein Brillant. Und am anderen Ende der Halle steht natürlich auch eine Luxusyacht, für 500.000 Euro. Plus Mehrwehrtsteuer, versteht sich.
Die Finanzkrise? Der Welternährungstag am Donnerstag? Die Commerzbank hat einen Stand auf der Luxusmesse, Fragen zu den Finanzmärkten aber lehnt man freundlich ab. Andere bieten eine "Millionär-Police" an. Bei einem Anfangsinvestment von 607.000 Dollar könne man sich bei einer maximalen Laufzeit von vier Jahren schließlich eine Million auszahlen lassen. "Millionaire-Fair"-Geschäftsführer Klaas Obma setzt nach der Katastrophe am Finanzmarkt sogar auf einen positiven Effekt: "Die Kunden sagen eher, ich traue meiner Bank und meinen Aktien nicht mehr." Da kaufe man sich jetzt lieber ein schönes Stück, das man sich schon lange wünsche.
Draußen protestieren ein paar Leute vom Münchner Sozialforum unter dem Motto "Euer Reich-Tun kotzt uns an". Drinnen gibt es einen Stand, bei dem man Sicherheitsglas ordern kann, dass sogar Maschinengewehrfeuer widersteht. Zur Illustration hängt ein deutsches G3-Sturmgewehr daneben.
Oliver Pocher in Kroko-Lederjacke
Die Imitation eines solchen hält nun auch Oliver Pocher in Händen. Der Blödelbarde zieht in Kroko-Lederjacke und Cowboy-Stiefeln durch die Halle, drängt sich auf Fotos mit Messe-Hostessen: "Mach dich doch oben rum mal 'nen bisschen frei", geht er eine von der Seite an. Das koste aber was, entgegnet sie. Er: "30 Euro hab' ich auch noch." Nein, sagt sie, unter drei Millionen gehe da gar nichts. Die Münchner Luxusmesse - sie erscheint als Karikatur ihrer selbst.
Mit 20.000 Besuchern rechnen die Veranstalter bis Sonntag, am ersten Tag jedoch herrscht auf den Gängen von Halle A6 nur wenig Betrieb. Ein Aussteller findet es hier "einfach nur provinziell". Der "Geist der Idee vom Luxus" komme nicht wirklich rüber, den Veranstaltern scheine es darum zu gehen, sich am Luxus zu bereichern. Die Finanzkrise und die Armut mancher Menschen tue ihm leid. Er helfe, in dem er den "biblischen Zehnten" seines Einkommens an wohltätige Einrichtungen gebe, sagt er. Aber Luxus als Symbol von Macht werde wohl "erst sichtbar, wenn die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird".
Nebenan am Maserati-Stand stehen Mutter und Sohn. Nur knapp über 100.000 Euro koste der schnittige Wagen, sagt der Sohn. Das sei nicht wirklich teuer, immerhin komme die ganze Elektronik von Bosch und der Motor von Ferrari.
Und sonst? Klar, die Finanzkrise draußen und hier die "Schickimickiveranstaltung". Aber andersrum: Es würden eben auch Firmen ausstellen, die Arbeitsplätze im Inland schaffen und zudem den Leuten Hilfe anbieten. Da sei etwa der Zahnarzt, der zusätzlich zu den dentalen Notwendigkeiten ein Rundum-Sorglos-Paket mit 5-Sterne-Übernachtung und Wellness anbiete: "Da wird den Angstpatienten wirklich geholfen."
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