Museum Shangri-La Wunderland aus Müll und Schrott

Wecker, Teddybären und Madonnen: In dem Museum Shangri-La erhob ein Italiener Schrott und Alltägliches zu Ausstellungsstücken - und zeigte auf einer riesigen Fläche mehr als zwei Millionen Objekte. Ein wunderbarer Wahnsinn!

Cosima und Klaus Schneider/ modo Verlag

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Er sei "für Stunden in Ekstase" gewesen, hätte sich "zwischen all diesen Objekten bewegt, die zu ihm sprachen".

Was klingt wie die Schilderung eines Anfalls von Wahnsinn in einem medizinischen Bericht, ist die Schilderung eines Museumsbesuchers durch einen italienischen Journalisten. Der Mann in Ekstase war Eugenio Montale, späterer Nobelpreisträger und schon bei diesem Besuch 1972 ein literarisches Nationalheiligtum Italiens.

Das Museum, das den Schriftsteller so begeisterte, war ein 5000 Quadratmeter großes Stück Land, bewaldet, uneben, die Ausstellungsstücke hätte man leicht für Müll halten können. Kaffeemühlen, Kuscheltiere, Nippes-Madonnen und etlicher anderer Kram standen dicht an dicht in herrlicher Unordnung drapiert, schmutzig von Staub, voller Spinnenweben, unter mehr schlecht als recht gezimmerten Überdachungen notdürftig vor den Einflüssen der Witterung geschützt. Dennoch entfesselte dieser Ort einen Sturm von Bildern und Assoziationen in dem Lyriker, der seinen Geist lustvoll mal hierhin, dann dorthin tragen ließ.

Der merkwürdige Ort hieß Shangri-La, er wurde von einem einzigen Mann gegründet und mehr als 50 Jahre geführt - als Leiter, Verwalter und Kurator war der Glockenreparateur Pietro Benzi die Seele dieses unglaublichen, unordentlichen Museums.

Das Erbe der Menschheit retten

Anfang der Sechzigerjahre hatte Benzi das Gebiet nahe dem italienischen Städtchen Acqui Terme erstanden. Der Italiener war Zeit seines Lebens Umweltaktivist mit erstaunlicher Weitsicht. So sprach er sich zum Beispiel bereits damals gegen die schädlichen Wirkungen von Asbest aus, während die Allgemeinheit Jahrzehnte länger brauchte, um den gefährlichen Stoff zu verbannen. Mit Fahrrad und Anhänger, später mit einem Pritschenwagen, fuhren seine Frau und er von Hof zu Hof durch das ländliche Piemont und agitierten für den Umweltschutz. Dabei lud er alles ein, was eigentlich auf Müllkippen landen sollte. Benzi wollte nicht weniger, als "die Vergangenheit, das Erbe der Menschheit retten", erinnert sich seine Frau.

Anfänglich sammelte er Werkzeuge und Maschinen. Dann dehnte er sein Interesse aus, auf Möbel, Schlüssel, Mausefallen, Marionetten und vieles mehr. Schließlich fanden sich in Shangri-La kaputte Plastikradios neben Kopien altgriechischer Plastiken, ein hölzerner Pinocchio neben dem Bildnis des Papstes oder ein grellrotes Stofftier mit Seidenschleife neben einer alten Küchenkommode.

Es ist schwer, der Verführung zu widerstehen, die Beschreibung der Dinge in diesem "Museum" immer weiter zu führen. Das Museum beherbergte, so schätzte Benzi selbst, rund 2,7 Millionen Dinge und ist damit so übervoll mit zufälligen und gewollten Arrangements, so unglaublich weit in seinen Verweisen, so unerklärbar wie das neuronale Netz des menschlichen Gehirns - und dabei genauso schön in seiner Komplexität und Funktionalität. Kurz: Shangri-La entzieht sich jeder Interpretation und ist zugleich offen für unendlich viele Deutungen. So wird jeder Betrachter einen anderen Horizont und seine ganz persönlichen Erfahrungen mitbringen und damit ein anderes Shangri-La sehen. Eines, das genauso weit oder speziell ist wie sein Gedanken-, Erfahrungs-, Gefühls- und Wissensschatz. Und genau das ist das Wunder dieses einzigartigen Museums.

Irren im Verweis-Labyrinth

Etliche pilgerten nach Shangri-La, um durch die Verschläge und die Schuppen, unter Bäumen und hölzernen Dächern zu wandeln, Schritt für Schritt, Gedanken für Gedanken, durch dieses verwunschene Verweis-Labyrinth zu irren. Eingeladen, alles mit allem zu vergleichen. "Es kamen Stars, coole Leute würde man heute sagen, zum Beispiel die Fußballer von Juventus Turin", erinnert sich Benzis Frau Rosa heute, im Alter von über 80 Jahren.

Der Museumsleiter Benzi selbst starb 2014 im Alter von 83 Jahren - und mit ihm die Weiterentwicklung seines Museums. Wer auch sollte diesen herrlichen Wahnsinn in seinem Sinne weiterführen? Um die Erinnerung an den Ort wach zu halten, hat der Verlag Modo mit "Shangri-La - Das Museum hinter der Brücke" einen fantastischen Band vorgelegt. Dem "Bildessay von Cosima und Klaus Schneider" gelingt damit nicht weniger als die Rettung des Werkes Benzis.

Es ist ein Kunstwerk für sich, dass die Arbeit des Museumsleiters respektvoll zitiert und dem Leser näherbringt. Etwa mit dem Bildersturm, den der mehr als 350 Seiten starke Band seinem Betrachter zumutet. Oder den Aufsätzen im letzten Teil des Buches.

Dort sind sechs kluge Essays versammelt. Die Herausgeber haben für diese Texte eine Runde illustrer Autoren mit unterschiedlichen Hintergründen gewonnen, die Benzis Dingwelt mit sechs vollkommen unterschiedlichen Thesen würdigen.

Renate Flagmeier, Kuratorin des Museums der Dinge in Berlin, nimmt Shangri-La zum Anlass, über das Sammeln nachzudenken, während der Autor und Literaturwissenschaftler Heiner Boencke mit kunstvoll verwobenen historischen Verweisen die "größtmögliche Katastrophe" und eine "kopfstehende Welt" hineindeutet. Die Kunstkritikerin Sandra Danicke begrüßt derweil den Humor des Zufalls und prüft Benzis Eignung zum Outsider-Künstler, während Roland Meyer, bis 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste in Berlin, über den Staub nachdenkt, der auf allen Objekten liegt.

Alle folgen dabei lustvoll dem Reiz des Museums, ihre Gedanken und ihr Wissen auf der Vielfalt der Deutungsangebote spielen zu lassen. Und Pietro Benzis Shangri-La ist ein so erstaunliches Instrument, dass es jede dieser vollkommen unterschiedlichen Melodien und Spielweisen gleich schön und daseinsberechtigt erklingen lässt.

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    Shangri-La

    Das Museum hinter der Brücke - Museo dopo il Ponte

    modo Verlag;
    400 Seiten; 56,00 Euro.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
novoma 03.11.2015
1. Ist das Kunst
Oder kann das weg? Oder bleibt das, in alter italienischer Tradition, solange auf dem Acker liegen, bis es von Erd- und Staubablagerungen zudeckt sein wird, wie einst das alte Ostia?
c0lt 03.11.2015
2.
Heute sagt man dazu Ronaldo... ahhh Messi.
udlinger 03.11.2015
3. Wunderbar
was für eine tolle Idee für diese Art von Atmosphäre und Impression. Einfach wunderbar. Hier hätte ich mich an einem Bildband sehr gerne mit einer Fotokamera beteiligt.
Ossifriese 03.11.2015
4. Berlin
So ungewöhnlich kommt mir das alles nicht vor - bestenfalls noch in seiner Masse. Aber zu Hochzeiten der Trödelläden im guten alten Berlin gab es nicht wenige - häufig genug in Kellern versteckte - ganz ähnliche Lager von Altertümern und Neuzeitlichem, von Rat und Unrat, vor allem, ganz ähnlich komponiert und zusammengestellt. Dahinter stand sicher eine andere Idee, die des Verkaufsgeschäftes, aber der eine oder andere Trödler hatte sicher auch ähnliche Ambitionen wie der Schöpfer des "Shangri-La". Und es war ganz sicher nicht weniger spannend durch diese Abenteuerspielplätze zu streifen, um vielleicht sogar Brauchbares oder Wertvolles für einen eigenen Kauf zu entdecken. Wenn dann der Händler überhaupt verkaufen wollte. Manch einer hing an seiner "Sammlung" so sehr, dass er lieber alles behielt.
streckengeher 03.11.2015
5.
Was genau unterscheidet dieses "Museum" von den üblichen Ansammlungen von Trödel? Die Art der Exposition? Der eigene Anspruch?
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