Weltrekordhalterin Natalia Moltschanowa Freitauch-Legende im Mittelmeer verschollen

Sie stellte 41 Weltrekorde auf und holte 23 WM-Titel: Natalia Moltschanowa gilt als mit Abstand beste Apnoe-Taucherin. Doch seit einem Routine-Tauchgang vor Formentera wird sie vermisst. Ihr Sohn befürchtet das Schlimmste.

AFP

Natalia Moltschanowa hatte nichts Außergewöhnliches geplant: ein Ausflug mit Freunden, ein Boot mieten, ein paar Kilometer aufs Mittelmeer hinausfahren und dann vor der Baleareninsel Formentera ein bisschen tauchen, nur 30 bis 40 Meter tief, natürlich ohne Pressluftflasche. Aber das ist eigentlich keine große Herausforderung für die Russin, die als beste Freitaucherin der Welt gilt, als Legende in ihrer Sportart.

Die 53-Jährige schaffte es, mehr als neun Minuten lang den Atem anzuhalten. Oder ohne Hilfsmittel 71 Meter tief zu tauchen. Diesen Rekord hatte Moltschanowa erst im Mai aufgestellt. Mit Unterstützung einer Flosse erreichte sie sogar schon eine Tiefe von 101 Metern.

Doch am Sonntag vor Formentera muss irgendetwas schiefgegangen sein. Moltschanowa tauchte nicht wieder auf und ist seither spurlos verschwunden. Eine sofort eingeleitete Rettungs- und Suchaktion verlief bislang ergebnislos. Rettungskoordinator Miguel Chicon sagte, die Suche sei "sehr kompliziert". Zuletzt kam auch ein Tauchroboter zum Einsatz, der in mehrere Hundert Meter Tiefe vordringen kann.

Doch inzwischen wurde die Suche eingestellt. Die Guardia Civil kündigte an, sie werde in den kommenden Tagen noch mit zwei Booten darüber wachen, ob der Körper der Taucherin an die Oberfläche gelange oder an die Küste geschwemmt werde.

"Unglaublicher Verlust"

Alexej Moltschanow, Sohn der Vermissten und ebenfalls erfolgreicher Freitaucher, rechnet ebenfalls mit dem Schlimmsten. Er erwarte nicht mehr, dass seine Mutter noch lebend gefunden werde, sagte der 28-Jährige der "New York Times". "Es sieht so aus, als würde sie im Meer bleiben. Ich glaube, das hätte ihr gefallen."

Über die Ursache für das Unglück lässt sich nur spekulieren. Der internationale Apnoe-Tauchverband AIDA vermutet, Moltschanowa könnte eine starke Unterwasserströmung zum Verhängnis geworden sein. Andere Theorien sind: starke Schwankungen der Wassertemperatur, plötzliche Bewusstlosigkeit oder ein Hai-Angriff.

In einer gemeinsamen Erklärung von AIDA und Moltschanowas Familie heißt es: "Die Gründe für Natalias Verschwinden sind unbekannt, aber sie tat das, was sie liebte. Natalia hat eine Leidenschaft für das Freitauchen, die sich so tief in sie hineingebrannt hat, dass sie dem Freitauchen ihr Leben gewidmet hat." Sie sei eine Inspiration für alle Freitaucher gewesen.

Wegbegleiter äußern sich bestürzt über den wahrscheinlichen Tod Moltschanowas. Die Welt habe die größte Freitaucherin verloren, schrieb Will Trubridge, der ebenfalls mehrere Weltrekorde hält, via Twitter.

Die deutsche Rekordhalterin Anna von Boetticher sprach in der Fachzeitschrift "Tauchen" von einem "unglaublichen Verlust. Für den Sport, aber vor allem für uns alle persönlich". Sie sei eine Ausnahmeathletin gewesen, mit Mitte 50 immer noch "unangefochtene Spitze". Und sie habe selbst für ihre Konkurrentinnen immer Ratschläge parat gehabt.

wit



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